Wirtschaft : Christa Oenicke-Jeschke

Geb. 1934

Thomas Loy

Keinen Hofknicks vor der Queen! Sie war ja sehr politisch. Ach nee, die Kleene, ’ne kleene Pummelige war sie ja, rund, gemütlich, eine Familienglucke, keine Plaudertasche wie ich. Sehr liebenswerter Mensch, zugänglich, passte gar nicht ins Metier, deshalb mochte ich sie ja. Schauspielerinnen sind sonst ja so übernatürlich, ehrgeizig, missgünstig, verkneifen sich’s Kinderkriegen, wissen ja nicht, was sie verpassen. Die Christa hatte nie Star-Ambitionen, war keine Kämpfernatur, hat sich schnell in die Ecke drücken lassen. Sie hatte ja das Kind und ihren Mann.

Gute Freundinnen? Naja, wir kannten uns, waren mal zusammen auf Tournee. Besondere Erlebnisse gab’s da nicht. Jeden Tag eine andere Stadt, ein anderes Hotelzimmer, im Bus pennt jeder, das ist Stress. Ich bin jetzt 61, geh’ auf Rente, bin glücklich, dass es vorbei ist. Nach so einer Tournee telefoniert man noch mal, dann ebbt das ganz schnell ab, wissen sie. Habe nichts mehr von ihr gehört. Wusste gar nicht, dass sie gestorben ist.

Bisschen einsam war sie wohl, sehr schüchtern, hat nie den Mund aufgemacht in großer Runde, solche Menschen rühren mich, wissen sie. Auf der Bühne konnte sie auf den Putz hauen, das war ihr Spieltrieb. Aber irgendwann wird man müde. Die Zeiten sind schlecht fürs Schauspiel. Tut mir leid, dass ich sie nicht nochmal gesehen habe, die Kleene. Bin sehr erschüttert.

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Damals in Magdeburg waren wir im gleichen Ensemble, Anfang der fünfziger Jahre. Rotes Theater, nur Brecht, Gorki, Tschechow und völlig unbekannte Arbeiterautoren, furchtbar! Manchmal war schon morgens um acht Premiere für die Konsum-Angestellten. Christa war die Jüngste im Ensemble, ein unglaublich fröhlicher Mensch, später dann nicht mehr. Sie war zuerst im Liebhaberinnenfach, hatte schöne große dunkle Augen, trat immer mit Hut auf. Eine richtige Eva.

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1972 haben wir uns kennen gelernt, auf einer Kur in Bad Wildungen. Da traf sich eine Berliner Runde. Ich stellte mich als Herr Jeschke vor, da lachte sie und sagte: So’n Zufall, Jeschke heiß’ ich auch gerade. Da spielte sie in einer Vorabendserie für den SFB. 1976 kam dann unser Sohn. Sie musste lange im Krankenhaus liegen, weil eine Fehlgeburt drohte. Im Krankenhaus haben wir dann auch geheiratet.

Von früher weiß ich nicht viel. Mit dem Günter Lamprecht war sie zusammen bei Hilde Körber auf der Schauspielschule in Berlin, gegen den Willen ihrer Eltern. Dann gab es Engagements am Ku’damm. Mit Didi Hallervorden spielte sie in „Turandot“. Mit „Cäsar und Cleopatra“ von Shaw war sie auf Südamerika-Tournee, neun Monate lang. Der Kritiker des „Argentinischen Tageblatts“ schrieb: „Ihr Spiel hatte Geist und Grazie.“ Man werde sie „die Oenicke“ nennen. Den Ausschnitt hat sie aufgehoben, die Zeilen unterstrichen, aber nie herumgezeigt.

Ach ja, auf eine Sache war sie besonders stolz. Das war, als sie ein Engagement in Hannover hatte. Queen Elizabeth war auf Besuch und empfing auch das Ensemble des Stadttheaters. Christa verweigerte ihr den Hofknicks, als Einzige. Sie war ja sehr politisch.

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Was ich nie verstanden habe: Wie kann man aus der DDR flüchten und weiter links bleiben? Sie war sehr links, krass links. Wenn wir uns getroffen haben, hat sie jedesmal von Politik angefangen. Was dann immer im Streit endete. Waren aber sonst sehr nette Nachmittage.

Bei „Peterchens Mondfahrt“ haben wir zusammen gespielt, sie war elf, ich neun. Sie spielte die Morgenröte, ich einen Pagen. Sie wollte unbedingt Theater spielen, wandte sich einfach ans Schauspiel in Magdeburg und bekam die Rolle. Mich hat sie dann auch eingeschleust. 3 Mark 50 bekamen wir pro Abend, eine Menge Geld, das haben wir für Süßigkeiten verschleudert. Dann wuchs sie so hinein ins Ensemble. Sie war ja draufgängerisch und sehr hübsch, ich eher schüchtern.

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Woran sie gestorben ist? Brustkrebs.

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