Christentum und Gerechtigkeit : Chancengleichheit zu fordern, reicht nicht aus

Nicht nur die Chancengleichheit muss verbessert werden. In Deutschland wären auch höhere Spitzensteuersätze und höhere Erbschaftssteuern sinnvoll. Ein Gastbeitrag.

von und Frank-M. Scheele
Der obdachlose Slowake Stano sitzt ei Temperaturen um den Gefrierpunkt mit seinem Hund Mob zwischen Decken und Matratzen unter einer Brücke an der Helgoländer Allee in Hamburg.
Der obdachlose Slowake Stano sitzt ei Temperaturen um den Gefrierpunkt mit seinem Hund Mob zwischen Decken und Matratzen unter...Foto: picture alliance / dpa

Es ist offenkundig: Viele Menschen in der westlichen Welt – nicht nur in Deutschland – fühlen sich ausgegrenzt und sind davon überzeugt, dass ihre Wünsche und Nöte nicht ernst genommen werden. Die Wahl Donald Trumps zum US-Präsidenten ist wohl nur so zu erklären: Er hat den ins Prekariat – wie wir in Deutschland sagen – abgesunkenen Wählerinnen und Wählern und denjenigen, die fürchten, dass sie künftig absinken, versprochen, ihnen wieder ein verlässliches Leben zu bescheren.

Dabei verspricht Trump keine Wohltaten und erst recht keine Barmherzigkeit. Er behauptet, dass er die verlorenen Arbeitsplätze für die un- und angelernten Arbeiter, die es in den USA viel mehr gibt als in Deutschland, in den USA halten beziehungsweise wieder zurückholen wird.

Sozialer Aufstieg ist schwierig

Nun leben wir zweifellos in Zeiten, in denen die Schere zwischen Arm und Reich deutlich sichtbar ist. Global sowieso, aber auch in vielen modernen Staaten. Wobei Deutschland nicht besonders auffällig ist. Aber wer bei uns als Kind in ein bildungsfernes Elternhaus geboren wurde und wird, der hat es in der Tat schwer, über gute Bildung sozial aufzusteigen. Hinzu kommt, dass Eltern, die selbst über Bildung aufgestiegen sind, vielfach Angst haben, dass ihre Kinder absteigen.

Die unübersichtliche Gemengelage sorgt für verständliche Frustration bei vielen – die sich dann aber gegen alles, was mit globalem Handel und kaufmännischem Agieren zu tun hat, richtet. Dafür wird gerne auch das Christentum als Kronzeuge herangezogen. So einfach sollte man es sich nicht machen.

Papst verteufelt nicht den Reichtum

Vieles deutet darauf hin, dass Jesus, dessen Ziehvater Josef als Handwerker ja Kleinunternehmer war, eine gewisse Bewunderung für kluge Kaufleute empfand. Im Gleichnis von den Talenten wird zudem deutlich, dass der Heiland einen Sinn hatte für Einsatzbereitschaft, Fantasie – und dass er Mut zum Risiko schätzte. Dies ist kein Freibrief für gewissenloses Handeln. Das Gleichnis des reichen Jünglings macht klar, das zum Christsein als Vermögender mehr gehört, als sein Vermögen nur zu verwalten und die Gebote einzuhalten.

Wie so oft, bringt es Papst Franziskus auch hier auf den Punkt: „Gott ist in den Armen gegenwärtig. Ihnen zu helfen macht daher reich.“ Ist der Papst womöglich naiv in dieser Frage? Keineswegs, denn er verteufelt nicht den Reichtum, wenn er für die Armen Partei ergreift. Mit seiner Aussage „Reichtum ist eine gute Sache, sofern er in praktizierender Solidarität geteilt wird. Reichtum darf sich jedoch nicht gegen andere Menschen richten“ bringt der Pontifex es auf den Punkt. Nicht die Armut verherrlichen, sondern sie bekämpfen – dabei können viele mithelfen – besonders die Vermögenden.

Nicht allen ist mit Chancengleichheit geholfen

Bedenken wir: Nicht in einem New Yorker Penthouse wurde Gott Mensch, sondern in einem Stall am Ende der Welt. Handeln wir also klug, aber auch barmherzig. Etliche Ökonomen ziehen aus den genannten Problemen die sachlich richtige Schlussfolgerung, dass die Chancengleichheit verbessert werden muss. Diese Forderung ist ohne Zweifel vernünftig, da ihre Umsetzung – durch bessere Vorschuleinrichtungen, Schulen und Ausbildungsgänge – helfen würde, schlechte oder fehlende berufliche Qualifikation zu verringern, (Dauer-)Arbeitslosigkeit zu reduzieren und ordentliche Einkommen zu ermöglichen.

Freilich wird übersehen, dass sie die Ängste der Mittelschicht, dass ihre Kinder sozial absteigen, keineswegs zum Verschwinden bringen würde. Denn Chancengleichheit bedeutet, dass weniger begabte Kinder der Mittel- und Oberschicht absteigen würden. Und im Übrigen ist mit mehr Chancengleichheit denjenigen nicht geholfen, die so alt sind, dass sie ihre Qualifikation nicht mehr nennenswert verbessern können. Genau diese Gruppe ist es aber, die besonders gefährdet ist, leeren Versprechungen eines Donald Trump hinterherzulaufen.

Einkommen müssen besser verteilt werden

Nicht nur die Chancengleichheit muss verbessert werden, sondern die Verteilung der Einkommen muss wieder breit akzeptiert werden. Deswegen sind in Deutschland wieder höhere Spitzensteuersätze und höhere Erbschaftssteuern sinnvoll – die zugleich ja auch ein Instrument zur Herstellung von mehr Chancengleichheit sind. Und denen, die besonderes Pech hatten, dazu gehören Frührentner und chronisch Kranke, sollte effektiver geholfen werden, als das unter dem Stichwort „Hartz IV“ der Fall ist. Bildung darf nicht am Geldbeutel scheitern; eine ausreichende Ausbildungsförderung ist notwendig. Kurzfristig ist also mehr Umverteilung von oben nach unten angesagt.

Gert G. Wagner ist Vorstandsmitglied des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin) und Mitglied der „Sozialkammer“ der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). Frank-M. Scheele ist Pfarrer der katholischen „Maria-unter-dem-Kreuz“-Gemeinde in Berlin (Friedenau-Wilmersdorf).

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