Wirtschaft : Christfried Berger

Geb. 1938

Claudia Keller

Er wollte die Welt in die DDR holen. Nach Schmöckwitz. Auf der Terrasse am Langen See sitzen, einfach nur so, weil die Sonne scheint. Für so etwas braucht man Zeit, viel Zeit. Dann würde es so sein wie früher manchmal – selten. Da saßen sie um den Holztisch in Schmöckwitz, Almuth, Christfried, die drei Töchter, und spielten Mah- Jongg, ein chinesisches Spiel mit vielen Holztäfelchen, das in der Familie von Generation zu Generation weitergegeben wurde. Christfried Berger, groß, schlank, Vollbart und große braune Augen, spielte Mah-Jongg besonders gern, weil dabei sein Gewissen Pause hatte und das Pflichtgefühl. Er freute sich, wenn ihm das Glück die besten Steine zuspielte, ganz ohne sein Zutun.

Meistens sahen die Töchter ihren Vater, wie er am Schreibtisch saß, die Bibel wälzte, Predigten schrieb, Tagungen organisierte und durchs knackende und rauschende Telefon rief. Dass er in der DDR abgehört und beobachtet wurde, davon ging er aus, seit er als einer der ersten den Wehrdienst mit Waffe verweigert hatte. Seine Ideen passten auch selten ins Konzept der Staatsfunktionäre. Mitte der Siebziger zum Beispiel sammelte er mit Frauen von der Kirche alte, mechanische Nähmaschinen für Tansania. Die Partei aber fand, dass der Export solch alter Geräte dem Image der DDR schaden könnte. Berger brauchte Jahre, um die Funktionäre zu überzeugen, dass die 500 Nähmaschinen keinen unmittelbaren Schaden anrichten würden. Dann durfte er nicht nach Polen fahren, weil er in der DDR Seminare zur Aussöhnung veranstaltet hatte. Da gäbe es nichts auszusöhnen, hieß es: Wir haben eine Oder-Neiße-Friedensgrenze! Reicht das nicht?

In den Westen zu gehen kam für Christfried Berger und seine Frau aber nie in Frage. Im Osten wurden sie gebraucht. Ein Erbstück, das er von seinen Eltern mitbekommen hatte, war das Pflichtbewusstsein, der feste Glaube, dass man dort, wo Gott einen hinstellt, seine Aufgabe zu erfüllen habe. Eine regelrechte Mission sah er darin: Nie wieder sollten vor Menschen Türen zugeschlagen werden, wie das einst seiner Mutter geschah, weil sie jüdische Vorfahren hatte. Nie wieder sollten Männer an die Front müssen wie sein Vater, der dort 1943 umkam.

Christfried Berger wollte die Welt in die DDR holen. In Schmöckwitz baute der Pfarrer einen Bungalow, in dem polnische Freunde ihren Urlaub verbringen sollten. Er lud eine jiddische Sängerin in seine Kirche ein und diskutierte Ende der sechziger Jahre in seinem Gemeindehaus mit Juden über den Holocaust. Später kamen viele Holländer nach Schmöckwitz, die wissen wollten, wie Christen im Atheistenstaat leben. „Da haben wir uns gleich viel wichtiger genommen“, sagt Almuth Berger. Allerdings sei ihnen da auch erst bewusst geworden, für wie viele Kleinigkeiten sie kämpfen mussten, die anderswo selbstverständlich waren.

In den achtziger Jahren beließen es die Staatsvorderen nicht mehr beim Abhören und Beobachten. Sie ließen die Töchter nicht studieren, was sie wollten und schleusten Stasi-Spitzel in Bergers engsten Freundeskreis. Aus seiner Stasi-Akte hat er später erfahren, wie man ihm systematisch zusetzen wollte.

„Für uns beide war zu wenig Zeit“, sagt Almuth Berger, „wir wollten jetzt so viel nachholen.“ Vor sieben Jahren ist ihr Mann in den Ruhestand gegangen, sie wollte gerade ihre Position als Ausländerbeauftragte in Brandenburg aufgeben. Im April des vergangenen Jahres fuhren sie auf der Autobahn nach Thüringen, um seine Mutter zu besuchen. Christfried Berger saß am Steuer und raste unter einen Lkw. Vielleicht hatte er einen Herzinfarkt. Er lag lange im Koma und verbrachte dann etliche Monate in einer Reha-Klinik. An ihrem 39. Hochzeitstag hat Almuth Berger ihren Mann beerdigt.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben