Wirtschaft : Christian Fenner

(Geb. 1943)||Wichtiger als das Wort war höchstens: ein guter Käse aus Frankreich.

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Wichtiger als das Wort war höchstens: ein guter Käse aus Frankreich. Man kann fast alles können, aber kaum alles perfekt. Christian Fenner zum Beispiel war ein eher schlechter Autofahrer. Er fuhr nach Gehör durch die Stadt, sagen seine Freunde. Er ließ mal einen Karton mit geliehenem Meissner-Porzellan auf seinem Autodach stehen. Als er losfuhr, schepperte es laut. Das hat er bestimmt gehört. Schlimmeres ist ihm zum Glück im Straßenverkehr nie passiert.

Besser waren für ihn die kurzen Wege, am besten die bekannten rund um den Savignyplatz, da konnte er gefahrlos und in Gedanken in die Carmerstraße biegen, den italienischen Hut steil auf den Kopf gesetzt. Wenn er einen Bekannten traf, davon gab es viele im Kiez, blieb er gern stehen und plauderte. Der Smalltalk, sagen seine Freunde, ein freundliches, verbindliches Wort aus dem Stegreif, lag ihm ausgezeichnet. Genauso wie die ernsthafte Debatte, durchaus auch mit wildfremden Menschen. Immer interessiert, immer engagiert, immer glühender Verfechter der Demokratie. So wie an der DDR-Grenze, als ihm der Vopo den „Spiegel“ abnahm. Mit dem hat er so lange diskutiert, dass er seine Fähre nach Skandinavien verpasste.

Demokratie, sagen die Verächter, ist nichts als Gerede. Für Christian Fenner war gerade der Demokratie wegen das Reden eine unverzichtbare, eine heilige Angelegenheit.

Als er 1992 als Professor für politische Wissenschaften nach Leipzig berufen wurde, freute er sich natürlich. Er war Absolvent des „OSI“ an der Freien Universität. Die Uni war für ihn der Ort, an dem er seine politische Meinung auf Stichhaltigkeit überprüfen und aufs Feinste ausfeilen konnte.

Er lehrte und forschte gern in der sächsischen Provinz, doch jeden Freitag, pünktlich zum Wochenende, kehrte er schnell an den Savignyplatz zurück, zu seiner glücklichen Patchworkfamilie, seiner neuen Ehefrau und seiner ganz in der Nähe wohnenden Exfrau mit dem gemeinsamen Sohn. Zurück in die riesige Altbauwohnung über der „Dicken Wirtin“. Größter Schmuck der Wohnung waren ein eleganter englischer Esstisch und ein achtflammiger Profiherd in der Küche. In den langen Gängen standen verstaubte Bücherregale mit Nachschub für den unstillbaren Theoriehunger.

In Leipzig, klagte er 1992, krieg ich ja noch nicht mal einen gescheiten Essig. Das hat sich wohl inzwischen geändert. Aber eine KaDeWe-Feinkostabteilung haben sie dort noch immer nicht. Im KaDeWe wurde er vom Fachpersonal mit Namen begrüßt. Und mochte auch das Wort für ihn eine große Sache sein – ein guter französischer Weichkäse stand noch ein winziges Stück darüber.

Alle zwei Monate lud er befreundete Wissenschaftler und Journalisten zu sich ein, um bei feinen Weinen, Edelfisch und „Erdbeeren Romanow“ Fragen der sozialen Gerechtigkeit zu diskutieren. Es ist nicht im Einzelnen überliefert, wie der Genuss der Köstlichkeiten die politischen Argumente beeinflusste. Doch ihn stimmte es einfach glücklich, wenn sein sanft gegarter Brassato gut gelang und die Gäste beim Verzehr des Zwiebelconfits in Rotwein und „mit möglichst wenig Sättigungsbeilage“ in Verzückung gerieten.

Man sah ihn auch im Winter nur mit seinem alten Lieblingssakko aus England und einem Schal um den Hals. Bescheidenes Äußeres und Professorengehalt, Gewissen und Genuss, ein Leben mit gut auszuhaltenen Widersprüchen. Er war tolerant, auch sich selbst gegenüber.

Seine Wohnung war durchaus typisch fürs alte West-Berlin: ein leicht heruntergekommener Palast, Marmorsäulen, Stuck und Parkettboden neben offen laufenden Rohren, und die Elektrik von irgendeinem früheren Bewohner provisorisch selbst verlegt. Als Christian Fenner die Schreibtischlampe im Arbeitszimmer reparieren wollte, griff er unter den mit Papieren bedeckten Tisch an die Steckdose und stützte sich dabei an der Wand ab. Die stand unter Strom, es fehlte bei einer Leitung die Erdung. Kirsten Wenzel

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