CHRISTIAN FRIEGE, LICHTBLICK-CHEF : „Wir sind Gewinner der Situation“

Foto: Lichtblick
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An jenem Freitag saß ich im Auto und habe im Radio von dem Beben gehört. Erst nach und nach sickerte durch, was da tatsächlich los ist. An dem Wochenende wurde ich zum News-Junkie, kam gar nicht mehr von Internet und Fernsehen los. Die ganze Zeit habe ich gehofft, dass der schlimmstmögliche Fall nicht eintritt: Die atomare Wolke durfte nicht nach Süden gen Tokio drehen!

Ich habe mal ein halbes Jahr in Tokio gelebt. Vom Zentrum fährt man stundenlang mit dem Zug, ohne die Stadt zu verlassen. Es ist ein Ballungsraum mit 35 Millionen Menschen. Es ist unmöglich, alle zu evakuieren. Wo sollen die Menschen denn hin? Insofern muss man sagen, dass trotz der vielen Opfer des Bebens der GAU in Fukushima bisher sogar noch glimpflich verlaufen ist. Bisher. Denn die Probleme in Fukushima sind ja nicht gelöst, nur weil nicht mehr darüber berichtet wird.

Die unendlich große Hilflosigkeit der Japaner hat uns Deutsche erschreckt. Es ist nicht in Russland passiert, sondern in einem der fortschrittlichsten Länder der Welt. Und auch das hatte kein Konzept, mit so einem Unfall umzugehen.

Man kann Risiken nur managen, wenn man diese vorher als Risiken identifiziert hat. Und erst dann kann man ein Restrisiko definieren – ein Begriff übrigens, der im Zusammenhang mit Atomkraft verniedlichend klingt. Was ist mit den Risiken, an die man nicht gedacht hat? Ich habe in den Wochen nach dem 11. März viel über Verantwortung nachgedacht, mit anderen Managern um die Frage gestritten: Ist dieses Restrisiko verantwortbar? Wenn die Kernkraft einmal außer Kontrolle geraten ist, kann man die Kontrolle darüber kaum mehr zurückgewinnen. Bei welcher Technologie gibt es das sonst? Mir ist keine eingefallen.

Die zweite Frage, die ich mir als Chef eines Energieversorgers gestellt habe, war: Könnte ich, wenn mein Unternehmen Atomkraftwerke betreiben würde, Fachpersonal an den Unglücksort schicken, damit die versuchen, das Problem zu lösen? Nein, das könnte ich nicht verantworten.

Wir haben schon am ersten Wochenende bemerkt, dass wir als Ökostromanbieter Gewinner der Situation sind: Vorher haben wir rund 200 bis 300 neue Kunden am Tag registriert, in den Tagen und Wochen danach meldeten sich täglich 700 bis 1000 an. Dabei hatten wir uns bewusst dagegen entschieden, zusätzlich Werbung zu schalten. Wir wollten nicht mit dem Unglück anderer versuchen, unser Glück zu machen. Die neuen Kunden haben wir aber natürlich gern genommen. Nach wenigen Wochen pendelten sich unsere Neukundenzahlen dann wieder auf ein normales Niveau ein.

2011 hatten wir in der Atompolitik eine Wende von der Wende. Immerhin hatte die Kanzlerin die Größe, eine nur Monate zuvor getroffene, schlechte Entscheidung zu korrigieren. Dafür mein Respekt. Nun, Ende des Jahres, stelle ich fest: Wir haben zwar erste Atomkraftwerke abgeschaltet, aber die Energiewende noch lange nicht geschafft. Und einige große Konkurrenten versuchen offenbar weiter, ihre Energiepolitik des ausgehenden 20. Jahrhunderts fortzusetzen.

Aufgezeichnet von Kevin P. Hoffmann

Christian Friege (45) ist Vorstandschef

der Lichtblick AG

aus Hamburg. Der Marktführer unter den

Ökoenergieanbietern gewann nach dem GAU in Fukushima

viele neue Kunden.

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