Wirtschaft : Christian Mertens

Geb. 1949

David Ensikat

Familie, Firma, alles paletti. Aber die Welt da draußen – furchtbar. Was bleibt? Na nichts. Asche, Atome, Moleküle. Sonst nichts, das war’s. Christian Mertens war sich da ganz sicher. Bei den Dingen des Lebens war er sich immer ganz sicher. Da macht ihm doch beim Tod keiner was vor.

Christian Mertens hat den Text für seine Todesanzeige selbst aufgeschrieben – wer weiß, ob die anderen da irgendwas beschönigen würden, da gibt es nichts zu beschönigen: „Ich musste sterben, weil ich nicht zur Krebsvorsorge gegangen bin. Wenn man schon sterben muss, so kann ich der Sache auch etwas Positives abgewinnen. Nämlich eine Epoche verlassen zu müssen, welche fast nur noch aus Dummheit, Gier und Dekadenz besteht.“ Genau so stand es dann in der Zeitung. Basta.

Aber er hat doch auch seine Frau verlassen, die von ihm sagt, er sei der schönste Fehler ihres Lebens gewesen. Und seine drei Töchter und vier Enkel, drei Häuser, eine komplette, intakte, kleine Welt. „Klingt komisch“, sagen sie, „aber seine Meckerei, die fehlt uns schon.“

Ein Patriarch war er, einer, der die Dinge in die Hand nahm und im Griff behielt, einer, der immerzu gearbeitet und das Geld verdient hat, der für die Familie ein großes Nest gebaut hat, unten in Lichtenrade. Er war der Mann, der bestimmt, wo’s lang geht, der damit nicht selten nervt, von dem sie heute aber sagen: „Eigentlich hatte er ja immer Recht“.

Natürlich ist die Raucherei idiotisch. Aber muss man so ein Theater machen, wenn man die 16-jährige Tochter dabei erwischt? Muss man Gästen, die mal eine rauchen wollen, denn die Wahrheit sagen: „Kannste dir auch gleich ’n Zehn- Mark-Schein anzünden.“

Natürlich ist es ekelhaft, wenn der Hund des Nachbarn einen Haufen vors eigene Tor setzt. Aber ist es so geschickt, dem Nachbarn nur mit übler Miene einen Spaten in die Hand zu drücken?

Natürlich stecken in allen möglichen Sprays alle möglichen Schadstoffe, FCKW und so weiter. Aber deshalb in einem Haushalt mit vier Frauen jeglichen Spray-Einsatz zu untersagen?

Wie gesagt: Er hatte immer Recht.

Naja, als er der jüngsten Tochter stolz erzählte, wie er ihre Mutter kennen gelernt habe, da lag er wohl etwas daneben: „Die fand, dass ich so gut tanze. Da hat sie mich angesprochen.“ Die Mutter erinnert sich ein bisschen anders: Er, Christian Mertens mit dem Vollbart und den langen Haaren, mit den Schlaghosen und den schlechten Manieren war es, der sie ansprach: „Du siehst ja aus wie meine Ex in Schweden. Wollen wir tanzen?“ Geträumt hatte sie von einem schwarzhaarigen Hünen, der hier war mittelblond und nicht so richtig groß. Aber er ging ran und ließ nicht ab – der schönste Fehler ihres Lebens.

Als sie sich kennen lernten, hatte er seine großen Abenteuer gerade hinter sich. Maurer hatte er in Berlin gelernt, dann war er ein Jahr zur See gefahren, war in Australien und in Ägypten, schließlich in Schweden, wo er in einer Brauerei und im Schlachthof Geld verdiente. Nun, zurück im Hafen, in Berlin, sollte es eine Familie sein. Das hat Christian Mertens so beschlossen, also hat Christian Mertens mit seiner Berliner Liebsten eine Familie gegründet.

Sehr bald hat er auch beschlossen, dass die Beschlüsse seines Chef nicht mehr für ihn gelten sollten, und hat sich selbstständig gemacht. Mit Bau- und Gartenarbeiten verdiente er lieber selbst das Geld, mit dem er zuvor den Mercedes seines Chefs finanziert hatte.

Es ist alles gut gelaufen. Die Familie, die Firma – alles paletti. Aber einen Christian Mertens macht das bisschen nicht zufrieden. Ein Christian Mertens schaut in die Welt hinaus und sieht: Da ist noch einiges im Argen, beinahe alles. Allein der Umweltdreck. Es sind ja nicht alle so wie er und fahren nur Auto, wenn es wirklich sein muss, und stellen einen Eimer in die Dusche, damit das Wasser nicht einfach im Abguss verschwindet, und spenden monatlich an Greenpeace. Und dann sind da noch die Bush- Krieger und der Papst. Christian Mertens nahm das alles sehr persönlich. Optimismus war für ihn nichts als Mangel an Information.

Er hat nicht geraucht und niemals Schnaps getrunken, er hat sich gesund ernährt. Alles umsonst. Da hatte er mit dem Optimismus eigentlich auch Recht, oder?

1 Kommentar

Neuester Kommentar