Wirtschaft : Christine Perthen

Geb. 1947

Marc Neller

Ihr Beruf: Lust, Pflicht und Flucht. Sünde ist es, Talent zu vergeuden. Ein alter Ausziehtisch: Friedhof der Erinnerungen. Die Grabmale: Bücher, Schreibmaschine, Notizen, Postkarten, eine Blechbüchse mit Johannisbeerbonbons und Fotos, eines davon aus dem Jahr 1888 – ihre Urgroßeltern. Der Tisch ist eine Insel, auf der sie alle hausen: die Vorfahren, die Familie, der Geliebte, die Wahlverwandten Michelangelo, Giacometti, Bachmann. Der Tisch stand am Fenster, immer als erstes Möbelstück in jeder ihrer Wohnungen.

Der Geliebte. Sie hat ihn nie erwähnt, auch nicht gegenüber guten Bekannten. Er ist das „Du“ in ihren Briefen und in ihrem Erzählband. Mitte der achtziger Jahre notiert sie in ihr Tagebuch: „Unsere Körper auf einer Ebene. Ich liege und sehe. Das Gesicht neben mir kann zum Gebirge werden.“

Gesichter, Körper. Sie bestimmen Christine Perthens Werk. Sie hat die Gesichter und Körper zu Tausenden geträumt und abgebildet. Mit Hilfe zarter Linien, suchender Linien; nervöser, endgültiger, einzelner, gebündelter. Unendliche Möglichkeiten, aus denen Christine Perthen ein dramatisches Universum Gequälter, Liebender, Sehender und Ohnmächtiger geschaffen hat, oft nach Vorlagen aus Nachbarkünsten. Nach Franz Schuberts „Der Tod und das Mädchen“ oder Kleists Marionettentheater zum Beispiel.

Der Ateliermensch Christine Perthen wacht oft mit einer Morgenmelancholie auf, das hat sie einmal gesagt. Sie ist dann fast ausgeschlafen, vor ihr liegt ein neuer Tag: Sechs Stunden Atelier, und sie weiß nicht, ob das Papier sich ihren Anspruch gefallen lässt. Ihr Beruf ist eine Lust, eine Pflicht, eine Flucht.

Wenn sie im Atelier arbeitet, sind die Vorhänge zugezogen. Nur die Arbeitslampe an der Staffelei gibt einen begrenzten Lichtort. Abgeschiedenheit. Sie will das Draußen vergessen, dem Papier etwas anvertrauen, Sehnsucht vielleicht oder Hoffnung, Angst. Das Papier bleibt still. Es nimmt ihre Mitteilungen entgegen. Es kann für Stunden ein Schutz sein.

Die Hochschuldozentin, die Christine Perthen auch ist, wirkt nahbarer. Eine selbstbewusste, gut aussehende Frau, die blonden Haare zum Knoten auf dem Hinterkopf gebunden. Dunk- le starke Augenbrauen, fein geschwungene Lippen, die Mundwinkel leicht herabhängend. Sie trägt Schwarz, meist Jackett und eine weite Hose. Ihre weiche dunkle Stimme und ihr sächsischer Akzent kontrastieren die klassische Strenge.

Die Studenten kommen auch mit unausgegorenen Entwürfen zu ihr. Sie mag es, Ideen mitzuentwickeln. Sie sagt, was sie denkt. Wenn sie Arbeiten korrigiert, legt sie Pergamentpapier auf und zeichnet darauf. Manchmal liegt etwas unaufdringlich Mütterliches in ihrer Art. Sie hatte keine Kinder.

Die Freundin Christine Perthen. Es ist ihr wichtig, dass sie eine Freundin ist. Trotzdem lässt sie das Telefon klingeln, wenn sie zu Hause ist. Erst wenn jemand auf den Anrufbeantworter spricht und mal nicht in Eile ist, hebt sie ab. Sie meint es nicht böse. Sie braucht Distanz. Sie siezt auch gute Freunde und lädt selten jemanden ins Atelier ein. Nach Hause nie. Privates gibt sie nicht preis.

Die Distanz hat mit ihrer Arbeitsauffassung zu tun: Es ist Sünde, Talent zu vergeuden. Ihre Haltung war auch die ihres Vater. Sie mutet sich ein Arbeitspensum zu, das andere als unmenschlich empfinden. Erschöpfung lässt sie sich nicht anmerken. „Ich brauche das, sonst hänge ich nur auf dem Sofa“, sagt sie.

Leise Zweifel kommen erst mit der Krankheit. Sie ist zum Schluss wie eine Kerze, die nur noch aus Docht besteht, ohne Wachsmantel.

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