Wirtschaft : Christoph Josten – Ovo Maltine

Geb. 1966

Gregor Eisenhauer

Eine Polit-Tunte mit klarem Programm und mit Wahlente Catarina. Das Beschissene ist, dass man immer noch daran stirbt. Der Aids-Virus ist nicht laxer geworden, nur die Einstellung dazu. Und genau das ging Ovo gegen den Strich. Er war eine Polit-Tunte, mit einem ganz klaren Programm: Immer besser angezogen sein als Claudia Roth.

1998 bewarb er sich als Direktkandidat für den Bundestag, gemeinsam mit seiner Wahlente Catharina. Markenzeichen: die hochtoupierte rosa Perücke. Das brachte nicht wahnsinnig viele Stimmen, aber die Aufmerksamkeit der Medien. Die war nötig, denn Mitte der Neunziger war Aids mal wieder kein Thema mehr. Aber es musste Geld her. Geld für Pflegehospize, für Aufklärung, und außerdem Geld fürs Überfalltelefon, für einen „Gedenkort für die vom Nationalsozialismus verfolgten Homosexuellen.“

Gesicht zeigen, geschminkt, oder ungeschminkt, sich auf die Bühne stellen, Tuntenliedchen zum Amüsemang trällern: „Was wird sein in sieben Jahren, wirst du dann noch bei mir sein…“ Dann machte er die Jacke auf, und auf dem Shirt stand: „HIV positiv“.

1992, im Herbst, hatte er es selbst erfahren. Aber er hat nicht abgebremst. Es war zu viel zu tun. Im Drag Store für übergroße Stöckel und Perücken, im schwulen Fernsehen, bei der Filmerei, daneben die Brotjobs als Nachtportier, als Garderobiere im Lipstick, im Chamäleon, als Top-Model für die Tunten-Oberbekleidungs-Designer. Dann die Shows: Ladies Night, Tuntenensemble. Positivieren, positiv leben, Spaß haben: „Aktive Schwester beim Orden der Perpetuellen Indulgenz mit Namen Schwester Paläo Froh Nie Transmoderne In Wohnhaft zu Flaggelant“.

1987 war er nach Berlin gekommen. Lange Rastalocken, oben zusammengebunden mit Lederriemen, schwarzes Cape mit weißem Kragen. „Gottchen, wie exaltiert. Kein Wunder, dass der arme Junge kein Zuhause mehr hat!“ Aber: Kein Klischee trifft zu. Ovo musste nicht fliehen, schon gar nicht vor seinen Eltern. Er wollte einfach nur die größere Bühne. Und als er ankam in Berlin, hat er auch gleich sein Publikum gefunden. Weil: Ovo sah hinreißend aus, ob als Mann oder Frau. Und dann stand er im SchwuZ, und einer sprach ihn an: „Wie heißt du? Christoph? Also Christine!“ – „Ihh, wie furchtbar“, stöhnte Christoph auf, „ich will doch mein Leben jetzt nicht als Christine fristen. Jetzt muss mir aber ganz schnell was einfallen!“ Alle Tuntennamen hatten damals irgendwas mit Lebensmitteln zu tun: Melitta, Pepsi, Bev Stroganoff.

Da brach das Ei: Und die Tunte Ovo Maltine wurde geboren. „Aber – wat is genau eine Tunte?“ Ornithologisch gesprochen: ein Paradiesvogel. Szenesprachlich: ein Schwuler im Fummel. Anthropologosophisch: ein Mensch wie du und ich. Mit mehr Geschmack in Kleidungsfragen und mehr Spaß als die Klemmschwestern mit Alibifrau.

Die Frage ist nicht: Was ist eine Tunte? Die Frage ist: Wie können andere sich am Anderssein stören? Schwule klatschen im Tiergarten. Dagegen hat er protestiert. Gegen Gewalt. Gegen Ausgrenzung. Gegen den genitalen Blick: „Das Geschlecht sitzt nicht zwischen den Beinen, sondern zwischen den Ohren.“

Transen, Tunten, Drags, je mehr Geschlechter, desto mehr Spaß. Und Ovo hat nichts ausgelassen, brav Goethe folgend, dessen Maxime über seinem Schreibtisch hing: „Rate sich jeder selbst und tu, was er nicht lassen kann.“ Er cruiste gern im Victoriapark, stand gern an der Klappe, tat auf der Bühne Sachen, die andere „Igittigitt“ sagen lassen. Vieles war Risiko. Und er musste damit rechnen: Positiv. PositHIV. Viele Ärzte haben es schwer mit der Diagnose: Die einen lesen ab. Die anderen heulen selbst.

Positiv. Was das heißt, das muss man den anderen begreiflich machen. Und sich selbst.

Er hat keine Medikamente dagegen genommen. „Die Ärzte wissen nichts genaues über die Nebenwirkungen, und ich weiß nichts Genaues. Da sterb ich lieber an meinem Unwissen als an deren Unwissen.“ Und er hat noch mal richtig Party gemacht. Privat und auf der Bühne. Seine Werte waren ja so weit okay.

Dann im Winter des letzten Jahres, total überraschend, die Diagnose: Lymphdrüsenkrebs. Aidskranke haben ein tausendfach höheres Risiko, daran zu erkranken. Er war bereits im letzten Stadium. Finalpflege.

Die Beerdigung hat er noch selbst geplant: „Das Bild möchte ich da haben, und das da. Klassische Musik, und nicht so viel Gequatsche. Und bitte: Bei Ovo heißt es nicht Beerdigung, sondern BEIsetzung!“

Wahlfamilie und Realfamilie waren da, haben sich verstanden und überboten an Fürsorge, was Ovo ganz weich gestimmt hat: „Umarmungen sind so schön.“ Und Ludger alias BeV hat sich nach drei Jahren das erste Mal wieder geschminkt. Witzchen wurden gemacht, Tuntenhumor rettet über manches hinweg, auch wenn der Spruch manchmal hart kommt: „Du hast dich doch absichtlich infiziert, damit du auf der Bühne was zu erzählen hast!“

Dann waren die Eltern weg, und er hat losgelassen. Schöner konnte ein Abschied nicht sein, kein Klammern mehr, gelacht und weggeschlafen.

„Wo Ovo hinfällt“, sagte Rosa von Praunheim, „steht ein Märchen auf“. Und das ist schnell erzählt: Es war einmal eine wunderschöne Tunte, die zu früh starb. Nun ist sie einer der Engel über Berlin.

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