Wirtschaft : Claus-Dieter Sprink

(Geb. 1954)||Das eigene Schicksal war kein Thema. Das anderer durchaus.

David Ensikat

Das eigene Schicksal war kein Thema. Das anderer durchaus. Sie war 14 und allein zu Haus. Die Eltern im Urlaub, Zeit genug, sich im Arbeitszimmer des Vaters umzusehen. Der war ein Sammler, ein Nichtswegwerfer – was konnte es Interessanteres geben?

Kristine fand einen Aktenstapel, lauter rote Hefter, die Blätter Ende der siebziger, Anfang der achtziger Jahre mit Schreibmaschine beschrieben. Das Thema: Claus-Dieter Sprink, ihr Vater. Ein Verbrecher.

Kristine las die Akten, die den Stempel „BStU“ trugen, „Bundesbeauftragter für die Akten des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik“, sie verstand nicht alles, was da stand, doch sie ahnte, dass ihrem Vater damals ein schlimmes Unrecht widerfahren ist. Sie las von „Verbrechen gem. § 106 StGB“, „staatsfeindliche Hetze“. Sie las das Urteil des Bezirksgerichts Karl-Marx-Stadt: zwei Jahre, drei Monate Gefängnis, weil er verbotene Bücher besessen und seine Meinung an unpassender Stelle geäußert hatte. Sie las einen Brief ihres Vaters an seine Freundin. Die hatte ihn vor Gericht schwer belastet.

„Seitdem“, sagt Kristine, „war er ein Held für mich.“

Wenn auch einer, der sich seiner Heldentat nie rühmte. Jeder wusste: Der hatte mal in der DDR im Knast gesessen, irgend so ein Oppositionsding muss das gewesen sein. Niemand wusste mehr. Claus-Dieter Sprink empfand das eigene Schicksal nie als Thema. Das anderer durchaus. Er arbeitete seit der Wende im Traumberuf jedes Sammlers und Nichtswegwerfers: als Museumsleiter. Das Heimatmuseum Köpenick leitete er, da ging es um die Leben anderer. Selbstverständlich um das des berühmtesten Köpenickers, Friedrich Wilhelm Voigt, der, als Hauptmann verkleidet, den Bezirk berühmt gemacht hat, – und auch um das etlicher echter Köpenicker Offiziere: Im Jahr 1998 machte Claus-Dieter Sprink eine Ausstellung über die Geschichte der Stasi im Bezirk. Sie wurde ein außerordentlicher Erfolg, nicht zuletzt, weil eine aufgeregte Debatte geführt wurde darüber, ob man in so einer Ausstellung die Namen der ehemaligen Stasi-Offiziere nennen durfte. Ein PDS-Politiker hatte sie überkleben lassen, doch schließlich setzte sich der Museumsleiter durch, die Namen wurden wieder gezeigt. Auch wenn er über seine eigenen Stasi-Erfahrungen nicht sprach – in diesem Streit spielten sie bestimmt eine große Rolle.

Kristine wollte werden wie er, so stark, zielstrebig, unbeugsam. Er kam mal in ihre Klasse, erzählte von seinem Museum, von der Geschichte und der Politik. Er machte Eindruck: Die Mitschülerinnen interessierten sich auf einmal ganz stark für Geschichte und Politik. Kristine war so stolz.

Und ihr Vater – war eifersüchtig. Jedenfalls verhielt er sich recht merkwürdig, als sie von zu Hause weg, zu ihrem Freund zog. Das hat sie überrascht. Dieser sachliche, beherrschte Mann.

Vor vier Jahren kam der Krebs zum ersten Mal. Claus-Dieter Sprink sprach kaum darüber. Warum auch? Das ging nur ihn was an. Und Kristine machte sich keine ernsten Sorgen: Ihr Vater hatte das schon im Griff.

Natürlich, hatte er, der Krebs verschwand.

In diesem Frühjahr kam er wieder. Den Krankenwagen, mit dem sie den Vater ins Krankenhaus fuhren, sah Kristine auf der Straße.

Sie besuchte ihn im Krankenhaus, und er fragte: „Tini, weißt du, was das bedeutet, wenn der Krebs zum zweiten Mal da ist?“ Sie drehte sich zum Fenster weg. Vor so einem Vater weint man nicht.

Ein paar Monate vorher hatte sie sich das Stasi-Gefängnis in Hohenschönhausen angesehen. Jetzt befragte sie ihn zum ersten Mal nach seiner Geschichte damals. Viel erzählte er nicht. Sie fragte nicht weiter. Beide meinten, aufeinander Rücksicht nehmen zu müssen.

„Natürlich hätte ich mich mit einem Aufnahmegerät zu ihm setzen müssen“, sagt sie heute, „er hätte mir alles erzählen müssen. Sein ganzes Leben.“

Aber wie hätte das ausgesehen? Als ob sie ihn aufgegeben hätte. Hat sie aber nicht. Dieser Vater – sterben? Der doch nicht. Der war doch ein Held. Helden sterben nicht.

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