Wirtschaft : Clement regt neue Stammzelldebatte an

Wirtschaftsminister: Deutsche Biotechnologiebranche darf nicht den Anschluss verpassen

Maren Peters

Berlin - Bundeswirtschaftsminister Wolfgang Clement (SPD) hat eine erneute Debatte über Stammzellen gefordert. Die geltende Stichtagsregelung für die Verwendung embryonaler Stammzellen reiche für die Forschung möglicherweise nicht aus, sagte Clement am Dienstagabend vor Vertretern der Biotechnologie-Industrie in Berlin. „Ich befürchte, dass Deutschland auf diesem Feld ins Hintertreffen geraten könnte.“

In Deutschland dürfen nur embryonale Stammzellen zu Forschungszwecken verwendet werden, die vor dem 1.Januar 2002 entstanden sind. Auch auf anderen Gebieten der Biotechnologie müsse Deutschland noch „seine Hausaufgaben machen“, um nicht den Anschluss zu verpassen, warnte Clement. Als Beispiel nannte er das Gentechnikgesetz, das der Vermittlungsausschuss von Bundestag und Bundesrat heute berät. Auch die Industrie fürchtet, dass die Genforschung an Pflanzen in Deutschland nicht mehr möglich ist, wenn das Gesetz in Kraft tritt.

Die Bundesregierung setzt mit dem Gentechnik-Gesetz eine EU-Richtlinie um. Doch der EU-Kommission geht die Umsetzung zu weit. Sie befürchtet, dass es Landwirte benachteiligt, die gentechnisch veränderte Pflanzen anbauen. Für den Fall der Umsetzung des Entwurfs hat die EU-Kommission bereits rechtliche Schritte gegen die Bundesregierung angekündigt. Die Regierung will das im Bundesrat nicht zustimmungspflichtige Gesetz trotzdem unverändert durch das Vermittlungsverfahren bringen. Die Ablehnung durch die Unionsmehrheit der Länder soll durch Kanzlermehrheit im Bundestag überstimmt werden.

Die Industrie prophezeit das Ende der grünen (Pflanzen-)Biotechnologie, wenn das Gentechnikgesetz in Kraft tritt. „Das ist eine reine Verhinderungsstrategie“, sagte Peter Stadler, der Vorsitzende der Deutschen Industrievereinigung Biotechnologie (DIB), dieser Zeitung. „Es ist nicht auszuschließen, dass die Politik der grünen Biotechnologie dadurch den Garaus machen will.“ Sollte das Gesetz verabschiedet werden, werde Firmen, die auf diesem Gebiet tätig seien, nichts anderes übrig bleiben, als das Land zu verlassen.

Im Gegensatz zur grünen Biotechnologie ist der DIB-Chef bei der medizinischen (roten) Biotechnologie zuversichtlich, dass es nach zwei Jahren der Flaute aufwärts geht. „Wir sehen Licht am Ende des Tunnels“, sagte Stadler am Rande des Biotechnica Business Forum, das heute in Berlin zu Ende geht. Viele Firmen hätten ihre Geschäftsmodelle geändert und orientierten sich jetzt stärker an den Bedürfnissen des Marktes. Auch die Technologie sei reifer geworden und damit für Pharmafirmen interessanter. Die Bereitschaft der Pharmaunternehmen, Kooperationen mit Biotechfirmen einzugehen, steige wieder. Trotzdem rechnet Stadler mit weiteren Firmenpleiten.

Die Branche steckt in der Krise. Vielen Unternehmen ist das Geld ausgegangen, die Zahl der Firmen ging 2003 auf 350 zurück, Mitarbeiter wurden entlassen, Forschungsmittel gestrichen.

DIB-Chef Stadler rechnet damit, dass die Zahl der profitablen Firmen in diesem Jahr deutlich ansteigt. Börsennotierten Unternehmen wie GPC, Medigene oder Evotec sei es in diesem Jahr erstmals wieder gelungen, internationale Finanzierungsrunden zu realisieren. Der Berliner Firma Epigenomics sei nach drei Jahren Pause der erste Börsengang gelungen. „Das sind alles positive Signale.“

Marktbeobachter bleiben dagegen skeptisch. „Die Stimmung wird zwar etwas besser, aber noch immer nicht gut“, sagte Rüdiger Weseloh, Biotechanalyst von Sal. Oppenheim. „Der Überlebenskampf ist noch nicht vorbei.“

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