Wirtschaft : Clinton hütet sich vorEinmischung in UPS-Streik

Gewerkschaften fordern von Paket-Zusteller mehr Vollzeitjobs

VON JENS ECKARDT­ NEW YORK. Einen Tag, nachdem US-Präsident Clinton erklärte, er habe "zum jetzigen Zeitpunkt" keine gesetzliche Handhabe, um die Mitglieder der Teamster-Gewerkschaft an ihre Arbeitsplätze bei UPS zurückzubeordern, setzten sich Vertreter des größten US-Paketzustellers und der Gewerkschaft zu Sondierungsgesprächen zusammen.Ob damit auch die Tarifverhandlungen wieder aufgenommen werden, ist fraglich, nachdem United Parcel Service (UPS) erklärte, ihr bestes Angebot läge bereits auf dem Tisch.Eine Lösung für den seit Montag andauernde Streik von rund 185 000 Beschäftigten ist somit nicht in Sicht.Die Teamsters, deren letztes Tarifabkommen mit dem Paketservice bereits vor Monaten auslief, wollen mit dem Ausstand erreichen, daß der Konzern, der 1996 eine Mrd.Dollar netto verdiente, mehr Vollzeitjobs anbietet.Fast drei Fünftel der UPS-Belegschaft besteht aus Teilzeitkräften, die zwar Sozialleistungen, aber nur die Hälfte des Stundensatzes der Vollzeitarbeiter bekommen.Die Firma begründet dies mit dem Wesen ihres Geschäftes, wo nur zu Stoßzeiten, etwa von vier bis acht Uhr morgens, viele Arbeitskräfte benötigt werden.Mehr Vollzeitarbeiter bedeuteten höhere Kosten und reduzierten damit die Wettbewerbsfähigkeit. Obwohl viele Firmen und Verbände in den letzten Tagen forderten, daß Weiße Haus solle intervenieren, will Präsident Bill Clinton nicht eingreifen.Immerhin arbeitet UPS noch mit einem Zehntel der normalen Kapazität, aber sowohl die US-Post wie auch Federal Express haben ihre Dienste aufgestockt.Dennoch werden Regale leer werden und auch Krankenhäuser möglicherweise auf Medikamente warten müssen, wenn der Streik länger als zehn Tage dauert.UPS bewegt im Schnitt 12 Mill.Sendungen pro Tag und beeinflußt angeblich fünf Prozent des US-Bruttoinlandproduktes. Die Hürden vor einer Einigung sind hoch.Denn es geht nicht nur um die wirtschaftlichen Interessen der beiden Tarifpartner.UPS und Teamster-Chef Ronald Carey, der einst als UPS-Zusteller begann, sind alte Feinde.Hinzu kommt, daß Carey einiges zu beweisen hat.Nachdem er die letzte Wahl zum Vorsitzenden nur knapp gegen den Sohn des berüchtigten Teamster-Bosses Jimmy Hoffa gewann, läuft eine strafrechtliche Untersuchung gegen ihn wegen angeblicher Wahlspendenverstöße.Das ist umso bitterer, weil Carey als der erste Chef der Teamsters gilt, der keine Verbindungen zur Mafia hat.Einige seiner Vorgänger endeten im Gefängnis. Außerdem verlor die US-Gewerkschaftsbewegung seit Anfang der 80er Jahre dramatisch an Bedeutung und kann es sich deshalb nicht leisten, in einem so weithin beachteten Streik klein beizugeben.Mit voller Unterstützung des Dachverbandes AFL/CIO sieht Carey in dem Ausstand gegen UPS einen Kampf für die gerechte Sache, der bis zum letzten Mann ausgefochten werden muß.Das Weiße Haus schließlich zögert aus mehreren Gründen, den Abbruch des Streiks anzuordnen.Dies würde zwar der Wirtschaft helfen.Die Teamsters dagegen verfügen über eine der größten Kassen für Wahlkampfspenden ­ und der überwiegende Teil davon fließt in die Taschen von Clintons Demokraten.

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