Cloud Computing : "Datensicherheit ist ein sehr deutsches Thema"

Von Industriespionage zu Arbeitsplätzen: Im Tagesspiegel-Interview spricht EMC-Deutschland-Chefin Sabine Bendiek über die Gefahren in der Cloud, veraltete Gesetze und die Frauenquote.

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Sabine Bendiek (46) ist seit April 2011 Geschäftsführerin der EMC Deutschland GmbH, die Speichersysteme und Software vor allem für Betreiber größerer Computer-Anlagen anbietet. Bendiek ist zudem Mitglied im Hauptvorstand des Branchenverbands Bitkom. Vorher arbeitete sie beim Computerbauer Dell, dem Investor Earlybird Venture Capital und der Beratungsfirma McKinsey in Hamburg. Foto: promo
Sabine Bendiek (46) ist seit April 2011 Geschäftsführerin der EMC Deutschland GmbH, die Speichersysteme und Software vor allem für...

Frau Bendiek, welche Daten würden Sie nicht in die Cloud geben?
Wenn ich ein Automobilhersteller wäre, würde ich keine Konstruktionsdaten in die Cloud geben.

Die Cloud fördert Industriespionage?
Womöglich ist sie anfällig dafür.

Was antworten Sie, wenn Kunden nach dem Sicherheitsrisiko fragen?
Ich würde sagen: Das hängt von den Daten ab, die Sie in die Cloud geben. Je kritischer die Daten, desto höher sollten die Vorkehrungen sein, die man trifft. Hybridlösungen, also ein Mix aus Public und Private Cloud, sind für die meisten Unternehmen gangbar.

Die deutsche IT-Branche ist in Sachen Cloud Computing sehr zuversichtlich in das Jahr 2012 gestartet. Wie weit hat dieses Hochgefühl getragen?
Was die Private Cloud betrifft, sind die Diskussionen heute keine theoretischen mehr. Die Private Cloud ist da. Es gibt kein größeres deutsches Unternehmen, das nicht zumindest in bestimmten Bereichen Cloud-Implementierungen im eigenen Rechenzentrum hätte oder anginge. Bei der Public Cloud gibt es dagegen noch ein ziemliches Ungleichgewicht wenn man betrachtet, wie viel Aufmerksamkeit die Cloud erfährt und wie viele Firmen sie tatsächlich nutzen.

Sind die Deutschen zögerlicher als andere?
Vorsichtiger. Das Thema Datensicherheit ist schon ein sehr deutsches. Ich glaube aber, dass das Teil unseres Ansatzes ist: Wir wollen Dinge durchdringen, verstehen. Die Amerikaner sind begeisterungsfähiger. Hierzulande kenne ich wenige Kunden, die mit Hurra auf Innovationen anspringen. Sie führen erstmal Diskussionen – wieso, weshalb, warum? Ich sehe aber auch, dass wir, wenn diese Diskussionen geführt sind, besonders konsequent im Umsetzen neuer Ideen sind.

Wir reagieren, statt zu gestalten?
Die Maßstäbe setzen ohnehin andere. Aber wir sind sehr gut darin, IT passgenau zu nutzen. Der Mittelstand ist in Deutschland viel besser aufgestellt als andernorts. Bevor sich Deutschland im Entwickeln neuer Technologien hervortun kann, muss sich Grundsätzliches ändern. Wir müssen IT-Themen viel stärker im Unterricht verankern.

EMC beschäftigt weltweit mehr als 53 000 Leute. In Deutschland sind es 1000. 70 davon sitzen in Berlin. Was machen die?
Das Geschäft mit der öffentlichen Hand läuft aus Berlin. Das Finanzministerium, das Außenministerium und das Bundeskanzleramt nutzen unsere Infrastruktur. Die Staatsbibliothek digitalisiert gerade ihre Bestände und baut dabei auf uns.

Der öffentliche Sektor hält eine immense Datenmenge bereit – ihm ist aber wie keinem anderen Vorsicht im Umgang damit geboten.
Speziell Ministerien und Behörden sind ja dem Druck ausgesetzt, dass sie sparen müssen und gleichzeitig die Servicequalität erhöhen sollen. Veränderungen sind notwendig. Klar ist es ein Problem, dass alles strikt geregelt ist. Die Regeln, wer wessen Daten sehen und Dienstleistungen erbringen darf, stammen aber aus einer Zeit, als digitale Informationsverarbeitung nicht verbreitet war. Sie sind nur bedingt sinnvoll.

Gerade bei Unternehmen, die ihren Hauptsitz in Amerika haben, sind Nutzer in Europa erfahrungsgemäß sensibilisiert – landen jetzt Kundendaten in Amerika?
Nein! EMC bietet selbst keine Cloud Services an, sondern ermöglicht anderen Unternehmen, eine Cloud aufzubauen oder anzubieten. Auch im Allgemeinen würde ich aber sagen: Die Angst ist unbegründet. Vielen Kunden ist es trotzdem lieber, wenn die Rechner, auf denen ihre Daten liegen, in Deutschland stehen.

Bringt die Cloud immer Kostensenkungen?
Auf diese Frage kann es nur eine Im-Prinzip-ja-Antwort geben. Mit Cloudlösungen können Firmen die Ausrüstung, die sie bereits haben, besser nutzen. Unternehmen müssen auf – selten eintretende – Spitzen-Belastungen ausgerichtet sein. Mit der Cloud können jederzeit Kapazitäten hinzugekauft und abgegeben werden. Günstiger ist sie aber nur, wenn Firmen ihre Organisation entsprechend umstellen, Verantwortlichkeiten bündeln.

... und Menschen entlassen?
Das ist in Deutschland nicht das Problem. IT ist ja überall. Und es gibt zu wenig Fachkräfte. Kein Unternehmen kann es sich leisten, dass die gesamte IT-Abteilung mit Administrationstätigkeiten auf der niedrigsten Hardware-Ebene beschäftigt ist.

EMC wurde vor 30 Jahren als Lieferant computertauglicher Büromöbel gegründet. Heute macht das Unternehmen 20 Milliarden Dollar Umsatz. Wie groß ist das Verdienst von CEO Joe Tucci?
Den Boden für diese Entwicklung bereitete ein Datenspeichernetzwerk – das hat nicht er erfunden. Einer von Tuccis Glaubenssätzen war aber immer, dass die Information das neue Kernstück im IT-Bereich sein würde. Und die Cloud ist ja nichts anderes als das: Datenverfügbarkeit.

Frauen werden in der IT verzweifelt gesucht. Sie sind Firmen-Chefin in einer sehr männerdominierten Branche. Was halten Sie von der Quote?
Ich habe mich als Frau in meinem Beruf nie benachteiligt gefühlt. Vielmehr habe ich die Erfahrung gemacht, dass Frauen sagen: Meinst du nicht, dass das eine Nummer zu groß für mich ist? Sie trauen sich weniger zu. Klar würde ich mich freuen, mehr mit Frauen zu tun zu haben. Ich bin aber keine von denen, die ganz laut für die Quote trommeln.

Das Gespräch führte Maris Hubschmid

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