Wirtschaft : Consors: Im Teufelskreis

Henrik Mortsiefer

Wenn Karl-Matthäus Schmidt am kommenden Mittwoch über den Verlauf des Geschäftsjahres der Consors Discount Broker AG berichten wird, könnte es ein paar böse Überraschungen geben. Der Consors-Chef wird seine Aktionäre mit der unangenehmen Tatsache konfrontieren, dass mit der schwindenden Börsenbegeisterung auch seine Direktbank massiv unter Druck geraten ist. Die am Neuen Markt notierte Aktie ist um mehr als 80 Prozent abgestürzt, Neukunden sind nach dem Ende des Aktienrauschs rar geworden und Schmidts Expansionspläne verlieren sich in Ankündigungen. Statt in die Offensive zu gehen, hüllt sich das Management in Schweigen. Schmidt und sein Co-Vorstand Reto Francioni gehen auf Tauchstation, Termine werden kurzfristig abgesagt. "Investor-Relations und Öffentlichkeitsarbeit haben ziemlich nachgelassen", sagt ein Analyst.

Die Ende September veröffentlichten vorläufigen Zahlen für das vierte Quartal deuten bereits an, dass Consors härter als die Konkurrenz gegen den Markttrend kämpft. Die Zahl der Neukunden stieg zuletzt nur noch um fünf Prozent - im dritten Quartal war der Anstieg doppelt so hoch, im Vierteljahr davor vier Mal höher gewesen. Zwischen Januar und März 2000 hatte Schmidt mit 87 Prozent Zuwachs noch einen wahren Anlegeransturm erlebt. 526 000 Kunden zählt Consors Ende 2000, mehr als 600 000 hätten es eigentlich werden sollen. Und: Jeder neue Kunde ist teuer geworden. Die Werbeausgaben pro Kopf sind in einem Jahr von 220 auf 730 Mark explodiert.

"Die Online-Broker befinden sich in einem ungesunden Teufelskreis aus steigenden Kosten und sinkendem Ertrag pro Kunde", sagt Rainer Bernnat, Geschäftsführer des Beratungsunternehmens Booz, Allen & Hamilton. "Das schlägt sich direkt in der Marktkapitalisierung, also im Wert der Unternehmen wider." Die Commerzbank-Tochter Comdirect gab in der vergangenen Woche einen Vorgeschmack: In diesem Jahr drohen rote Zahlen, weil der Kundenandrang nachlässt und die Expansion im Ausland teuer war. Zwar würden die Deutschen auch weiterhin Geld in erheblichem Umfang in Wertpapieren investieren, sagt Bernnat, allerdings seien sie jetzt deutlich langfristiger orientiert. Das könnte zum Problem für Karl-Matthäus Schmidt werden, der die so genannten Day-Trader anspricht, die kurzfristig handeln und keine Beratung wollen.

"Es stockt bei Consors", meint Ralf Dibbern, Analyst bei M.M. Warburg, der die Branche der Direktbanken beobachtet. "Schmidt kommt mit wichtigen Projekten einfach nicht voran." Zum Beispiel beim Einstieg ins Investmentbanking. Seit der Übernahme der Berliner Effektengesellschaft im vergangenen Jahr firmiert die zur Gruppe zählende ehemalige Effektenbank als Consors Capital Bank. Eine Perle im Geschäft mit Börsengängen und Fusionen sollte sie werden, aber "bisher ist noch kein Deal über die Bühne gegangen", weiß Dibbern. Consors hat bisher nur eine Menge Geld bezahlt, etwa für die Abwerbung eines Banker-Teams der BHF-Bank. "Es ist nicht abzusehen, dass im laufenden Jahr Erträge erzielt werden." Vollmundig hatte Schmidt angekündigt, die Capital Bank werde 2001 gut 15 Börsengänge präsentieren. "Ziemlich unrealistisch", findet der Warburg-Analyst. Genauso beurteilt er Schmidts Pläne, die Berliner Börse - mit der Effektengesellschaft als größtem Makler - zur Privatanleger-Börse aufzuwerten. Bisher hat sich noch kein konkurrierender Direktbroker als Partner gefunden. "Aus Consors-Sicht kann man sich das abschminken."

Weitere Standbeine neben dem reinen Broker-Geschäft könnte Consors dringend brauchen. "Multikanalangebote", so die Marktforscher von Forrester Research, "werden von der steigenden Zahl der Online-Kunden profitieren, und nicht primär reine Internetbroker." Forrester schätzt, dass sich bis 2005 die Zahl der im Internet geführten Aktiendepots auf 7,5 Millionen verdreifachen wird. Ein Kundenkreis, um den sich dann nur noch die Großen der Branche schlagen werden. Denn: "Von den derzeit 20 reinen Internetbrokern werden sich nur zwei bis drei im deutschen Markt behaupten."

Nicht auszuschließen, dass Consors nicht mehr dazu zählen wird - zumindest nicht auf eigene Rechnung. Amerikanische Direktbanken wie Schwab oder E-Trade sollen bereits Interesse an einer Übernahme signalisiert haben. Voraussetzung dafür ist allerdings, dass Karl Gerhardt Schmidt, Vater von Karl-Matthäus und Chef der Schmidt-Bank, die 69,4 Prozent an Consors hält, Verkaufsabsichten hegt. Bisher wurden entsprechende Pläne dementiert. Am kommenden Mittwoch wird sich Schmidt Junior Nachfragen gefallen lassen müssen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben