Wirtschaft : Cornelia Kubitz

(Geb. 1965)||Wenn andere ihr vorwarfen, sie versäume das Leben, dann lächelte sie.

Gregor Eisenhauer

Wenn andere ihr vorwarfen, sie versäume das Leben, dann lächelte sie. Es gibt diesen seltsamen Dornröschenschlaf der Gefühle, aus dem manche selten, manche nie erwachen – sei es, weil der Prinz sich verspätet, sei es, weil er partout seine Rolle nicht einnehmen will.

Cornelia traf ihren Prinzen früh, in der Schule schon. Sie stand vor der Klasse, in Westkleidern, denn ihr Vater war Seemann und kam herum in der Welt. Sie sagte ein Gedicht auf und bezauberte ihn durch ihre verhaltene Anmut. Und sie wiederum fühlte sich hingezogen zu ihm, weil auch er besonders war. Bei ihm durfte sie sich vor Grobheiten sicher fühlen.

Die beiden zogen nach Berlin. Gemeinsam suchten sie sich eine freie Wohnung, brachen das Türschloss auf, gleichermaßen ängstlich wie unbekümmert. Das gemeinsame Leben konnte beginnen … Aber der Prinz fühlte sich selbst zu Prinzen hingezogen und bot nur Freundschaft. Sie blieb ihm dennoch treu. Und fand ihm zuliebe auch noch Worte dafür, wie unendlich kostbar ihr diese Freundschaft war: „Ein ätherisches Gefühl, meilenweit entfernt vom Stierkampf der Liebe … ein sich Siezen der Seelen, ein diskreter und stiller Pas de deux“.

Cornelia studierte Literatur, dann Bibliothekswissenschaft. Ihren Traum, Kostümbildnerin zu werden, erfüllte sie sich nicht. Sie liebte Stoffe, kleidete andere gern ein, verkleidete sie. Mode war für sie eine eigene Sprache, die Sprache der Camouflage, die große Kunst, Körper in Szene zu setzen, und sie doch verschwinden zu lassen. Und sie verwandte viel Geschick darauf, sich bedeckt zu halten, unauffindbar zu bleiben, ihre eigene Schönheit zu verbergen. Aschenputtelträume. Fünfzehn Jahre hielt sie an ihrer Brille fest, 15 rote Strickjacken trug sie auf.

Cornelia arbeitete in einem Antiquariat. Bücher blieben zeitlebens ihr Schutzwall gegen die Zumutungen der Wirklichkeit und gaben zugleich den Schauplatz ihrer eigenen Träume ab. Viele lebten stellvertretend für sie, Orlando, Anna Karenina, Madame Bovary, das kunstseidene Mädchen.

Und sie schrieb selbst ein Buch, über Mode, das auch verlegt wurde. Aber auch daraus bezog sie kein Selbstbewusstsein. Auch nicht aus ihrer Rolle als Mutter.

Sie glaubte, nie genügen zu können. Wie viele, die in jungen Jahren verunsichert wurden, war sie sich ihres Wesens nie ganz sicher, das sorglose Erleben fiel ihr schwer.

Sie spazierte durch den Park von Sanssouci, freudig erregt, endlich dort zu sein, und sah auf den Boden, weil sie um die Gefahr erfüllter Wünsche wusste.

So zog sie sich stets ein wenig vom Leben zurück, und suchte doch immer wieder Näherungen. Freunde waren ihr wichtig. Und immer gruppierte sie neu, kleine Gesellschaften nur für einen Abend. Anderen ein Fest zu bereiten, das verstand sie.

Der Reiz des Flüchtigen. Das konnte sie genießen, das Davor, das Danach, sich etwas wünschen, sich im Erinnern des Erlebten gefahrlos erfreuen.

Es gab viele Sehnsuchtsorte für sie, viele bereiste sie nie, und war doch dort. Und wenn andere ihr vorwarfen, sie versäume das Leben, dann lächelte sie. Denn so einfach, das konnte doch jeder nachlesen bei Max Frisch, ist es mit dem Verweilen im Augenblick nicht: „Eine gewisse Enttäuschung nicht über die Landschaft, aber über das menschliche Herz stellt sich ein. Der Anblick ist da, aber das Erlebnis noch nicht. Man fragt sich manchmal, inwiefern eine Gegenwart überhaupt erlebbar ist.“ Oder erlebt werden will.

Einmal sah sie gemeinsam mit einer Freundin auf der Erde einen Wollfaden, der sich weit hinzog. Die Freundin drängte, die Spur aufzunehmen, aber Cornelia scheute zurück: „Ich will nicht sehen, was da am Ende dran ist. Das will ich nicht wissen …“

Als es dann zum Ende ging, fing sie an zu malen. Sie nahm sich Kopien ihrer Lieblingsbilder vor und zeichnete sie ab, auf ihre ganz eigene Weise.

Landschaften malte sie, Frauen mit großen Hüten, Worpsweder Idyllen. So fand sie zur Ruhe, wurde noch einmal Kind, nachdem ihr eine letzte Grobheit des Schicksals widerfahren war: Hirntumor. Zwei Jahre blieben ihr nach der Diagnose. Sie lebte still weiter und starb.

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