Wirtschaft : Cornelia Leibholz

(Geb. 1953)||Ihr Trinkspruch: „Prost auf uns. Auf andere lohnt’s sich nicht zu trinken.“

Thomas Loy

Ihr Trinkspruch: „Prost auf uns. Auf andere lohnt’s sich nicht zu trinken.“ Der Auszug ist eine Sache von anderthalb Stunden. Kleider einpacken, Bücher, Fotos, lieb gewordene Dinge. Ende einer ehelichen Lebensgemeinschaft nach fast 30 Jahren. Heimlich muss es passieren, weil er sie nicht gehen lassen würde. Es sind schlimme Sätze gefallen, Drohungen. Man mag es sich ruhig vorstellen wie in einem klassischen Ehedrama. Cornelia Leibholz war die Hauptfigur einer griechischen Tragödie, die in der Wirklichkeit spielte.

Am Anfang der Geschichte betritt ein Mädchen die Bühne. Ein hübsches Mädchen mit braunen Haaren und einer Begabung, Menschen für sich einzunehmen. Cornelia wohnt mit ihrer Mutter in einer Laube in Kleinmachnow. Die Mutter arbeitet am Fließband, verdient wenig, der Vater ist in den Westen abgehauen. Ein Alltag mit vielen Engpässen und dem Gefühl, dass irgendetwas falsch gelaufen sein muss. Cornelia will ein anderes Leben als das ihrer Mutter. Unbedingt.

Sie strengt sich an in der Schule, tanzt Ballett, macht Abitur, lernt Industriekauffrau, studiert Ökonomie. Jede neue Stufe betritt sie ohne Zögern oder Schwanken. Im Rat des Bezirks Potsdam, vergleichbar mit der heutigen Landesregierung, erhält sie eine Anstellung in der Exportabteilung. Auch im Privaten läuft alles nach Wunsch. Sie heiratet, bekommt zwei Kinder. Der Familie geht es gut. Es gibt ein Auto, ein Telefon, genug Geld, um in Urlaub zu fahren oder mal was Extravagantes zu kaufen. Sie liebt die Sonne, das Meer und schöne Kleider. Cornelia hat – nach den geltenden Regeln und Gepflogenheiten der DDR – alles richtig gemacht.

Im Wendejahr zerbröseln alle Gewissheiten, auf denen ihr Leben fußte. Den Rat des Bezirkes wird es bald nicht mehr geben, die sozialistische Ökonomie steht vor dem Kollaps, und ihr Mann arbeitet bei der Stasi. Grund genug, in Panik zu geraten oder die Hockstellung des Opfers einzunehmen. Aber Cornelia Leibholz analysiert nüchtern die neue Lage und beschließt zu handeln. Mit einer Bekannten tüftelt sie an einem Geschäftsmodell, das in die neue Zeit passt: Verkaufskioske und Imbissbuden bauen und an Existenzgründer vermieten. Gemeinsam gründen sie im März 1990 eine Firma und lassen sie als „Joint Venture“ beim Rat des Bezirks ins Handelsregister eintragen. Die Amtsleiter wissen da noch gar nicht, was ein Joint Venture ist.

Während andere ängstlich der Währungsreform entgegenbibbern, nehmen Cornelia Leibholz und ihre Partnerin einen Kredit über drei Millionen Mark auf, importieren Kioske aus Jugoslawien und besorgen Baugenehmigungen en gros. Drei Jahre später sind 80 Läden vermietet, und der Kredit ist fast abbezahlt. Nach der Überweisung der letzten Rate treffen sich die Geschäftsfrauen zum Sektfrühstück im KaDeWe.

Er, der ehemalige hauptamtliche Stasi-Mitarbeiter, sitzt unterdessen zu Hause, versorgt die Kinder und grübelt.

Eine zweite Firma entsteht. Diesmal soll es etwas Soziales sein, entscheiden die Unternehmerinnen. Sie laufen die Ämter ab, lesen Gesetze, kalkulieren Betreuungskosten und eröffnen schließlich ein Heim für Obdachlose in Friedrichshain. Cornelia Leibholz übernimmt vor Ort die Leitung. Sie war immer für das Praktische zuständig, für das Umsetzen und Durchsetzen von Ideen. Wenn sie auf einer Behörde an einem Tag abblitzte, ging sie am nächsten Tag wieder hin. Und dann noch einmal. Resolut nennen Männer solche Frauen. Daraus spricht Anerkennung, aber zugleich auch Ablehnung. Resolute Frauen zerstören das feine Netzwerk klassischer Männerbünde in Staat und Wirtschaft.

Wenn sich die Geschäftsfrauen einmal die Woche zum Mittagessen treffen, gibt Cornelia Leibholz den Trinkspruch aus: „Prost auf uns. Auf andere lohnt’s sich nicht zu trinken.“

2003 soll das Wohnprojekt in ein Haus am Engelbecken in Kreuzberg umziehen. Anwohner und Investoren protestieren. Sie befürchten einen Wertverfall ihrer Häuser, schreiben polemische Briefe, die auf dem Schreibtisch von Cornelia Leibholz landen. Die Medien werden eingeschaltet, die Politik wird aufmerksam. Cornelia Leibholz ist plötzlich eine öffentliche Person. Sie wehrt sich gegen Anfeindungen, verteidigt das Projekt auf Versammlungen, fängt wieder an zu rauchen und denkt keinen Augenblick daran aufzugeben. Bis die Gegner verstummen.

2005, so schien es, sollte ihr Glücksjahr werden. Ein Jahr, das sie dafür belohnt, so viel Kraft und Zeit investiert zu haben. Im Frühjahr lernt sie einen Mann kennen, einen selbstständigen Handwerksmeister, sportlich und aufgeschlossen, der Gegenentwurf zu ihrem Ehemann, der immer noch zu Hause sitzt, arbeits- und antriebslos, den Erfolg seiner Frau mit bissiger Häme kommentierend.

Im September besucht der Bundespräsident bei einem Rundgang durch Kreuzberg das Obdachlosen-Wohnprojekt. Cornelia Leibholz hat sich aufgeschrieben, was sie ihm sagen will, doch als er da ist, erzählt sie einfach spontan vom Alltag mit den alkoholabhängigen, psychisch kranken Obdachlosen, mit denen es auch viel zu lachen gebe. In den Zeitungen wird ein Bild abgedruckt, auf dem der Bundespräsident neben einer fröhlichen, scheinbar sorglosen Frau zu sehen ist. Dieser Tag bedeutet ihr sehr viel.

Drei Wochen später verlässt sie ihren Mann, nimmt die gemeinsame Tochter mit und zieht in eine Mietwohnung. Sie hat lange gezögert, diesen Bruch zu vollziehen. Sie weiß, dass er sie dafür hassen wird.

Eine Woche lang geht sie nicht zur Arbeit. Danach kommt sie zu unregelmäßigen Zeiten ins Büro. Ihre neue Meldeadresse wird gesperrt. „Spuren verwischen“, nennt sie das. Ihr neuer Partner macht ihr Mut. Mit einem erbosten Ehemann werde er schon fertig.

Mit einem Amok laufenden hat er nicht gerechnet. Am Abend des 3. November fährt der Ex-Stasi-Mann zum Haus seines Nebenbuhlers, das er längst ausspioniert hat, ersticht seine Frau und ihren Liebhaber, fährt zurück nach Kleinmachnow und erhängt sich.

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