Wirtschaft : "Corporate Citizenship": Das Ehrenamt als Teil der Unternehmenskultur

Thomas Magenheim-Hörmann

Es kommt nicht alle Tage vor, dass der Vorstandschef der Münchner Siemens AG, Heinrich von Pierer, Johann Wolfgang von Goethe zitiert. "Es ist nicht genug zu wissen, man muss es auch anwenden; es ist nicht genug zu wollen, man muss es auch tun," zitierte der Topmanager den Dichterfürsten am Dienstag in München vor großem Publikum. Der Siemens-Chef referierte dabei allerdings nicht neueste Managementtheorien, sondern machte sich Gedanken über die gesellschaftliche Verantwortung von Unternehmen und Konzernen. "Corporate Citizenship, Gesellschaftliches Engagement, Unternehmerischer Nutzen" - unter diesem Motto fanden sich Bundeskanzler Gerhard Schröder und andere Führungskräfte aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft zusammen, um über die Rolle von Unternehmen und Unternehmern in der Gesellschaft zu diskutieren.

Was für den einzelnen gelte, das solle abseits von Bilanzen und Börse auch für die Unternehmen gelten, meinte der Bundeskanzler, um Konzerne zu mehr sozialem Engagement zu bewegen. "Eine lebendige Gemeinschaft ist darauf angewiesen, dass Unternehmen mit anpacken," meinte Schröder. So müsse ehrenamtliche Tätigkeit von Mitarbeitern zu einem Teil der Unternehmenskultur werden. Immerhin sei heute gut ein Drittel der Bundesbürger regelmäßig und auf freiwilliger Basis für das Gemeinwohl aktiv, sagte der Kanzler laut Redemanuskript. Grundsätzlich pflichteten ihm von Pierer und auch der Präsident des Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI), Michael Rogowski, auch bei. Immerhin hätten die Spitzenverbände der deutschen Wirtschaft vor kurzem eigens eine Intitiative namens "Freiheit und Veranwortung" gegründet, um das bürgerliche Engagement von Unternehmen in Staat und Gesellschaft zu fördern, sagte Rogowski. Von festgeschriebenen Verpflichtungen, wie eine bezahlte Freistellung von Firmenmitarbeitern für beliebige Ehrenämter, will er aber nichts wissen. "Das ist der Versuch, auf dem Rücken der Kollegen an das Bundesverdienstkreuz zu kommen," kritisierte der BDI-Chef. Es gehe nicht an, unter dem Deckmäntelchen von Corporate Citizenship den Unternehmen neue Pflichten nach der Melodie des Betriebsverfassungsgesetzes aufzuerlegen. Der BDI setzt vielmehr auf Freiwilligkeit.

Das Erfolgsrezept der Wirtschaft "Freiheit und Wettbewerb" solle auf andere Bereiche wie Schulen und Universitäten übertragen werden, warb Rogowski. Dann könne die Wirtschaft mit eigenen Einrichtungen die berufliche und akademische Ausbildung hier zu Lande verstärkt mitgestalten. Allerdings stoße ein Engagement bisweilen an bürokratische Hemmnisse. Wie soll ein Unternehmen etwa die Gebäudesanierung einer Schule übernehmen, wenn deren Direktor noch nicht einmal den Anstreicher autonom bestellen darf, fragte Rogowski.

Auch von Pierer warnte davor, Unternehmen zu stark in die gesellschaftliche Pflicht zu nehmen. Er sehe mit Sorge die steigende Flut von Wünschen und finanziellen Ansprüche, die an Siemens gestellt werden. Offenbar würden zugleich die Ideen zunehmen und die öffenliche Hand "etwas klamm" werden. Andererseits glaubt von Pierer nicht, dass Appelle allein ausreichen. Systematisches Vorgehen müsse schon sein. So habe er selbst von der beim Elektrokonzern seit 1975 praktizierten Freistellung für politische Mandate ohne finanzielle oder sonstige Nachteile profitiert. Von Pierer war 18 Jahre lang Mitglied im Stadtrat von Erlangen. Derzeit haben in Deutschland über 500 der hier zu Lande 180 000 Siemens-Mitarbeiter politische Ämter inne. Daneben unterhält Siemens Partnerschaften mit Universitäten und legt vor allem auch auf das innerbetriebliche Eintreten für Toleranz gegenüber Ausländern wert. "Wir sind ein Multikulti", sagte von Pierer mit Blick auf 270 000 ausländische Siemens-Mitarbeiter. Allerdings räumten er und Rogowski auch Defizite beim gesellschaftlichen Engagement heimischer Unternehmen ein.

Zu oft sei das hier zu Lande noch das Bestreben einzelner Unternehmer und deren Stiftungen aber nicht das flächendeckende Verständnis aller heimischen Unternehmen. Im Zuge der Neuentdeckung bürgerlichen Engagements müssten Firmenleitungen und Eigentümer manche Haltung und Bewertungskategorie neu justieren, weil sich nicht alles in betriebswirtschaftlichen Größen messen lasse, forderte der BDI-Chef. Um dem Rechnung zu tragen, hat die Initiative "Freiheit und Verantwortung" einen Preis für herausragendes Engagement von Unternehmen aller Größen gestiftet, der im Dezember diesen Jahres erstmals vergeben werden soll.

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