Wirtschaft : Crash-Propheten warnen vor globaler Krise

BERLIN (fbs/pys/chi).Weder die Asienkrise noch die Unsicherheit an der Wall Street beeindrucken den deutschen Aktienmarkt: Am Dienstag setzte der Dax seinen Aufwärtstrend fort und schloß mit 5719 Punkten.Mit den Rekorden belebt sich auch die Konjunktur für einen Berufsstand: die Crash-Propheten.Nach deren Ansicht ist die Phase der Bullen, die auf steigende Kurse setzen, vorbei: Die Zeit der Pessimisten, der Bären, ist gekommen.

Der in Branchenkreisen bekannte Analyst Jürgen Küßner sieht den Dow-Jones-Index zur Jahrtausendwende auf 1000 Punkte abrutschen, auch ein Sturz auf 400 Punkte sei möglich."Die Aktien sind weltweit längst überbewertet", warnt er."Die Euphorie wird ein jähes Ende finden", ist der Anhänger der Elliott-Theorie überzeugt.Diese Theorie, benannt nach dem Amerikaner Ralph Nelson Elliott, führt die Entwicklung der Aktienmärkte auf psychologische Einflüsse zurück: Der Markt pendle zwischen zwei Extremen - zwischen Euphorie und Verzweiflung.Die Theorie spricht von Elliott-Wellen.

"Im Moment befinden wir uns noch in der sehr euphorischen fünften Welle", erläutert Küßner.Sie dauere bereits ungewöhnlich lange, seit 1978.Kippe sie um, gehe der Kurs auf das Niveau der vorhergehenden, vierten Welle zurück.Schlimmstenfalls auf den damaligen Dow-Stand von 400 Punkten.Auslöser für den Crash könnte nicht nur die Asienkrise sein, sondern auch die Jahrtausendumstellung in der Computerbranche - oder auch der Euro, falls er die Erwartungen nicht erfüllt.

In der Vergangenheit lagen die Elliott-Anhänger zur Überraschung vieler Skeptiker mit ihren Prognosen häufig richtig.Zumindest bis zum Crash 1987, den sie schon früh vorhersagten.Andererseits hatten sie im Herbst 1994 eine Halbierung des Dow-Jones-Index vorausgesagt.Doch das Gegenteil war der Fall, der Dow verdoppelte sich.

Dieser Crash-Prognose will sich Stephan Binzen, Leiter der Wertpapieranalyse der Frankfurter Sparkasse, nicht anschließen.Doch auch er hält den Dax gegenwärtig für "fundamental überbewertet".Aufgrund der Gewinnprognosen der Unternehmen müßte der Index bei 4500 bis 4800 Punkten liegen, wobei mögliche Rückschläge durch die Asienkrise noch nicht berücksichtigt seien.Der Markt, so Binzen, habe derzeit ein "psychologisches Problem": Niemand stelle sich auf einen Kursrückschlag ein.Um so stärker könnte die Gegenbewegung ausfallen.Einen Rückschlag von 20 bis 30 Prozent noch 1998 will Binzen, der sich selbst als "Bulle im Bärenfell" bezeichnet, deshalb nicht ausschließen.

Nicht minder deutlich fallen aber die Argumente jener aus, die die Crash-Befürchtungen für völlig überzogen halten.Ein Dow-Jones-Niveau von 1000 oder gar darunter sei "absurd", sagt Martin Laubisch, Analyst der Berliner Volksbank.Selbst bei einer Verschärfung der Asienkrise sei ein Absacken der Bewertung amerikanischer Unternehmen auf fünf bis zehn Prozent des gegenwärtigen Niveaus "völlig unrealistisch".Der Dax, so Laubisch, werde sich nach einer "Sommerpause" bei 5200 bis 5400 Punkten einpendeln, um in einer Jahresschlußrallye zur 6000er-Marke vorzustoßen.Als Indiz wertet er die Belebung der Binnennachfrage in Deutschland."Auch die Bundestagswahl wird in jedem Fall eine positive Signalwirkung haben."

Auch Volker Nitsch, Volkswirt der Bankgesellschaft Berlin, hält die These von einem großen Crash für "sehr gewagt": Trotz Asienkrise und des Preisverfalls auf den Rohstoffmärkten sehe er "keine Anzeichen für eine große Krise".Ähnlich Stephan Rind, Direktor der Abteilung Corporate Investment Services von Hornblower Fischer: "Das Rückschlagpotential der Aktienmärkte sehe ich allenfalls bei zehn bis 15 Prozent."

Sorgen bereitet den Analysten die Zinsdifferenz in Euroland.Zwar haben sich die Zinsen der Teilnehmerländer angenähert, doch immer noch liegen zwischen der niedrigen deutschen Rate von 4,87 Prozent für zehnjährige Staatsanleihen und der entsprechenden in Italien von 5,13 Prozent 26 Basispunkte.Fragt sich, wer sich wem annähert."Dem Frieden bei Zinsniveau- und struktur" sei nicht zu trauen, warnt Martin Hüfner, Chefvolkswirt der Bayerischen Vereinsbank: Beides werde sich "in den künftigen Euroländern noch verändern, wenn sich der Euro voll etabliert".

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