Wirtschaft : Cromme bleibt nicht

Langjähriger Stahlmanager tritt vom Posten des Aufsichtsratsvorsitzenden bei Thyssen-Krupp zurück.

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Villa Hügel. Hinter Berthold Beitz haben sich unter anderem Gerhard Cromme (rechts) und daneben Heinrich Hiesinger vergangenen November aufgestellt. Foto: dpa
Villa Hügel. Hinter Berthold Beitz haben sich unter anderem Gerhard Cromme (rechts) und daneben Heinrich Hiesinger vergangenen...Foto: dpa

Berlin - Gerhard Cromme, viele Jahre Aufsichtsratschef von Thyssen-Krupp, wirft hin. Zum 31. März wird er das Kontrollgremium verlassen, teilte Thyssen- Krupp am Freitag in Essen mit. Auch seinen Posten als stellvertretender Kuratoriumsvorsitzender der Krupp-Stiftung wird der 70-jährige Cromme aufgeben. Damit muss sich Stiftungschef Berthold Beitz einen neuen Nachfolger für die Stiftung suchen. Die Stiftung ist der Hauptaktionär des Konzerns und der 99-jährige Beitz hatte auf Cromme als seinen Nachfolger gesetzt. Der ließ am Freitag erklären, er wolle einen „personellen Neuanfang ermöglichen“.

Cromme wurde in den vergangenen Monaten für Fehlentwicklungen wie das milliardenschwere Desaster der Stahlwerke in Brasilien und den USA sowie Korruptionsfälle mitverantwortlich gemacht. Dazu kamen Enthüllungen zur Beteiligung an einem Schienenhersteller- Kartell. Zuletzt hatte sich Cromme auf der Hauptversammlung des Unternehmens in Essen vor einigen Wochen der Kritik der Aktionäre gestellt, damals aber einen Rücktritt ausgeschlossen. Auch Beitz hatte sich zuletzt im Dezember entschlossen geäußert: „Cromme bleibt“, sagte der Alte damals dem „Handelsblatt“. Am Freitag hob der Stiftungschef die „langjährige enge und vertrauensvolle Zusammenarbeit“ hervor. Er habe die Entscheidung Crommes „mit großem Respekt“ angenommen.

Aktionärsvertreter begrüßten den Abgang Crommes. „Wir finden das richtig“, sagte der Geschäftsführer der deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW), Thomas Hechtfischer. Ein Neuanfang nach den Fehlentscheidungen und Skandalen dürfe sich nicht nur auf den Vorstand beschränken, sondern müsse den Aufsichtsrat einschließen. Die Anleger schlossen sich der Einschätzung an, die Aktie von Thyssen-Krupp legte am Freitagnachmittag um 5,8 Prozent zu und stand damit an der Spitze des Dax.

Der Vorstandsvorsitzende Heinrich Hiesinger, den Cromme vor knapp drei Jahren von Siemens zu Thyssen-Krupp geholt hatte, würdigte Cromme als eine prägende Kraft in der deutschen Stahlindustrie. Hiesinger hatte die Skandale der vergangenen Monate genutzt, um drei Vorstandsmitglieder rauszuwerfen. Ferner versucht er, den Konzern mit Unternehmensverkäufen und Sparprogrammen zu sanieren. Im Mittelpunkt der Bemühungen steht der Verkauf der neuen Stahlwerke in Übersee. Ursprünglich für rund fünf Milliarden Euro geplant, haben die Anlagen mehr als das Doppelte gekostet und sind trotzdem nicht wirtschaftlich zu betreiben. Hiesinger will noch in den kommenden Monaten einen Käufer für die riesigen Fabriken finden. Der promovierte Jurist Gerhard Cromme ist eine historische Figur in der Stahlwirtschaft. Er steht für den Zusammenschluss von Krupp und Hoesch (1992) und die Fusion mit Thyssen (1999). Er steht aber auch für die über viele Jahre umkämpfte Schließung des Krupp-Stahlwerks in Duisburg-Rheinhausen. Neben Thyssen-Krupp leitet Cromme auch den Aufsichtsrat von Siemens; daran wird sich offenkundig auch erstmal nichts ändern. Siemens wollte den Rückzug Crommes bei Thyssen-Krupp am Freitag nicht kommentieren.

Cromme gilt darüber hinaus als Vater des Corporate-Governance-Kodex – dem Regelwerk für saubere Unternehmensführung. „Wenn Sie mich fragen, ob wir als Aufsichtsrat in der Vergangenheit etwas hätten besser machen können, dann will ich ehrlich sagen: Ja, wir haben zu lange vertraut, wir hätten früher handeln können“, hatte Cromme bei der letzten Thyssen-Krupp-Hauptversammlung den Anteilseignern zugerufen. Diese hatten das zum Teil mit Buhrufen bedacht, was auch dem anwesenden Berthold Beitz nicht entgangen war.

Die von Beitz geführte und von Alfried Krupp testamentarisch verfügte KruppStiftung gibt es seit 1968. Sie war anfangs alleiniger Eigentümer von Krupp, heute hält sie 25,3 Prozent am Konzern und ist damit größter Einzelaktionär. Neben der Förderung von Kultur, Wissenschaft und sozialen Projekten hat die Stiftung auch den Auftrag, die Einheit der Firma zu wahren. mit dpa/HB

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