Wirtschaft : Cyberline stellt die komplette Küche ins Internet

FRIEDERIKE STORZ

BERLIN. .Eine Gründungsgeschichte wie aus dem Lehrbuch: Zwei computerbegeisterte Studenten lernen sich an der TU kennen.Ihr liebstes Ding ist das Internet, das allerdings noch in den Kinderschuhen steckt und vornehmlich als wissenschaftliches Kommunikationsmittel genutzt wird.Doch Mitte der neunziger Jahre öffnet sich das World Wide Web auch für kommerzielle Anbieter."Das ist unsere Chance" sagten sich die Berliner Studenten und gründeten im Oktober 1995 die Firma Cyberline.Ihre Geschäftsidee: den professionellen Auftritt von Unternehmen im Internet zu organisieren.Heute machen die beiden ehemaligen TU-Studenten Carsten Ussat und Guido Krakow damit eine halbe Million DM Umsatz im Jahr.Gerade schaffen sie in ihrer Firma im Dienstleistungs- und Gewerbezentrum (DGZ) in Berlin-Weißensee den fünften Arbeitsplatz.

"Wir waren der zwölfte kommerzielle Server, der in Berlin online ging", erinnern sich die Gründer nicht ohne Stolz.Ganz klein fing es damals an.Mit einem Modem und vier Rechnern in einer Mietwohnung in Reinickendorf ging Cyberline auf Kundenfang.Krakow hatte bereits seinen Informatik-Abschluß in der Tasche, sein Kollege Ussat bastelte noch am Diplom als Medienberater und betreute gleichzeitig die ersten Kunden.In seiner Familie stieß das nicht unbedingt auf Zustimmung."Junge, mach doch erst das Studium zu Ende", hieß es da.Doch der frühe Einstieg hat sich "als Vorteil herausgestellt", sagt Ussat heute.Denn inzwischen sind eine Menge PR-Agenturen und Softwarefirmen auf den Zug aufgesprungen.Das macht einen Einstieg für Konkurrenten schwieriger.

Finanziell war der Start für Cyberline nicht leicht."Wir hatten auch unsere Durststrecke zu bewältigen", erinnert sich der heute 29jährige Carsten Ussat.Etwa 80 000 DM Kapital benötigten die Gründer in der Anfangsphase.Die beiden finanzierten alles selbst, das ist bis heute so geblieben."Das ist besser, als sich hohe Schulden aufzuladen", sagt Ussat.Nach zweieinhalb Jahren hatten sie den break-even geschafft.Cyberline schrieb die schwarze Null.

Die Angebotspalette der jungen Firma hat sich seither nach und nach erweitert.Die meisten Ideen für neue Online-Dienstleistungen entwickelten Ussat und Krakow aus ihrem eigenen Bedarf heraus.Beispielsweise war das Gründerduo oft unterwegs, für eine Sekretärin fehlte aber in der Anfangszeit das Geld.So entstand der "Innofon-Service", ein Mini-Call-Center für Kleinstunternehmen, etwa Handelsvertreter.Für die Zeit ihrer Abwesenheit können sie ihr Telefon auf eine Mail-box umstellen, wo der Anruf dann entgegengenommen wird, eine "Sekretärin auf Zeit" sozusagen.Mittlerweile ist Cyberline dabei, ein Franchise-Konzept für diesen Dienst zu entwickeln.

Hauptstandbein ist aber immer noch die Firmenpräsentationen im Internet.Ein interessantes Äußeres mit sinnvollem Service zu verknüpfen, ist die Erfolgsmischung, mit der Cyberline schon einen ansehnlichen Kundenstamm an sich gebunden hat - inzwischen managt Cyberline auch den Internet-Auftritt der Schultheiß-Brauerei.

Ausgehend vom Selbstbild des Unternehmens entwickeln die Spezialisten zunächst ein Designkonzept.Da die meisten Firmen - anders als für Printmedien, TV oder Radio - nur selten Marketing-Richtlinien für das Internet haben, fangen Ussat und Krakow bei Null an, überlegen sich graphische Gestaltung und Inhalt.Danach wird programmiert.Tabu sind dabei Endlosanimationen, die sich monoton auf dem Bildschirm drehen und lange Menüleisten, durch die sich der Benutzer mühsam klicken muß, bis er die gewünschte Information bekommt."Wir wollen schließlich keine Wüste im Internet", sagt Krakow.

Wie das praktisch aussieht, zeigt eine von Cyberline entwickelte Online-Präsentation eines Küchenherstellers.Die Daten werden vorgeladen, danach geht es Schlag auf Schlag: Der Blick des Kunden schweift am Monitor durch die virtuelle Küche, bleibt an einem Küchenschrank mit Schublade hängen.Per Mausklick erfährt der Besucher der Webseite mehr über Ausführungen, Preis und genaues Maß des Möbelstücks.

Die Gründer können nicht nur eine komplette Küche ins Internet "stellen", sie gehen noch einen Schritt weiter.In einem "cybershop" können die präsentierten Firmen ihr Produkte online verkaufen.Inzwischen bietet beispielsweise ein Sportgeschäft seine Ware an und ein Berliner Kurierdienst seine Boten.Auch ein Berliner Computerhändler und eine Buchhandlung nutzen den Service.Er funktioniert ganz einfach.Der Hersteller muß nur seine interne Artikeldatei, die er aus der Logistik sowieso hat, ins Netz einspeisen.Der Internetbesucher merkt nichts von diesem kleinen Trick, denn die nüchternen Logistik-Listen werden online-freundlich aufbereitet.

Die Branche boomt.Deshalb blickt auch Cyberline optimistisch in die Zukunft."Wir sind in den letzten Monaten mit Aufträgen kaum nachgekommen", freut sich Krakow.Ab nächsten Monat steht das Unternehmen auch räumlich ein Stückchen weiter oben - die Firma zieht um in den vierten Stock.

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