Wirtschaft : D-Mark: Ein Kind der Amerikaner

Rolf Obertreis

Die Bundesbank verzichtet auf einen feierlichen Abschied. Die Mark wird still und leise zu Grabe getragen. Die Deutschen haben trotz lauten Wehklagens noch zum Jahresende nur kurz Schwarz getragen. Längst ist der Euro auch als Bargeld akzeptiert. Am 28. Februar schlägt der Mark endgültig ihr letztes Stündlein als offizielles Zahlungsmittel. Ohnehin waren Münzen und Scheine seit 1. Januar nur noch geduldet, um den Übergang zum Euro zu erleichtern. Allein gültiges gesetzliches Zahlungsmittel ist die Mark schon seit Jahresanfang nicht mehr.

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Edward Tenenbaum war 1948 gerade mal 27 Jahre alt. Und doch war der junge Amerikaner schon ein versierter Währungsexperte. Heute gilt er als einer der Väter der Deutschen Mark. Tenenbaum leitete im Auftrag der Alliierten das Konklave von Rothwesten in einer Militärkaserne nördlich von Kassel. Sieben Wochen lang saßen dort im Frühjahr 1948 Experten zusammen und brüteten über die künftige Währungsstruktur in Deutschland. Am 8. Juni war es so weit: Die D-Mark war geboren.

Die ersten Geldscheine waren schon längst gedruckt. Die USA hatten bereits Ende 1947 mit den Vorbereitungen begonnen. In 23 000 Holzkisten wurde das neue Geld nach Deutschland geschafft. Am 21. Juni 1948, dem Tag der Währungsreform, wurden die ersten D-Mark-Scheine an die Menschen in Westdeutschland ausgegeben: 40 Mark für jeden Bewohner der Westzone. Die Ostdeutschen mussten auf Druck der Sowjets mit der Ostmark vorlieb nehmen - bis Juli 1990.

Auf einmal war es im Westen vorbei mit Inflation und Lieferknappheit. Wer 5300 D-Mark hatte, bekam einen neuen VW-Käfer innerhalb von zehn Tagen. Wirtschaftsminister Ludwig Erhard hob gegen den Willen der Amerikaner schnell die Güterbewirtschaftung auf. Leicht war es für die Menschen trotzdem nicht. Bei einem Durchschnittsverdienst von 300 D-Mark im Monat kostete etwa ein Ei 35 Pfennig. Die ersten Monate der Mark waren denn auch von großer Skepsis geprägt. Manch einer prophezeite den schnellen Zusammenbruch der neuen Währung. Doch nicht nur Erhard hielt durch und legte damit den Grundstein für eine weltweit beispiellos erfolgreiche Währungsgeschichte.

Auch die Bank deutscher Länder, die später zur Bundesbank wurde, trug entscheidend dazu bei, dass die Mark in den 50er Jahren zu einer der stärksten Währungen der Welt aufstieg. 1958 schon war die Konvertibilität der Mark erreicht, die Kreditwürdigkeit Westdeutschlands im Ausland wieder hergestellt. Wirtschaftswunder und Deutsche Mark waren längst Synonyme für den Aufstieg der Bundesrepublik. Auch die Aufhebung der Goldbindung des US-Dollar und der Übergang zu freien Wechselkursen Anfang der 70er Jahre brachte nur kurzzeitig Unruhe. Der Bundesbank gelang es schnell, die Inflationsgefahr einzudämmen. Die Mark wurde damit endgültig zur Ankerwährung in Europa und später zum Pfeiler im Europäischen Währungssystem, dem Vorläufer der Europäischen Währungsunion.

Gleichwohl: Nicht immer traf die Geldpolitik der Bundesbank auf Verständnis. Zu restriktiv und damit mit verantwortlich für rezessive Phasen, hieß es nicht selten, wie etwa Ende der 70er Jahre. Trotzdem: Unter dem Strich haben Mark und Bundesbank den Deutschen 54 Jahre stabile Währungsverhältnisse beschert. Insofern war der Drang der Ostdeutschen zur D-Mark ("Kommt die D-Mark nicht zu uns, kommen wir zu ihr") mehr als logisch. Mit der deutsch-deutschen Währungsunion zum 1. Juli 1990 bewältigte die Bundesbank ihre bis dahin größte Geldtransportaktion: 28 Milliarden D-Mark in Münzen und Scheinen mussten innerhalb von wenigen Wochen auf 10 000 Ausgabestellen in der damaligen DDR verteilt werden.

Längst haben auch die Ostdeutschen die D-Mark schätzen gelernt. So wie Millionen in Osteuropa oder auf dem Balkan, wo die Mark zum Teil sogar zur offiziellen Währung erklärt wurde. Zwischen Elbe und Oder und weiter östlich ist der Abschied von der Mark möglicherweise noch schwerer gefallen als in Westdeutschland. Aber auch dort wird man den Euro schnell akzeptieren. Schließlich waren Mark und Bundesbank die wichtigsten Vorbilder für das neue Geld und für die Europäische Zentralbank.

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