Wirtschaft : „Da darf nichts dazwischen kommen“ Siemens-Gewinn bröckelt Probleme hausgemacht

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München - Die frisch begonnene zweite Amtszeit von Siemens-Chef Peter Löscher wird zur Bewährungsprobe. Zu den hausgemachten Problemen bei der Anbindung von Offshore-Windparks an das Stromnetz kommt nun auch noch viel Gegenwind im operativen Geschäft hinzu. Bei der Vorstellung der Quartalszahlen in dieser Woche wird Löscher nach Informationen des „Handelsblatts“ aus Industriekreisen zwar die bereits korrigierte Gewinnprognose für das laufende Geschäftsjahr nicht ganz kassieren. „Das Ziel ist noch erreichbar“, sagt ein Insider. „Da darf jetzt aber nichts mehr dazwischen kommen.“ Die von Siemens erhoffte Erholung ist jedoch ausgeblieben. Mit den Auftragseingängen ging es im abgelaufenen Quartal deutlich nach unten.

Löscher will nun zeigen, dass er den Technologiekonzern auf Kurs halten kann. In seinen ersten fünf Jahren war ihm viel gelungen: Die Aufarbeitung des Schmiergeldskandals, der Konzernumbau, die Verbesserung der Margen. Doch in den vergangenen Monaten wurde auch Kritik laut. „Er muss noch klarer machen, wofür er steht“, sagte ein Konzernkenner. Löscher hat durchaus Pläne: Kurzfristig sollen die Kosten unter Kontrolle gehalten werden. Auf längere Sicht setzt er auf ein Siebenpunkteprogramm.

Ein zentraler Punkt dabei: Der Umsatz in den Schwellenländern von zuletzt 24 Milliarden Euro soll mittelfristig um zehn Milliarden Euro steigen. Das Umweltportfolio soll bis 2014 auf 40 Milliarden Euro anwachsen. Ein dritter Schwerpunkt soll das Thema Energiewende sein. Zudem will Löscher den Umsatz mit Industriesoftware von zuletzt vier Milliarden Euro mittelfristig verdoppeln.

Zunächst aber muss das konjunkturelle Tief durchgestanden werden. Zwar konnte der Umsatz nach Informationen des Handelsblatts noch gesteigert werden. Das aber liegt allein am hohen Auftragsbestand. Vor allem bei der Industrieautomatisierung und der Antriebssparte, die früh auf Konjunktursignale reagieren, brach das Geschäft dagegen ein. Auch im Energiesektor, lange einer der Gewinnbringer, gibt es Schwierigkeiten. Der Preisdruck bei den erneuerbaren Energien ist groß. Dagegen gibt es in der Medizintechnik-Sparte laut Industriekreisen Fortschritte. Auch der Infrastruktursektor lieferte zufriedenstellende Ergebnisse. Doch insgesamt ist das Geschäft weltweit schwieriger geworden. So verzeichnet Siemens wegen der unsicheren Lage bei Industriekunden in Deutschland eine deutliche Zurückhaltung.

Früher haben so etwas die Wachstumsmärkte ausgeglichen. Doch auch in China fallen die Zuwächse geringer aus. Ob Siemens im laufenden Geschäftsjahr (bis 30. September) wenigstens noch einen Gewinn von wie zuletzt angekündigt 5,2 bis 5,4 Milliarden Euro schafft – ursprünglich waren sogar sechs Milliarden angepeilt worden –, ist offen. Die Probleme bei der Netzanbindung der Offshore- Windparks hatte den Gewinn im ersten Halbjahr um fast eine halbe Milliarde Euro gedrückt.

Die Schwierigkeiten in der Nordsee, die hausgemacht sind, weil die Verträge schlecht ausgehandelt waren, hatten auch im Konzern die latente Kritik an Löscher verstärkt. Für manche ist er noch nicht ganz im Konzern angekommen. Zudem halten manche den Einfluss von Aufsichtsratschef Gerhard Cromme für zu groß, der Löscher nach dem Schmiergeldskandal geholt hatte. „Die Frage ist: Wer führt Siemens eigentlich?“, sagt ein Konzerninsider. Wegen Cromme halten sich auch hartnäckig Spekulationen über eine mögliche Fusion mit Thyssen-Krupp, die Löscher indes ausschließt.

Als mittelfristiges Ziel hat Löscher 100 Milliarden Euro Umsatz vorgegeben. Doch sollen die Kapitalmärkte nicht verschreckt werden. Daher wird gleichzeitig die Devise ausgegeben: „Wir wollen nicht Wachstum um jeden Preis.“ Die Profitabilität habe in jedem Fall Vorrang.

Und egal, ob die Gewinnprognose nun erreicht oder knapp verfehlt werde, sagt ein Vertrauter, „fünf Milliarden Euro Gewinn sind ja ein ordentliches Ergebnis.“ Axel Höpner (HB)

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