Wirtschaft : Da drückt der Schuh

Strafzölle auf Billig-Schuhe aus Asien sollen europäische Händler schützen - deutsche Händler ärgert das

Ina Brzoska

Berlin - Fieberhaft durchforsten Schnäppchen-Jäger Schuhregale bei Deichmann. Beim Vergleich der Modelle und der Suche nach der passenden Größe zählt vor allem der Preis. Von zierlichen Pumps über Schnürschuhe bis hin zu wattig gepolsterten Winterstiefeln – die Auswahl bei Europas größtem Schuh-Hersteller ist groß, der Preis meist klein – dank Billig-Importen aus Asien. „Wo gibt es denn sonst Lederstiefel für 50 Euro“, sagt eine Berliner Kundin und schiebt gleich drei Kartons über die Ladentheke.

Damit könnte es bald vorbei sein, denn Schuhe, die in China und Vietnam produziert werden, könnten bald teurer werden. Die Schuh-Branche kritisierte die Entscheidung der EU-Kommission, Strafzölle auf Schuhe aus China und Vietnam zu erheben. Ab dem heutigen Samstag zahlen Händler einen höheren Preis. In Deutschland trifft das auf jeden neunten Schuh zu. Händler, die Lederschuhe aus China und Vietnam einkaufen, zahlen künftig 16,5 Prozent (China) und zehn Prozent (Vietnam) mehr als bisher.

Die EU sieht für ihre Entscheidung berechtigte Gründe: Kontrolleure hätten in chinesischen und vietnamesischen Produktionsstätten „unlauteren Wettbewerb“ festgestellt. Es handele sich um „schwerwiegende staatliche Einflussnahme, Steuerbegünstigungen, vergünstigte Kredite und Ausfuhranreize“, teilte die EU-Kommission mit. Diese würden den Wettbewerb verzerren und europäischen Händlern und Herstellern schaden, sagte EU-Handelskommissar Peter Mandelssohn.

In der Branche sorgte die Nachricht für Wirbel. Betroffen seien vor allem große Handelsketten, die Schuhe im unteren Preissegmenten anbieten, hieß es bei großen Handelsketten wie Deichmann, Reno oder Wortmann. Die EU-Entscheidung sei „völlig absurd“, kritisierte Heinrich Deichmann. Man werde sich nun nach alternativen Produktionsstätten umsehen, beispielsweise in Indien oder der Türkei. Philipp Urban vom Hauptverband der Deutschen Schuhindustrie (HDS) kritisierte, dass durch die Zölle vor allem Händler und Hersteller in Deutschland bestraft würden.

Derzeit gibt es in Deutschland noch 95 Betriebe mit rund 13 000 Mitarbeitern – Tendenz sinkend. Das letzte Opfer der Billig-Schwemme aus Asien ist der Traditionshersteller Bleil aus dem schwäbischen Kirchheim. Das in vierter Generation geführte Familienunternehmen kündigte an, die Produktion Ende Oktober einzustellen. Urban mahnte mit Blick auf die verbleibenden Schuhhersteller in Deutschland, dass auch solche Unternehmen auf eine günstige Fertigung in Asien angewiesen seien, um wettbewerbsfähig zu bleiben. „Oft lohnt es sich für Hersteller, die Materialien nach Shanghai zu verschiffen, nur um sie dort nähen zu lassen“, so Urban. Zudem warf er der EU vor, „in die eigene Tasche zu wirtschaften“. Allein aus China hätten deutsche Händler in 2005 Lederschuhe im Wert von 1,5 Milliarden Euro gekauft. Bei 16,5 Prozent Zoll gingen dabei ab sofort 250 Millionen Euro in die EU-Kassen, rechnet Urban vor. Rolf Pangels vom Handelsverband BAG befürchtet auf lange Sicht eine Preissteigerung bei Schuhen. „Die Zeche zahlt am Ende der Verbraucher“, so Pangels. Die EU-Kommission weist die Vorwürfe aus dem Handel zurück. Schuhimporte aus beiden Ländern seien so preiswert, dass sich der Zoll beim Endpreis im Geschäft kaum bemerkbar machen werde. Im Schnitt koste der Schuh aus China rund 8,50 Euro. Verkauft würden sie jedoch für 35 Euro. Einige Markenschuhe kosteten im Import etwas mehr, würden aber für 120 Euro verkauft, argumentiert die EU-Kommission.

„Durch diese Maßnahme wird kein Schuh in Europa zusätzlich produziert", sagte Deichmann. Dagegen könnten nach Ansicht von Urban künftig auch Polen, Rumänien und Bulgarien attraktive Standorte für Schuhhersteller sein.

Gelassen geben sich Unternehmen wie Gabor und Salamander, die Schuhe in oberen Preissegmenten anbieten. Der Anteil an Schuhen aus Asien liege bei fünf Prozent im eigenen Sortiments. „Unsere Produkte werden in Italien, Portugal, Ungarn und Litauen gefertigt“, so Salamander-Chef Norbert Breuer. Auch dort finden Schnäppchen-Jäger bereits Lederschuhe ab 35 Euro.

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