Dade-Behring-Deal : Siemens lässt sich die Medizin etwas kosten

Wie viel Geld darf man ausgeben, um Marktführer zu werden? Spartenchef Reinhardt verteidigt den teuren Zukauf in den USA. Von der Diagnose bis zur Behandlung soll alles aus einer Hand kommen.

Christoph Hardt

München - Wie viel Geld darf man ausgeben, um Marktführer zu werden? Erich Reinhardt, Vorstand von Siemens und Chef des Bereichs Medizintechnik, hat die Frage in den vergangenen Tagen oft beantworten müssen, intern ebenso wie gegenüber Investoren. Fast fünf Milliarden Euro hat sich Siemens die Übernahme des amerikanischen Laborspezialisten Dade Behring kosten lassen: beinahe das 20-Fache des Ergebnisses vor Steuern, Zinsen und Abschreibungen (Ebitda). Damit ist man nun gleich in mehrfacher Hinsicht Weltspitze.

Teuer sei die Übernahme gewesen, sehr teuer – das hat Reinhardt oft genug zu hören bekommen. „Wir sind uns bewusst, dass wir einen starken Preis bezahlen“, sagte der Med-Chef am Wochenende im Gespräch mit dem „Handelsblatt“. Aber dieser Preis sei es wert, bezahlt zu werden. Reinhardt, Professor der Elektrotechnik und Schwabe von Hause aus, ist nicht dafür bekannt, verschwenderisch mit dem Geld von Siemens umzugehen. Dennoch: Argumentationsdruck sieht auch der Chef des seit Jahren sehr erfolgreichen Med-Bereichs. Mehr als zehn Milliarden Euro hat Reinhardt in den vergangenen zwei Jahren für den Ausbau seines Bereichs ausgeben dürfen. So hat er die Laborsparte von Bayer und den Spezialisten für bildgebende Verfahren CTI gekauft und insgesamt so viel Geld ausgegeben wie kaum ein Siemens-Manager vor ihm. „Natürlich müssen Sie begründen können, warum diese Übernahme den Preis wert ist“, weiß auch Reinhardt.

In den vergangenen Tagen hat er es vor Investoren in der ganzen Welt probiert. Er hat das geschildert, was noch eine Vision ist: den Aufbau des einzigen voll integrierten Medizinkonzerns, der von der ersten Diagnose bis zur letzten Behandlungsstufe alle Prozesse der modernen Medizin steuert und verbessert. „Mit Dade werden wir führend in der Verbindung von klinischer Chemie und Immundiagnostik, außerdem ist Dade auf kleine und mittlere Labors spezialisiert, dort waren wir bislang nicht vertreten.“

Dann entwirft Reinhardt seine Idee vom Labor der Zukunft, dem im Medizin-Prozess eine zentrale Rolle zukommt. Dort könne man Prozesse automatisieren, Analysemethoden kombinieren und Kunden große Kostenvorteile ermöglichen. „Es geht mir immer darum, Medizin besser und zugleich günstiger zu machen.“

Experten schätzen, dass Med einen Großteil des Erlöses von 11,4 Milliarden Euro, den Siemens aus dem Verkauf der Autozulieferersparte VDO an Continental erzielt hat, in die Übernahme des Laborspezialisten steckt. Auch intern habe es Erklärungsbedarf gegeben, räumt Reinhardt ein. Schließlich verlangt das vom früheren Konzernchef Klaus Kleinfeld verabschiedete Programm „Fit for 2010“ den Bereichen hohe Kostendisziplin ab. „Es gibt keine Eifersucht“, sagt Reinhardt aber. Im Konzern werde allgemein akzeptiert, dass man trotz des hohen Preises zum richtigen Zeitpunkt zugegriffen habe.Von einer „großzügigen Prämie“ spricht auch Roland Pitz, Analyst von Unicredit. Strategisch mache das Geschäft dennoch großen Sinn. Nun müsse das Management aber beweisen, dass es in der Lage ist, diesen „dicken Happen“ zu verdauen.

Dass Reinhardt dabei auf die Unterstützung des neuen Konzernchefs bauen kann, erleichtert die Aufgabe. „Ich habe Peter Löscher frühzeitig von unseren Plänen informiert, er hat uns nachhaltig bestärkt.“ Reinhardt hält es für einen Vorteil, dass Löscher selbst in der Branche Karriere gemacht hat. „Es ist immer gut, wenn Sie einen Konzernchef haben, der das Geschäft genau versteht“.

Bis 2010 will der Bereich Med aus der Akquisition von Dade 160 Millionen Euro an Kostensynergien freisetzen, bis 2014 sollen es sogar 300 Millionen jährlich sein. Dies soll durch die Optimierung an den Standorten, die Bündelung des Einkaufs und höhere Effizienz in Forschung und Entwicklung geschehen.

Der deutsche Produktionsstandort von Dade in Marburg sei davon nicht betroffen, heißt es bei Siemens. Im wichtigsten Gesundheitsmarkt der Welt, den USA, baut der Bereich seine Position mit der Übernahme gleichwohl weiter aus. Von den künftig 47 500 Mitarbeitern des Bereichs werden 12 000 in Deutschland, aber bereits 19 000 in den USA sein.

Dass der Kauf negative Auswirkungen auf die hoch gesteckten Renditeziele haben wird, befürchtet Reinhardt nicht. Analysten erwarten für das kommende Jahr keine weiteren Verbesserungen, sehen aber auch keine Gefährdung des Ziels von 13 bis 15 Prozent, die dem Bereich im neuen Programm bis 2010 vorgegeben wurden. „Wir akzeptieren die Ziele und sehen gute Chancen, sie zu erreichen“, sagt Reinhardt. Im abgelaufenen Quartal hatte die Sparte Med einen Spitzenwert bei der Eigenkapitalrendite von 13,4 Prozent erreicht.

Dass die Schmiergeld-Affäre im Konzern Auswirkungen aufs laufende Geschäft hat, glaubt Reinhardt nicht. Er selbst sei bereits frühzeitig von den amerikanischen Anwälten befragt worden, für den Bereich Med erwartet er keine schwer wiegenden Konsequenzen. HB

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