Wirtschaft : Dämme gegen die Pillenflut

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Haben Sie schon einmal versucht, in einem Supermarkt aus 40 000 Produkten das richtige in den Einkaufskorb zu legen? Und dabei nicht zum besten und preiswertesten gegriffen, sondern ein zu teures oder nicht genau passendes gewählt? Willkommen im Club – mit diesem Problem schlagen sich Tag für Tag dieÄrzte in Deutschland herum, wenn sie ihren kranken Patienten ein Medikament verschreiben.

Rund 40 000 Arzneien sind hier zu Lande auf dem Markt – wie viele genau weiß niemand. Was man aber weiß: Oft verschreiben die Ärzte Salben und Pillen, die teurer sind als sie sein müssten und weniger bewirken, als sie sollten. Das ist fatal für das deutsche Gesundheitssystem, denn die Versorgung mit Arzneimitteln ist einer der größten Kostentreiber in der gesetzlichen Krankenversicherung. Jahr für Jahr geben die Kassen mehr für Medikamente aus, allein in diesem Jahr könnte es ein Plus von sieben bis neun Prozent geben, vermutet der Bremer Gesundheitsökonom Gerd Glaeske.

Die Politik rätselt seit Jahren, wie dem Missstand beizukommen ist. Appelle an die Pharmaindustrie, Zuzahlungen der Patienten, Runde Tische – alles wirkungslos. Zusätzlicher Druck kommt durch die zunehmende Überalterung der Bevölkerung, die zu einer steigenden Nachfrage nach medizinischer Versorgung führt. Zuletzt versuchte Gesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD), mit der so genannten Aut-Idem-Regelung, die am 1. Juli in Kraft getreten ist, die Kosten zu drücken, Die Idee: Der Arzt verschreibt nur noch einen Wirkstoff, der Apotheker wählt das günstigste Präparat aus. Doch Experten sind skeptisch, ob der Plan funktioniert. „Die Mehrbelastung kann durch die Aut-Idem-Regelung nicht ansatzweise ausgeglichen werden“, urteilten Betriebskrankenkassen. Schuld am Scheitern der Ärzte sind – die Ärzte, sagt Experte Glaeske. „Die Mediziner sind zu schlecht über die einzelnen Mittel informiert.“

Die Kosten bremsen könnte nur eine bessere Aufklärung der Ärzte durch eine Art Stiftung Warentest für Medikamente. Zudem müsse strenger ausgewählt werden, welche Arznei von den Kassen bezahlt werde und welche nicht. „Was zu teuer ist und keinen erkennbaren Zusatznutzen hat, fliegt raus“, fordert Glaeske. Schließlich müsse man die hohen Gewinnmargen von Herstellern und Apothekern drücken – durch ein Vertriebssystem, das mehr Wettbewerb und Transparenz zulässt. brö

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