Dänemark : Rolex, Lügen und Millionen

Vom vermeintlich genialen Geschäftsmann zum gemeinen Betrüger: Wie der dänische Starunternehmer Stein Bagger Banken und Öffentlichkeit an der Nase herumführte.

Thomas Borchert (dpa)
Stein Bagger
Stein Bagger. Bis vor kurzem galt er als „erfolgreichster Unternehmer Dänemarks“. -Foto: dpa

KopenhagenZwei Wochen ist es her, dass Stein Bagger als „Dänemarks erfolgreichster Unternehmer 2008“ gefeiert wurde – jetzt droht ihm das Gefängnis. Fassungslos und fasziniert erleben die Dänen seit einigen Tagen die Wandlung des vermeintlich genialen Geschäftsmannes zu einem gemeinen Betrüger. Auch nach Meinung seiner Partner steht zweifelsfrei fest, dass Bagger den angeblichen Umsatz seines Software-Unternehmens IT Factory von einer Milliarde Kronen (135 Millionen Euro) durch gefälschte Rechnungen frei erfunden hat.

Tagelang war Bagger verschollen. Verschwunden nach Dubai, wie es hieß. Nun tauchte der 41-Jährige bei einer kalifornischen Polizeistation auf und stellte sich freiwillig. Laut „Los Angeles Times“ erschien er im eleganten Armani-Anzug und mit Rolex-Uhr am Handgelenk.

Das passte zum Image, das Bagger in seiner Heimat anhaftete. Er galt als überaus charmant, ungewöhnlich charismatisch und fitnessbesessen. Mit diesem Image gelang es ihm, alle Geschäfts partner und die Öffentlichkeit an der Nase herumzuführen. Dänemarks größte Bank Danske Bank gewährte ihm Kredite von 350 Millionen Kronen (35 Million Euro). Ex-Radsportstar Bjarne Riis engagierte ihn als Kosponsor für seinen Profirennstall. Die Unternehmensberater von Ernst & Young und das Kopen hagener IT-Fachblatt „Computerworld“ ehrten ihn noch im Herbst mit Preisen für sein „innovatives“ und „erfolgreiches“ Geschäftsmodell.

Wie sich herausstellte, bestand dieses Modell schlicht in einem heimlich an gemieteten Bürozimmer nahe der IT-Factory-Zentrale, in dem Bagger fingierte Leasingverträge anfertigte, um den in Wirklichkeit gegen null tendierenden Umsatz seines Unternehmens in die Höhe zu treiben. Als sein angeblich ahnungsloser Geschäftspartner Asger Jensby das Büro und darin eine Plastiktüte mit den gefälschten Verträgen fand, brach das Kartenhaus zusammen – ITFactory meldete Konkurs an. Bagger verschwand spurlos und tauchte wieder auf, nachdem er im Mietwagen von New York quer durch die USA gefahren war. Er soll umgehend ausgeliefert werden.

Nur noch interessanter wurde die Geschichte durch immer neue Details über enge Kontakte Baggers zu dänischen Rockern von den Hell’s Angels und heimlichen Wohnungen für Seitensprünge nebst Lamborghini in der Garage. Peinlich sind die Enthüllungen nicht nur für betroffene Banken, Unternehmensberater und Geschäftspartner, die auf simplen Betrug hereingefallen sind und viel Geld verlieren. Auch die führenden dänischen Medien feierten Bagger bis zuletzt und überließen ihm ausreichend Platz, die angeblichen Geheimnisse seines Erfolges zu erklären: „Ich schlafe höchstens drei bis vier Stunden pro Nacht. Manchmal arbeite ich 100 Stunden die Woche.“ Jetzt behauptet die Familie, Bagger sei durch jahrelange „räuberische Erpressung“ zu seinen kriminellen Aktivitäten gezwungen worden.

Auf die Spur der gigantischen Bluffnummer kam die allein und zäh im heimischen Keller recherchierende Journalistin Dorte Toft. Hilfe leisteten meist anonym auftretende Blogger im Internet. Einige von ihnen mit Insiderwissen wunderten sich auch, warum die führende dänische Bank den Millionenbetrüger kurz vor seiner Entlarvung noch mit einem persönlichen Überziehungskredit von 50 Millionen Kronen (6,7 Millionen Euro) versorgte. Wo doch viele seriöse Firmen in Zeiten der Finanzkrise über die zöger liche Kreditvergabe der Banken klagen.Thomas Borchert (dpa)

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