Wirtschaft : DAG-Chef Issen wirbt um Zustimmung - Gewerkschaften beraten über Vereinigung

löb/stg

Nach der ÖTV haben am Donnerstag auch die übrigen vier Dienstleistungsgewerkschaften auf Sonderkongressen über ihre geplante Fusion zur weltgrößten Einzelgewerkschaft Verdi beraten. Der Zusammenschluss sei die Antwort der Gewerkschaften auf die veränderte Arbeitswelt, sagte DPG-Chef Kurt van Haaren in Bremen. Der DAG-Vorsitzende Roland Issen erklärte in Magdeburg, Verdi sei nötig, um die Kräfte der Gewerkschaften zu bündeln. Auch HBV-Chefin Margret Mönig-Raane bekräftigte in Würzburg, zu Verdi gebe es keine Alternative. Die Delegierten der ÖTV lehnten Anträge gegen die Verschmelzung ab. Die Fusion soll endgültig erst 2001 besiegelt werden, auf den Gewerkschaftstagen fallen jetzt Vorentscheidungen.

Mit 3,2 Millionen Mitgliedern werde Verdi die größte Einzelgewerkschaft der Welt sein, sagte Issen in Magdeburg. Der Zusammenschluss mit ÖTV, HBV, DPG und IG Medien werde die Konkurrenz unter den Gewerkschaften beseitigen und helfen, die Kräfte der Arbeitnehmerschaft zu bündeln. Auch werde das Gleichgewicht im Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) wieder hergestellt, wo bislang die IG Metall dominiere. Die Deutsche Angestellten-Gewerkschaft (DAG) gehört als einzige der beteiligten Gewerkschaften nicht dem DGB an und stand damit bisher in direkter Konkurrenz zu den anderen Gewerkschaften.

Die fünf Verdi-Gewerkschaften wollen auf ihren Gewerkschaftstagen bis zum Wochenende über Änderungen ihrer Satzungen und die Bildung einer Gründungsorganisation entscheiden, welche die Fusion vorbereiten soll. Außerdem liegen einige Gegenanträge zur Gründung von Verdi vor, denen aber nur geringe Erfolgsaussichten eingeräumt werden. Die endgültige Entscheidung über die Fusion wird wohl Anfang 2001 fallen, wenn die Delegierten wiederum auf außerordentlichen Gewerkschaftstagen abschließend über die Verschmelzung abstimmen.

Der Bundesvorsitzende der Deutschen Angestellten-Gewerkschaft (DAG), Roland Issen, verteidigte am Donnerstag die Gründung der Vereinigten Dienstleistungs-Gewerkschaft (Verdi) gegen Kritik aus den eigenen Reihen: "Wir würden ohne eine Beteiligung an dieser Fusion neben den DGB-Gewerkschaften und den sich zunehmend bildenden Blöcken im DGB nur noch ein Randdasein führen."



Die meisten Redner bei der Grundsatzdebatte der DAG erkannten prinzipiell an, dass angesichts sich zunehmend veränderter gesellschaftlicher Verhältnisse wohl kaum eine andere Möglichkeit als die angestrebte Gewerkschaftsfusion besteht. "Mein Herz sagt nein, der Kopf sagt ja", sagte ein Redner. Von den insgesamt 328 Anträgen richtete sich kein einziger grundsätzlich gegen Verdi.

Unterdessen zeigte sich der Vorsitzende der Deutschen Postgewerkschaft (DPG), Kurt van Haaren, sehr "sehr zuversichtlich", dass die Gründung der "Verdi"-Gewerkschaft gelingt. Auf dem Weg zu diesem "einzigartigen" und "historischen Werk" seien zwar noch "einige Steine" wegzuräumen, sagte er am Donnerstag auf dem außerordentlichen DPG-Kongress in Bremen, doch zumindest in seiner Gewerkschaft richte sich keiner der 351 vorgelegten Anträge gegen die geplante Fusion als solche.

Die Vorsitzende der Gewerkschaft Handel, Banken und Versicherungen (HBV), Mönig-Raane, forderte in Würzburg, bereits im Kampf gegen die Aushöhlung des Ladenschluss-Gesetzes und gegen die Nullrunde im Öffentlichen Dienst müssten die fünf Gewerkschaften gemeinsam antreten.

Am zurückhaltendsten äußerte sich IG-Medien-Chef Detlef Hensche in Kassel: Er warb grundsätzlich für die Verschmelzung, wies jedoch zugleich auf Probleme in Details hin. Ärgerlich sei etwa, dass es bisher keine Entscheidung zu Gunsten der finanziellen Autonomie der Fachbereiche gebe, sagte er. Auch dürfe an der Doppelstruktur von Bundesvorstand und relativ autonomen Fachbereichen nicht gerührt werden, sonst sei das gesamte Projekt gefährdet. Die IG Medien gehört zu den Gewerkschaften, die eine Fusion lange Zeit ablehnten. Kritisiert wird, dass Organisationsfragen die inhaltliche Positionsbestimmung der Gewerkschaft zurückdrängten. Die Delegierten der Gewerkschaft Öffentlicher Dienst, Transport und Verkehr (ÖTV) hatten ihre Beratungen bereits am Mittwoch in Dortmund aufgenommen. Am Donnerstag stimmten sie mit großer Mehrheit gegen die vorher gestellten Anträge, die sich gegen die Fusion richteten.

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