Dahrendorf-Essay : Die verlorene Ehre des Kaufmanns

Ein letzter Essay von Lord Ralf Dahrendorf über Ursachen der Krise – und Schlussfolgerungen für Wirtschaft und Staat.

Dahrendorf
Einer der bekanntesten Soziologen der Welt war Lord Rolf Dahrendorf. Er starb am 17. Juni im Alter von 80 Jahren. -Foto: dpa

Die Wirtschaften der Welt erleben am Ende des ersten Jahrzehnts des neuen Jahrhunderts eine tiefe Krise. Sie begann als Finanzkrise, strahlte dann aber auf nahezu alle Zweige der („realen“) Wirtschaft aus und erfasste am Ende auch soziale und politische Strukturen. Arbeitslosigkeit, Wohlstandseinbußen, Zukunftsangst sind nur einige der Folgen einer Krise, deren Ende zum Zeitpunkt dieser Analyse noch keineswegs absehbar ist. So sind alle wirtschaftlichen, sozialen und politischen Prognosen mit mehr als der üblichen Vorsicht zu genießen.

Die Ursachen der Krise lassen sich auf mancherlei Weise bestimmen. Technisch stand am Anfang eine Finanzkrise, die aus der um sich greifenden Versuchung folgte, Geld nur mit Geld und nicht mit der Wertschöpfung von Gütern und Dienstleistungen zu „verdienen“. Die Versuchung wurde gefördert durch ein politisches Klima der Deregulierung von Märkten, in der viele die angemessene Antwort auf die Chancen der Globalisierung sahen. Die Mentalität, die die Verrohung der Wertschöpfung ohne Wert förderte, breitete sich in vielen Gesellschaften aus. Sie wurde besonders krass in der spekulativen Entwicklung der Preise von Immobilien insbesondere (nicht nur) in den USA, wo denn auch die Blase der Spekulation zuerst platzte und ihren toxischen Inhalt verströmte.

„Turbokapitalismus“ ist eine von mehreren Beschreibungen der „Ordnung“, die nun in die Krise geraten ist; es gibt auch andere Begriffe („Kasino-Kapitalismus“, „Raubtierkapitalismus“). Mir scheint ein wichtiges Glied in der Ursachenkette der Krise dies zu sein, dass nicht nur mit Geld Geld „verdient“ wurde, sondern dass dies mit geborgtem Geld geschah. Allerorten trat an die Stelle des klassischen „Sparkapitalismus“ ein „Pumpkapitalismus“, der von nicht mehr „bedienbaren“ privaten Hypotheken bis zum Handel mit sogenannten strukturierten Finalprodukten („Derivaten“) reichte. Viele Sitten des ehrbaren Kaufmanns und des guten Haushaltens gingen dabei über Bord.

„Wer ist schuld?“ ist also eine einfache Frage. Gäbe es eine unzweideutige Antwort, dann wäre auch Abhilfe nahe. Es sind eben nicht nur Betrüger mit ihren Pyramidenverkäufen oder auch von hohen Renditen verführte Bankiers mitsamt ihren Beratern, sondern ebenso ihre Kunden, die sich nicht mehr mit Renditen von vier oder fünf Prozent für ihre Ersparnisse begnügen wollten. Dennoch trifft die Verantwortlichen im Finanzsektor und darüber hinaus eine besondere Verantwortung. Es lässt sich argumentieren – und wird hier argumentiert –, dass eine Dimension der Ursachen der Krise bei vorherrschenden Einstellungen, ja Mentalitäten zu finden ist. Es gibt offenbar Mentalitätsmoden mit weitreichenden realen Folgen. Nicht nur tonangebende Gruppen werden von diesen erfasst, sondern breite Schichten der Gesellschaft. Die Krise erweist vor allem das Scheitern einer solchen Mentalität. Das macht Abhilfe zu weit mehr als einem technischen Problem.

Was hat das mit der Wirtschaftsordnung zu tun? Viel. Die soziale Marktwirtschaft ist ja nicht nur Wettbewerb plus Sozialversicherung. Aus gutem Grund hat Ludwig Erhard in seinen Reden immer wieder zum „Maßhalten“ aufgerufen. Wohlstand für alle setzt auch eine Gesellschaft voraus, in der der Beitrag der Einzelnen zum allgemeinen Wohl hoch bewertet wird.

Dafür sind vor allem zwei praktische Maximen wichtig. Beide bedeuten übrigens eine Erneuerung der Werte, die vor nicht allzu langer Zeit gang und gäbe waren. Die eine Maxime betrifft die Abkehr vom Shareholder Value als bevorzugtem Erfolgskriterium. Aktionäre, überhaupt Eigentümer, sind nur eine Bezugsgruppe des wirtschaftlichen Handelns. Es gibt andere stakeholder, also Gruppen und Instanzen, für die der Erfolg von Unternehmen ebenso wichtig und deren Fortbestand eher wichtiger ist. Dazu zählen Zulieferer und Kunden, vor allem aber Beschäftigte und viele im Umfeld von Unternehmen Wohnende und Tätige. Auch wenn diese nicht förmlich mit dem Unternehmen und seiner Führung verbunden sind, haben sie doch ein begründetes Interesse an dessen Wohl und Wehe. Dieses Interesse muss im Handeln der Wirtschaftenden zur Geltung kommen.

Die zweite Maxime nötigen Verhaltens lässt sich in ein Wort fassen: Verantwortung. Das ist nicht nur ein moralisches Ideal, sondern durchaus praktisch zu verstehen. Verantwortung hat etwas mit der Zeitspanne zu tun, in der und für die Entscheidungsträger denken und handeln. Eines der Probleme der jüngeren Wirtschaftsentwicklung liegt in der extrem kurzfristigen Perspektive der Handelnden. Vom short selling strukturierter „Wert“papiere bis zur absurd kurzen Zeitbasis zur Berechnung von Managereinkommen hat eine Atemlosigkeit um sich gegriffen, in der Verantwortung nicht gedeihen kann. Verantwortung verlangt Nachhaltigkeit, also das Denken in zumindest mittleren Fristen.

Der Begriff der Marktwirtschaft hat nach wie vor einen guten Klang. Was das Beiwort „sozial“ bedeuten soll, ist allerdings nicht immer klar. Der hier angedeutete Gedanke ist eine Marktwirtschaft im sozialen Kontext, die Nachhaltigkeit und Verantwortung als Leitfaden akzeptiert. Mit weniger beliebten, aber ebenso zutreffenden Worten kann man auch von einem verantwortlichen Kapitalismus sprechen.

Die gesellschaftlichen Folgen der Krise sind noch durchaus unklar. Dabei betreffen sie sowohl die Eliten als auch die Mehrzahl der Bürger. Was die Eliten betrifft, so ist für die letzten Jahrzehnte vor allem ihre Abgehobenheit kennzeichnend. Die Führungsgruppen in nahezu allen gesellschaftlichen Bereichen haben sich weit von den ihnen Anvertrauten entfernt. Hier vor allem hat die sich öffnende Schere der Einkommensentwicklung ihre Bedeutung. Zwischen führenden und Normalbürgern hat sich eine enorme Lücke aufgetan, die die Verbindung zwischen beiden zerstört. Das gilt nicht nur in der Wirtschaft, sondern auch in politischen Strukturen, in Universitäten und Sportverbänden, ja in Verbänden und Organisationen generell. Es ist eine Art globale Elite entstanden, deren Mitglieder vornehmlich aufeinander blicken und nicht auf diejenigen, für die sie Verantwortung tragen. Hier Abhilfe zu schaffen ist eine der Aufgaben der Bewältigung der Krise.

Das ist nicht einfach, aber auch nicht aufschiebbar. Der Widerstand gegen die abgehobenen Eliten wächst. Er richtet sich zunächst gegen Symbolfiguren, die durch Steuerflucht oder exzessive Pensionsforderungen auffallen. Dahinter wird immer deutlicher eine verbreitete Wut erkennbar, eine Art Volkszorn, der sich in gewaltsamen Demonstrationen Ausdruck verschafft. Einstweilen scheint es, als ob die Krise nicht zu einer nennenswerten Stärkung extremer politischer Parteien führt. Wohl aber führt sie zu zunehmenden Beeinträchtigungen der öffentlichen Ordnung. Wo immer Menschen in großer Zahl zusammenkommen, wird ein Potenzial der Gewalt erkennbar. Französische, in jüngerer Zeit auch griechische Erfahrungen können leicht auf andere Länder überspringen.

Diese Mischung von abgehobenen Eliten und gewaltbereiten Massen weist auf einen Zerfall des sozialen Zusammenhalts hin, der durch nicht direkt der Krise zuzuordnende Faktoren – wie die misslingende Integration von Zuwanderern der zweiten Generation – noch verstärkt wird. Hier vor allem zeigen sich Folgen der Arbeitslosigkeit. Arbeitslose sind bekanntlich keine Revolutionäre. Sie schwanken in der Regel zwischen Apathie und Selbstmitleid. Wohl aber sind sie mobilisierbar, wenn Situationen das erlauben und populistische Führungsgestalten es schüren. Arbeitschancen sind also der Schlüssel für den sozialen Zusammenhalt, zu dem allerdings auch die Wiederankopplung der Eliten gehört.

Was ist die Rolle der staatlichen Instanzen bei der Bewältigung der Krise und vor allem danach? Die Frage ist keineswegs so leicht zu beantworten, wie diejenigen meinen, die behaupten, „der Markt hat seine Schuldigkeit (mehr schlecht als recht) getan, jetzt muss der Staat zeigen, was er kann“. Manche nennen das auch noch Keynesianismus. Tatsächlich dürfte das blinde Vertrauen in den („guten“) Staat vornehmlich negative Folgen haben. Protektionismus, Korruption, Verschuldung, unsachliches (z. B. wahlkampfbestimmtes) Handeln sind nur einige mögliche Sünden des Staates. Die folgenden vier Anmerkungen verbinden daher den Sinn für die Tiefe der Krise mit einer gehörigen Portion Staatsskepsis.

Erstens. Die wichtigsten Veränderungen, die in den kommenden Jahren und Jahrzehnten nottun, betreffen Mentalitäten. Dass Unternehmer verantwortlich handeln, Entscheidungsträger stakeholder berücksichtigen, Aktionäre sich nicht von süßen Reden und Geschenken der Vorstände betören lassen und überhaupt der Pumpkapitalismus wieder einem Sparkapitalismus Raum gibt, ist nur sehr indirekt durch staatliches Handeln zu bewerkstelligen. So wie das vorherrschende soziale Klima sich vor zwanzig Jahren verändert hat, muss es sich erneut ändern. Hier liegt die Aufgabe für alle tonangebenden Gruppen.

Zweitens. Der neue Glaube an staatliche Regulierung ist verständlich, aber auch mit Vorsicht zu genießen: Was muss reguliert werden? Und: Wer reguliert? Hier kommen die im Zusammenhang der staatlichen Überlebenshilfen erfundenen „systemrelevanten“ Wirtschaftszweige infrage, wobei immer zu bedenken ist, dass die Regulatoren ein undankbares Gewerbe betreiben, das nur selten die Besten und Erfahrensten anzieht. Auf mittlere Sicht ist daher Selbstregulierung der Staatsregulierung vorzuziehen.

Drittens. Die raschen, wahrscheinlich nötigen staatlichen Maßnahmen zur Sanierung des Finanzsystems und zur Stimulierung der Konjunktur haben Nebenwirkungen, die die höchste Aufmerksamkeit der Bürger und ihrer Gruppierungen verlangen. Das gilt für die staatliche Beteiligung an Unternehmen, vor allem aber für die sagenhaften Staatsschulden, die in der frühen Krise angehäuft wurden.

Ableitbares Wachstum wird diese nicht abtragen, und Steuererhöhungen werden an Grenzen stoßen. Dann aber bleibt nur ein Inflationsschub von beträchtlichen Ausmaßen, also der Preis, den die „kleinen Leute“ bezahlen.

Viertens. Es ist in mancher Hinsicht gut, dass die Krise eine neue Qualität der internationalen Zusammenarbeit gefördert hat. Auch hier ist jedoch vor Illusionen zu warnen. Die Krise ist zwar ein weltweites, aber nicht unbedingt ein globales Phänomen. Sie ist also etwas der Art nach anderes als der Klimawandel. Die Wahrscheinlichkeit ist daher groß, dass es internationale Einigung nur bei der Suche nach Schuldigen („Steueroasen“) und bei der Legitimierung nationaler Aktionen gibt. Ein neues Weltwirtschaftssystem würde nur entstehen, wenn es (wie 1945) eine Garantiemacht gäbe, die dieses braucht und will. Nicht einmal die USA sind heute in dieser Lage.

Der Soziologe Lord Ralf Dahrendorf ist am 17. Juni im Alter von 80 Jahren gestorben. Für Bundeskanzlerin Angela Merkel war er „einer der großen Intellektuellen und Vordenker Europas“. Bundespräsident Horst Köhler bescheinigte ihm „analytische Kraft, ideengeschichtliches Wissen und Wirklichkeitssinn“. Dieser Text erschien posthum in dem Sammelband „Wer zahlt die Zeche? Wege aus der Krise“ (Herausgeber Jürgen Rüttgers, Verlag Klartext, Essen).

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