Wirtschaft : Daimler-Chrysler AG: Aktionäre attackieren Jürgen Schrempp

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Die Spitze der Daimler-Chrysler AG muss sich heute auf eine turbulente Hauptversammlung gefasst machen. Verschiedene Aktionärsvereinigungen kündigten rund zwei Dutzend Anträge gegen den Vorstand und die Firmenstrategie an, unter anderem wird der Rücktritt von Konzernchef Jürgen Schrempp gefordert. Zur Hauptversammlung im Berliner Kongresszentrum ICC werden 18 000 Aktionäre erwartet.

Der Dachverband kritischer Daimler-Chrysler-Aktionäre bezeichnete Schrempp am Dienstag in Berlin als "größten Kapitalvernichter in der Bundesrepublik". Während der Amtszeit des Vorstandsvorsitzenden sei der Börsenwert von Daimler-Chrysler um 70 Milliarden Mark gesunken. "Das ist schlimmer als die Bilanz Reuters", sagte Aktionärssprecher Jürgen Grässlin in Anspielung auf den Schrempp-Vorgänger Edzard Reuter. Der Dachverband, in dem sich seit rund zehn Jahren Ökologen, Kirchenvertreter und Mitglieder der Friedensbewegung engagieren, kritisiert insbesondere die Fusion von Daimler-Benz mit Chrysler als "Größenwahn" Schrempps, der sich mit dem Ziel, das führende Autounternehmen der Welt zu bilden, übernommen habe. Beide Unternehmen passten nicht zusammen, Chrysler-Autos seien "zum großen Teil Dinosaurier" und im Übrigen hätten sich die Deutschen so ungeschickt angestellt, dass inzwischen nur noch 20 Prozent der Aktionäre US-Amerikaner seien.

Die Kritischen Aktionäre glauben indes nicht, mit ihren Gegenanträgen auf der Hauptversammlung etwas ausrichten zu können; bestenfalls drei Prozent der Stimmen erwartet Grässlin und hat dabei schon alle Anti-Schrempp-Fraktionen mitgerechnet. Zum Beispiel fordert auch die Schutzgemeinschaft für Wertpapierbesitz, den Vorstand nicht zu entlasten, weil "den Aktionären verschwiegen wurde, dass Chrysler schon bei einer leicht schwächeren Automobilkonjunktur ein Sanierungsfall ist". Und bei Mitsubishi, wo Daimler-Chrysler mit 34 Prozent beteiligt ist, sei von einem "weit höheren Sanierungsaufwand auszugehen als ursprünglich angekündigt". Alles in allem habe "die Strategie der Welt-AG den Aktionären der Daimler-Chrysler AG bisher nichts als dramatische Verluste beschert". Seit der Ankündigung der Fusion mit Chrysler habe sich der Aktienkurs halbiert. Bereits im vergangenen Jahr hatten viele Aktionäre auf der Hauptversammlung den Daimler-Chyrsler-Kurs kritisiert, der damals noch bei 65 Euro lag. Am Dienstag notierte das Papier bei 54 Euro.

Trotz der vielstimmigen Kritik muss Schrempp nicht befürchten, dass ihm die Aktionäre die Zustimmung verweigern. Denn rund drei Viertel der rund eine Milliarde Daimler-Chrysler-Aktien liegen bei institutionellen Investoren, mit denen sich der Vorstand in der Regel abspricht. Die größten Aktionäre sind die Deutsche Bank (zwölf Prozent) und das Emirat Kuwait (sieben Prozent). Die meisten Kleinaktionäre überlassen das Stimmrecht ihren Depotbanken. Auf Grund der schweren Krise bei Chrysler war in den vergangenen Monaten die Strategie Schrempps immer heftiger unter Beschuss gekommen. Im Rahmen der Bilanzvorlage stellte dann die Unternehmensspitze Ende Februar ein umfassendes Sanierungsprogramm für Chrysler und Mitsubishi sowie eine Gewinnprognose für die kommenden drei Jahre vor.

Bei Chrysler soll mit 26 000 Arbeitsplätzen rund ein Fünftel der Belegschaft gestrichen werden, bei Mitsubishi ist der Abbau von 9000 Jobs vorgesehen. Insgesamt muss der Konzern knapp acht Milliarden Mark an "Restrukturierungsaufwand" ausgeben. Bereits im kommenden Jahr soll Chrysler wieder in die schwarzen Zahlen kommen. Der Daimler-Chrysler-Gewinn wird den Prognosen des Vorstands zufolge in diesem Jahr zwischen 1,2 und 1,7 Milliarden Euro liegen, im Jahr 2002 zwischen 5,5 und 6,5 Milliarden Euro und im 2003 schließlich zwischen 8,5 und 9,5 Milliarden Euro. Im vergangenen Jahr hatte Daimler-Chrysler (inklusive Einmaleffekte) noch 9,8 Milliarden Euro verdient.

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