Wirtschaft : Daimler-Chrysler AG: Ein Deutscher wird Chef von Chrysler

ajo/weg

Kaum zwei Jahre nach dem Zusammenschluss von Daimler-Benz und Chrysler soll ein Deutscher an die Spitze der US-Sparte des deutsch-amerikanischen Autoherstellers rücken. Dieter Zetsche, bisher im Vorstand der Daimler-Chrysler AG für Nutzfahrzeuge zuständig, wird voraussichtlich den bisherigen Chrysler-Chef James Holden ablösen. Dies bestätigten dem Handelsblatt dem Unternehmen nahe stehende Kreise. Bereits am Freitag findet in Stuttgart eine außerordentliche Sitzung des Aufsichtsrats statt.

Die bisherigen Aufgaben von Zetsche soll Vorstandskollege Eckhard Cordes übernehmen. Er hat bisher das Ressort Strategie verantwortet. Hintergrund des Stühlerückens sind die schlechten Zahlen von Chrysler in den USA. Die US-Sparte hat im dritten Quartal 2000 rote Zahlen ausweisen müssen. Chrysler leidet unter dem harten Wettbewerb am US-Markt, auf dem mit hohen Rabatten gearbeitet wird. Zudem findet derzeit ein umfangreicher Modellwechsel statt. Wie es im Konzern heißt, wird Chrysler-Chef Holden vorgeworfen, dass er mehrfach seine Prognosen über die Entwicklung bei Chrysler korrigieren musste. Zudem soll er die Konzernzentrale nicht über eine vorübergehende Schließung mehrerer Werke in den USA informiert haben.

Holden ist nach Thomas Stallkamp bereits der zweite US-Manager an der Spitze von Chrysler, der seit dem als "Fusion unter Gleichen" propagierten Zusammenschluss den Vorstandssessel räumen muss. Holden konnte sich als Chrysler-Chef nur knapp ein Jahr halten, obwohl er eine weit reichende Eigenständigkeit für die US-Sparte ausgehandelt hatte. Der Kanadier gehört zu den Geisteswissenschaftlern, die den Sprung in die freie Wirtschaft schafften: 27 Jahre lang machte Holden eine steile Karriere in der Autobranche. Bevor er 1981 zu Chrysler kam, arbeitete Holden bei Ford. Der 49-jährige Holden war im November 1998 zum Vorstand von Daimler-Chrysler berufen worden.

Die neue Unruhe an der Chrysler-Spitze belegt, dass die Turbulenzen, die die Fusion mit Daimler im US-Konzern ausgelöst hat, noch immer andauern. Seit Bekanntwerden des Zusammenschlusses im Herbst vor zwei Jahren hat das Chrysler-Management bereits einen großen Aderlass verkraften müssen. Erst vor einigen Wochen hatte Chryslers Design-Chef Thomas Gale seinen Rückzug in den Ruhestand angekündigt. Ohne Holden sitzen künftig nur noch zwei Amerikaner im elfköpfigen Daimler-Chrysler-Vorstand. Die Börse reagierte zunächst positiv auf die Spekulationen. "Die Börse freut sich, dass etwas passiert", sagte Erik Burgold von der BHF-Bank. Er sieht allerdings bei Chrysler "massiven Handlungsbedarf". Ähnlich äußert sich Georg Stürzer von der HypoVereinsbank: "Der Personalwechsel unterstreicht die Schwierigkeiten bei Chrysler."

Bisher rechnen die Analysten für dieses und das kommende Jahr bei Chrysler mit einem Betriebsgewinn von zwei Milliarden Euro. Dies würde gegenüber dem Jahr 1999 einen Rückgang um immerhin drei Milliarden Euro bedeuten. Doch selbst die zwei Milliarden Euro sind aus Sicht von Christian Breitsprecher von der Deutschen Bank "aus jetziger Sicht zu optimistisch". Konzernchef Jürgen Schrempp soll selbst den Bereich Strategie von Cordes übernehmen. Wie zu hören ist, wird Zetsche bei seiner Mission in den USA von Wolfgang Bernhard, derzeit Chef der Tuning-Beteiligung MercedesAMG, unterstützt.

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