Wirtschaft : Daimler-Chrysler-Fusion stellt Juden vor ein Dilemma

LISA MILLER

Deutscher Autobauer bringt seine dunkle Vergangenheit mit in die Firmenehe / Opfer des Nationalsozialismus boykottieren in den USAVON LISA MILLERDie Schriftstellerin Cynthia Ozick kauft keine deutschen Produkte.Das ist ihre Art, der ermordeten Juden zu gedenken.Sie würde niemals einen Mercedes kaufen, sagt Ozick.Das gilt jetzt auch für Chrysler - angesichts der anstehenden Fusion zwischen der Daimler-Benz AG und Chrysler Corp."Diese Entscheidung ist irrational und nicht besonders moralisch," räumt sie ein."Aber ich will für mich selbst ein Zeichen setzen."Sowohl in jüdischen Organisationen als auch im Familienkreis ist die Fusion ein wichtiges Gesprächsthema, quer durch die USA.Sie wird als Verletzung grundlegender Prinzipien empfunden.Ungläubig verfolgen die Menschen, wie Unternehmensvertreter beider Seiten über "Synergien" und "Größenvorteile" sprechen.Immerhin standen sich die beiden Autohersteller im zweiten Weltkrieg gegenüber: Daimler-Benz produzierte die glänzenden schwarzen Wagen, in denen Hitler fuhr und Chrysler die amerikanischen Panzer.Jetzt müssen die Unternehmen entscheiden, ob ein Zusammenschluß mit Daimler-Benz das Image von Chrysler als typisch amerikanisches Auto gefährden könnte.Deutsche Waren werdem vor allem von amerikanischen Juden boykottiert, die den Krieg miterlebt haben.Doch auch nichtjüdische Veteranen des zweiten Weltkrieges und andere dieser Generation lehnen es ab, deutsche Produkte zu kaufen.Ihre Beweggründe: Wut, ihre Familiengeschichte und der Entschluß, nicht zum deutschen Wohlstand beizutragen.Bei jüngeren Menschen ist der Boykott deutscher Produkte eher symbolisch - sie wollen, daß die Vergangenheit nicht vergessen wird.Merkwürdigerweise findet der Boykott in Europa wenig Resonanz, obwohl Umfragen belegen, daß Länder, die das Dritte Reich bekämpften, Deutsche ablehnen.In zwei Drittel aller westeuropäischen Länder sind deutsche Autos Marktführer und auch in Mittel- und Osteuropa ist der Absatz deutscher Autos steigend.Führende Köpfe unter europäischen Juden halten es für wenig sinnvoll, in den 90er Jahren deutsche Produkte zu boykottieren."Jeder muß es natürlich für sich selbst entscheiden, aber für mich ist dieser Gedanke absurd," sagt Michel Friedman, Vorstandsmitglied des Zentralrates für Juden in Deutschland."Es entspricht nicht der heutigen Situation eines demokratischen und föderalen Deutschland.Der Boykott ist kein konstruktives Signal für die jüngere Generation.In der Zukunft müssen wir miteinander und nicht gegeneinander leben."Und trotzdem: Der mögliche Verkauf von Rolls-Royce an die Volkswagen AG hat in Großbritannien nationalistische Gefühle geweckt.Dies war auch schon beim Verkauf von Rover an die Bayerischen Motoren Werke AG der Fall."Die Deutschen sind wild darauf, Europa zu übernehmen," sagt Christopher Leeffe, Miteigentümer von Rolls-Royce, der den Verkauf des legendären britisches Autoherstellers an eine deutsches Unternehmen mißbilligt."Was die Deutschen mit Waffen nicht erreichen konnten, versuchen sie jetzt wirtschaftlich." Schon immer standen Mercedes und Volkswagen beim Boykott deutscher Waren an erster Stelle.Viele lehnen es auch ab, Aspirin von Bayer und Rasierapparate von Braun zu kaufen oder Musik von Wagner zu hören.Auch japanische Produkte werden von amerikanischen Kriegsveteranen abgelehnt.Wegen der angekündigten Fusion von Chrysler und Daimler-Benz wird Matthew Lindenbaum, ein 35jähriger Manager aus Paramus, New Jersey, in Zukunft keinen Chrysler mehr kaufen.Seine Entscheidung sei ein Ritual, so Lindenbaum, um den "Erinnerungsprozeß zu fördern".In 50 Jahren gebe es keine Holocaust-Überlebenden mehr, die das Geschehene wachhalten.Wenn man dann deutsche Produkte boykottiert, halte man den Holocaust in Erinnerung, weil Fragen nach dem Beweggrund gestellt werden.Bisher sind Chrysler-Autohändler kaum besorgt.Zwar würde seine Familien keine deutschen Autos kaufen, sagt Michael Light, Besitzer eines Chrysler-Vertriebes bei Miami.Doch sehe er auf dem Parkplatz seiner Synagoge eine Menge Mercedes.Natürlich ist Daimler-Benz nicht das einzige Unternehmen, das mit den Nazis kooperiert hat.Auch deutsche Institutionen wie VW, Allianz und Hoechst haben bereitwillig mit dem Hitler-Regime zusammengearbeitet.Und dennoch - Daimler-Benz hat die Maschinen für die Luftwaffe hergestellt und war außerdem eines der ersten Unternehmen, das in seinen Fabriken Zwangsarbeiter aus Konzentrationslagern eingesetzt hat.Daimler-Benz hat außerordentliche Anstrengungen in Sachen Wiedergutmachung unternommen.Vor vier Jahren hat das Unternehmen seine Kooperation mit dem Naziregime erforscht und unter dem Titel "Zwangsarbeit bei Daimler-Benz" veröffentlicht.Einige Jahre zuvor hat Daimler-Benz vor seiner Zentrale ein Gedenkmal für die Zwangsarbeiter errichtet.11,3 Mill.Dollar hat der Autohersteller als Entschädigung an jüdische Organisationen überwiesen.Außerdem versucht Daimler-Benz, Kontakt zu ehemaligen Zwangsarbeitern aufzunehmen und läd sie zu Gesprächen ein.Daimlers "Management und die Angstellten erkennen die moralische Dimension" der Vergangenheit des Unternehmens, sagt der Unternehmenssprecher Jürgen Wittmann.Doch konkrete Pläne, wie auf die Besorgnis und der Kritik amerikanischer Juden an der Fusion reagiert wird, hat das Unternehmen nicht.Einer sofortigen Versöhnungsgeste würde mit Mißtrauen begegnet werden, sagt Wittmann.Daimler-Benz habe keine besonderen Anstrendungen unternommen, so Wittmann weiter, um Juden zum Kauf seiner Produkte zu überzeugen."Das wäre falsch," sagt er.Auch Chrysler ist es bewußt, wie sensibel das Thema ist.Eine Sprecherin des Unternehmens: "Wir verstehen auch, woher die Gefühle herrühren.Doch bei den Fusionsentscheidungen spielte nur eine Rolle, was Daimler-Benz heute ist.Wir wissen, daß es für viele nie eine akzeptierbare Antwort zu dieser Frage geben wird."Daimler-Benz hat mehr als die meisten anderen getan", sagt Abraham Foxman, Direktor des Anti-Verleumdungs-Verbandes."Das ändert aber nichts an dem, was sie gemacht haben." Foxman mußte sich als Kind vor den Nazis in Willna, Litauen, verstecken.Er würde kein deutsches Auto kaufen und weiß noch nicht, was er von der Fusion von Chrysler und Daimler-Benz halten soll."Es ist ein emotionales Thema," sagt er.Ältere Amerikaner, vor allem jene, die am Krieg teilgenommen haben, empfinden die mögliche Fusion als Betrug.Als Jacob Kushner Anfang dieser Woche seine Familie traf, kam das Gespräch auf Chrysler und Daimler-Benz.Der in Florida lebende Kushner war unter den amerikanischen Soldaten, die im Juni 1944 die Normandie erstürmten.Obwohl er in der Vergangenheit viel Chrysler gefahren ist, würde er keinen neuen kaufen.Viele Verwandte von ihm sind der gleichen Meinung.Der Krieg war zu hart, um den Zusammenschluß von Chrysler und Daimler-Benz zu akzeptieren, sagt er.Ein Cousin von Kushner, Harold Rudin, war während des Krieges in Deutschland eingesetzt, wo er Panzer reparierte - oft Chrysler-Fabrikate.Er fühlt sich verraten, weil Chrysler in deutsche Hände geraten wird.Bei dem Kauf eines Chryslers könnte er nicht mehr vor sich selbst bestehen.Magda Bass aus Los Angeles hat eine ambivalentere Meinung.Als Überlebende aus Auschwitz hat sie es immer abgelehnt, einen Mercedes zu kaufen.Vergangene Woche rief ihre Tochter, Caryn, an und fragte, ob durch die Fusion das Familienverbot aufgehoben sei.Bass verneinte.Als ihre Tochter sie jedoch weiter fragte, ob sie ihren alten Chrysler verkaufen solle, hatte Bass keine Antwort parat.Die Fusion "beklemmt mich", so Bass, aber der Chrysler ist "ein verdammt guter Wagen."In Zeiten globaler Wirtschaft lassen sich Einstellungen nur schwer konsequent leben.Beispielsweise gibt die Schriftstellerin Ozick ihre Bücher bei Alfred A.Knopf, einem Konzernbereich von Random House, heraus.Random House verhandelt derzeit mit der deutschen Bertelsmann AG über eine mögliche Fusion.Für Ozick, die während des Krieges ein Kind war, steht es außer Frage, Knopf zu verlassen.Knopf sei mit ihr durch dick und dünn gegangen.Obwohl die Fusionsverhandlungen für Ozick "ein Schock waren," wird sie den Herausgeber nicht wechseln.Schließlich "lebt man in einer realen Welt."

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