Wirtschaft : Daimler-Chrysler-Krise: Drei Chrysler-Werke stehen still

pf/rtr

Der neue Chef von Chrysler, Dieter Zetsche, agiert schnell. Die Daimler-Chrysler AG wird in der kommenden Woche die Produktion in drei nordamerikanischen Werken vorübergehend ruhen lassen, um den Bestand an bereits gefertigten Fahrzeugen zu reduzieren. Der Konzern teilte am Mittwoch in Auburn Hills mit, dabei handele es sich um zwei Werke für die Produktion von Geländewagen der Marke Jeep bei Detroit und in Toledo im US-Bundesstaat Ohio sowie um ein Pkw-Werk in Bramalea im Bundesstaat Ontario. Betroffen sind 13 600 Mitarbeiter.

Ungeachtet der Schwierigkeiten bei Chrysler, schmiedet Daimler-Chrysler darüberhinaus eine neue Allianz auf dem noramerikanischen Markt. Zusammen mit dem Nutzkraftfahrzeug-Caterpillar will der Automobilkonzern in mehreren Gemeinschaftsunternehmen unter anderem mittelschwere Motoren, Kraftstoffsysteme und andere Antriebskomponenten entwickeln. Dies gaben beide Konzerne am Mittwoch bekannt. Der Allianz müssen noch die Behörden in den USA und in der EU zustimmen. Daimler-Chrysler und Caterpillar arbeiten bereits in mehreren Bereichen zusammen.

Dieter Zetsche, neuer Präsident der Chrysler Group und noch bis vor wenigen Tagen Chef der Nutzfahrzeugsparte von Daimler-Chrysler, sagte dazu: "Der führende Nutzfahrzeughersteller der Welt schließt sich mit der Nummer eins unter den Herstellern von Dieselmotoren und so genannter Off-Highway-Ausrüstung zusammen. Für unsere Unternehmen ist das eine ideale strategische Partnerschaft, da sich unsere Stärken und Fähigkeiten gegenseitig hervorragend ergänzen."

Das Rahmenabkommen der beiden Konzerne umfasst vor allem ein Gemeinschaftsunternehmen für den Bau mittelschwerer Motoren. Auf diesem Gebiet addieren sich die Einzelumsätze der künftigen Partner auf rund zwei Milliarden Dollar (2,3 Milliarden Euro). Dafür bringt Caterpillar zwei Werke in den USA und Großbritannien ein; Daimler-Chrysler steuert sein Nutzfahrzeug-Motorenwerk in Sao Paulo bei. Das Mannheimer Werk von Daimler-Chrysler soll als Vertragspartner zum Joint Venture beitragen, hieß es. Claude Elsen, Leiter des Geschäftsbereiches Powertrain von Daimler-Chrysler, sagte zu der Allianz, man plane definitiv keine Übernahme von Caterpillar.

Aktie weiter unter Druck

Über die Zukunft von Chrysler wird derweil kräftig spekuliert. "Wenn Zetsche Erfolg hat, wird er sicher Schrempps Nachfolger werden", meint der Autojournalist Daniel Howes in der Zeitung Detroit News. "Versagt er, sind beide erledigt und wahrscheinlich auch Chrysler." An der Frankfurter Börse stand die Aktie von Daimler-Chrysler am Mittwoch weiter unter Druck und verlor bis 15 Uhr 40 rund 1,7 Prozent auf 45,85 Euro. Analysten sind nun uneins, wie es mit dem Unternehmen weitergeht. Frank Biller von der Baden-Württembergischen Bank bleibt gelassen. Der Experte bleibt bei seiner Einstufung der Daimler-Chrysler-Aktie als "Outperformer". Das Papier werde sich innerhalb der nächsten drei bis sechs Monate besser als der Dax entwickeln. Aus fundamentaler Sicht sei das momentane Kursniveau abgesichert. "Wir erwarten vom neuen Chrysler-Chef Dieter Zetsche spätestens bis Anfang nächsten Jahres die Vorlage eines umfangreichen Restrukturierungsplanes, der für eine Rückkehr auf die richtige Spur sorgt." Voraussichtlich werde keine kurzfristige Profitmaximierung angestrebt, dafür werde das Unternehmen auf lange Sicht gewinnen.

"Die Krise scheint bei Chrysler schlimmer zu sein, als erwartet", sagte dagegen Analyst Martin Haug von der BfG Bank. Wie problematisch die Situation tatsächlich ist, sei angesichts des jetzigen Informationsstandes schwierig einzuschätzen: "Das ganze Problem ist in diesem Ausmaß erst jetzt an die Öffentlichkeit gedrungen." Allerdings seien die aktuellen Probleme bei Chrysler nicht ganz mit der Fusion in Zusammenhang zu bringen. Vielmehr seien die Schwierigkeiten eher hausgemachter Natur. Hierzu gehöre auch die Kostenstruktur und der Personalüberschuss. Ein weiteres Problem sei der Rückgang der Automobil-Nachfrage in den USA. "Das dürfte Chrysler den Turn-around weiter erschweren", sagte Haug. Der Analyst bleibt dennoch bei seiner Empfehlung für langfristig orientierte Anleger, die Daimler-Chrysler-Aktie zu kaufen.

4000 Dollar Rabatt

Chrysler-Händler mussten in den vergangenen Jahren zuschauen, wie etliche einst lukrative Modelle, insbesondere Jeeps und Sportnutzfahrzeuge, unter dem scharfen Wettbewerb immer mehr Marktanteile verloren haben. Chrysler war als erster Hersteller mit Kleinbussen auf dem Markt gewesen, doch Konkurrenzfahrzeuge wie Hondas Odyssey haben den Marktanteil des US-Unternehmens auf 35 Prozent schrumpfen lassen. Das Management sah sich gewungen, den Absatz mit gewinnschmälernden Rabatten anzutreiben. "Verkaufsanreize sind ein branchenweites Problem, mit dem wir uns befassen müssen", sagte Chrysler-Sprecher Mark Aberlich. "Der Markt wird nicht mehr von der Nachfrage angetrieben, sondern von Verkaufsanreizen". Chrysler zahlt im Moment im Schnitt 2160 Dollar (4977 Mark) beim Kauf eines Neuwagens, um Lagerbestände abzubauen. In Spitzen sind es bis zu 4000 Dollar.

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