Wirtschaft : Daimler-Chrysler: Schrempp kämpft an allen Fronten

Scott Miller,Jeffrey Ball

Für den Vorstandsvorsitzenden der Daimler-Chrysler AG Jürgen Schrempp brennt es derzeit gleich an vier Ecken des globalen Automobilimperiums. Die Rettung kostet wertvolle Kapazitäten und dünnt das Spitzenmanagement des Konzerns aus. Die am vergangenen Montag verkündete Milliardenklage des Großaktionärs Kirk Kerkorian gegen Daimler-Chrysler und Schrempp rückt die klägliche Situation der Chrysler-Gruppe in den Blick der Öffentlichkeit.

Doch auch Mitsubishi Motors Corp. - zu 34 Prozent in der Hand von Daimler-Chrysler - sorgt wegen der Ermittlungen der koreanischen Staatsanwaltschaft für Aufsehen. Nach Aussage Schrempps bedarf die Tochtergesellschaft einer Generalüberholung. Der zweisitzige Smart, dem einst ein beachtlicher Erfolg für den städtischen Verkehr vorausgesagt war, verkauft sich viel schlechter als erwartet. Zu allem Überfluss hat die Nutzfahrzeugabteilung einige große Akquisitionen zu verdauen, gerade als der kritische nordamerikanische Markt für Lastkraftwagen in eine Preiskrise rutscht.

Um der Situation Herr zu werden, sandte Schrempp, der 1995 die Konzernleitung übernahm, vier seiner fähigsten Gefolgsleute an die Fronten. Nun hängt auch sein eigenes Schicksal zunehmend am Erfolg dieser Manager: Andreas Renschler, der im letzen Jahr die Smart-Abteilung übernahm; Rolf Eckrodt, dem die Restrukturierung bei Mitsubishi übertragen wurde; Eckhard Cordes, zukünftiger Chef bei den Nutzfahrzeugen; und Dieter Zetsche, den als neuer Chrysler-Chef wohl die schwerste Aufgabe erwartet. Jeder von ihnen kann sich als potentieller Nachfolger für Schrempp empfehlen - oder bei Mißerfolg ähnlich wie der frühere Chrysler-Vorsitzende James Holden unsanft landen. Schrempp hat sich zur Aufgabe gemacht, die Investoren zu überzeugen, dass die Konzernstrategie stimmt und die Probleme nur auf Kommunikationsdefiziten beruhen. Gerade hat er die Unternehmensentwicklung, der zuvor Cordes vorstand, in die eigenen Hände genommen.

Engpässe im Management

Auch das übrige Management steht unter Hochdruck. Daimler-Chrysler hat allein zwei Gruppen, die sich mit möglichen Synergien der diversen Unternehmenseinheiten befassen. Hierfür müssen Manager regelmäßig nach New York reisen, um Themen abseits des Tagesgeschäfts zu erörtern. "Daimler-Chrysler hat ein Problem mit Managementkapazitäten. Das ist der eigentliche Engpass", sagt Ulrich Steger, der am Managementinstitut in Lausanne Kurse für die Führung des Unternehmens leitet.

Schrempp hatte einen engen Kader um sich gebildet, der ihm bislang vieles abnahm. Aus diesem Kreis kommen auch der neue Chrysler-Chef Zetsche und der Mann für das operative Geschäft bei Mitsubishi, Rolf Eckrodt. Zetsche, der 47-jährige Familienvater und langährige Vertraute Schrempps, soll die Verluste bei Chrysler in den Griff bekommen. Im dritten Quartal hatte der US-Fahrzeughersteller einen Fehlbetrag von 512 Millionen Dollar ausgewiesen; auch für das vierte Quartal erwartet man Verluste. Die Investoren mahnen, dass spätestens in der zweiten Hälfte des nächsten Jahres eine Trendwende erreicht sein müsse. Doch der angeschlagene US-Markt kühlt sich weiter ab, und die vielen Chrysler-Produkte sind der Konkurrenz unterlegen. Auch durch Entlassungen wird Zetsche die Kosten nicht senken können: Den gewerkschaftlich organisierten Arbeitern stehen laut Vertrag nach einer Kündigung 95 Prozent ihres Lohns zu. Und eine Kündigungswelle in der Leitungsebene würde der ohnehin angeschlagenen Moral beim Entwicklungs- und Marketingpersonal nur schaden.

Eckrodt hat es nicht leichter. Er verdiente sich Respekt bei Schrempp, als er die unprofitable Eisenbahnsparte Adtranz in die Gewinnzone steuerte. Jetzt soll er nach Tokyo, wo er auf ein kampfbereites Mitsubishi-Management stößt. Der Hersteller soll nach dem Willen von Schrempp durch Stellenkürzungen und eine neue Modellpolitik nach dem Muster von Nissan Motor Co. saniert werden. Der Versuch einer Trendwende bei Mitsubishi bindet ein Team von nahezu 100 Kräften, die von den Mercedes- und Chrysler-Abteilungen abgezogen werden. "Daimler-Chrysler hat nicht das Management, um all diese Herausforderungen zu meistern", sagt Gottfried Schillinger, einst Mitglied der Marketingleitung. "Eine der großen Hürden sind die kulturellen Unterschiede in den verschiedenen Ländern."

Smart fährt weiter in den roten Zahlen

Doch auch fern von kulturellen Differenzen leistet Schrempps erste Riege Schwerstarbeit: Renschler ist es gelungen, das Projekt Smart vor der Einstellung zu bewahren. Einst machte er sich bei Daimler-Benz einen Namen, als er Mitte der neunziger Jahre die Produktion von Nutzfahrzeugen der M-Klasse in einem neuen Werk in Tuscaloosa, Alabama, auf den Weg brachte. Er verstand es, die amerikanischen Arbeiter zu motivieren und wurde von Schrempp als Schlüsselfigur bei der Integration von Chrysler eingesetzt. Als Leiter der Smart-Abteilung konnte Renschler im vergangen Jahr die Verkäufe von monatlich 3000 auf 8000 Stück ankurbeln. Für dieses Jahr sollen 100 000 Smarts verkauft werden - obwohl einst mit einem Absatz von 200 000 Stück gerechnet wurde. Immerhin konnte Renschler so das Defizit der Einheit von 500 Millionen Dollar (1999) auf 100 bis 200 Millionen Dollar in diesem Jahr reduzieren.

Cordes, der letzte von Schrempps Trümpfen, war Spezialist für Unternehmensakquisitionen. Nun hat er die Leitung der Nutzfahrzeuge übernommen und muss die zuletzt erworbenen Unternehmen - Western-Star und Detroit Diesel - in die Strukturen von Daimler-Chrysler einbinden. Vor allem das Marktumfeld macht Cordes zu schaffen. Der Verkauf von schweren Lastwagen in den USA geht schon seit Monaten zurück.

Schrempp betonte nach dem Mitsubishi-Deal, dass der Aufbau eines globalen Konzerns leichter ist als dessen Management. "Wir bieten den Märkten eine komplette Produktpalette und das wollten wir schon immer", sagt er. "Doch nun gibt es jede Menge zu tun, denn zweifellos ist die Durchführung das schwerste an einem Deal."

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