Wirtschaft : Daimler-Chrysler: Weitere Klagen gegen den Automobilkonzern

Nach der Milliarden-Klage des Großaktionärs Kirk Kerkorian gegen Daimler-Chrysler ziehen weitere Anleger vor Gericht. Eine New Yorker Anwaltskanzlei reichte nach eigenen Angaben im Namen aller Chrysler-Aktionäre, die ihre Papiere im Zuge der deutsch-amerikanischen Fusion verkauft hatten, am Dienstag (Ortszeit) eine Sammelklage ein. Die Anleger fühlen sich getäuscht. Daimler-Chrysler teilte am Mittwoch mit, es sei "nicht ungewöhnlich, dass eine Aktionärsklage weitere Klagen nach sich zieht". Das Unternehmen dementierte Gerüchte, das Unternehmen habe bereits Rückstellungen für den Fall gebildet, dass die Klage Kerkorians auf acht Milliarden Dollar Schadenersatz Erfolg habe. "Da wir die Klage für völlig unbegründet halten, sehen wir auch keinen Anlass, um Rückstellungen zu bilden", sagte ein Sprecher in Stuttgart. Außerdem wurde bekannt, dass das Unternehmen die Verträge mit sämtlichen Chrysler-Händlern in Deutschland gekündigt hat.

Die neue Klage orientiert sich nach Medienberichten an der Klageschrift, die Kerkorian über die von ihm gesteuerte Tracinda Corporation beim US-Bezirksgericht im Bundesstaat Delaware eingereicht hatte. Der 83-Jährige wirft Daimler-Chrysler-Vorstandschef Jürgen Schrempp vor, den Zusammenschluss 1998 fälschlicherweise als "Fusion von Gleichen" bezeichnet zu haben. Stattdessen hätte die Daimler-Benz AG von Anfang an den Plan gehabt, Chrysler zu übernehmen. Die Aktie des Unternehmens gab bis zum Mittwochabend 0,77 Euro auf 45,88 Euro nach. Kerkorian klagt auf insgesamt acht Milliarden Dollar Schadenersatz. In einer Tracinda-Mitteilung vom Montag war die Summe zunächst auf neun Milliarden Dollar beziffert worden. Der in der Hotel- und Filmbranche tätige Unternehmer hält rund drei Prozent der Daimler-Chrysler-Aktien und ist damit nach der Deutschen Bank (zwölf Prozent) und dem Staat Kuwait (sieben Prozent) drittgrößter Anteilseigner des Unternehmens.

In Deutschland kündigte der Autokonzern sämtliche Verträge mit Chrysler- und Jeep-Händlern ab Ende 2002. Das bestätigte der Sprecher der Daimler-Chrysler-Vertriebsorganisation, Udo Sürig, in Berlin. Als Begründung nannte er eine Entscheidung des Oberlandesgerichts Köln, wonach der Vertrieb von Chrysler- und Jeep-Fahrzeugen über konzerneigene Tochtergesellschaften mit den bestehenden Händlerverträgen nicht vereinbar sei. Bis zum April 2001 soll mit allen Händlern über Zukunftsperspektiven gesprochen werden. Ziel sei es, "mit den aktiven, professionellen, leistungsbereiten und leistungsstarken" Händlern weiter zusammen zu arbeiten.

Kerkorians Beschuldigungen richten sich auch gegen Hilmar Kopper, Aufsichtsratschef der Deutschen Bank und bei DaimlerChrysler. Die Federführung für die juristische Auseinandersetzung mit der Klage liege jedoch bei dem Autokonzern, sagte ein Deutsche-Bank-Sprecher auf Anfrage. Die Bank verwies erneut auf eine vor zwei Wochen abgegebene Erklärung ihres Vorstandschefs Rolf Breuer. Er hatte dem Daimler-Chrysler-Management die Rückendeckung des Großaktionärs zugesichert.

Eine Sprecherin der Schutzgemeinschaft der Kleinaktionäre (SdK) sagte der dpa, Kerkorian habe noch am ehesten von der Fusion profitiert, als er einen Teil seines Aktiendepots 1998 zu günstigen Kursen verkaufte. "Der wirkliche Schaden liegt bei den ehemaligen Daimler-Benz-Aktionären", sagte die Sprecherin. Der als "Vorstandsschreck" bekannte Wirtschaftswissenschaftler Ekkehard Wenger kündigte in der Zeitschrift "Stern" an, er werde auf der nächsten Hauptversammlung von Daimler-Chrysler die Aufhebung der Fusion verlangen. Chrysler solle ausgegliedert und an der Börse verkauft werden. Wenger sagte, auch Aufsichtsratschef Kopper habe "versagt". Schrempp verstehe von strategischen Unternehmensentscheidungen so viel "wie eine Kuh vom Sonntag". Den Aktionären riet Wenger, ihre Bank wegen falscher Beratung zu verklagen, "falls diese den Umtausch der alten Daimler-Aktien in Papiere des fusionierten Konzerns empfohlen hat".

Anlass für Kerkorians Klage war offenbar der anhaltende Austausch von Chrysler-Spitzenmanagern durch deutsche Führungskräfte. Der Konzern hatte als Konsequenz aus den schlechten Quartalszahlen bei Chrysler das deutsche Vorstandsmitglied Dieter Zetsche zum Nachfolger von Chrysler-Chef Jim Holden ernannt und weitere amerikanische Manager entlassen. In der Tracinda-Anklageschrift heißt es dazu, der Großaktionär habe in der Vergangenheit "niemals die wahren Absichten der Beschuldigten aufdecken können, weil Herr Schrempp und Daimler-Chrysler immer einen scheinbar gerechtfertigten geschäftlichen Grund fanden, um einen Chrysler-Manager zu entlassen oder zu versetzen."

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