Daimler-Chrysler : Zetsches Fahrt auf der Achterbahn

Dieter Zetsche hat ein unruhiges Jahr als Vorstand von Daimler-Chrysler hinter sich. Erfolge, wie die schnelle Sanierung von Mercedes, gingen neben dem Problemkind Chrysler fast unter.

Stuttgart - Der 15. September 2006 war für den Autokonzern Daimler-Chrysler ein wichtiger Tag. Endlich wurde die erste Pkw-Fabrik in China eröffnet, mit der der Autokonzern seinen Absatz im Reich der Mitte ankurbeln will. Doch ein anderes Ereignis legte sich wie ein Schatten auf diesen Tag und das ganze erste Jahr von Dieter Zetsche als neuer Konzernchef des ältesten Autobauers der Welt. Völlig überraschend musste nämlich die US-Tochter Chrysler eingestehen, das Jahr mit einem Verlust von einer Milliarde Euro abzuschließen.

Die US-Publizistin Micheline Maynard sprach jetzt mit einem Blick auf die Chrysler-Historie von einer "ewigen Achterbahnfahrt" mit entsprechenden Hochs und Tiefs zwischen finanziellen Krisen und glänzenden Verkäufen. Derzeit fährt der Chrysler-Wagen mal wieder in Richtung Krise - nachdem Zetsche ihn in den vergangenen Jahren scheinbar dauerhaft saniert hatte.

Dies verhagelt dem Schnauzbartträger an Spitze des Stuttgarter Konzerns eine ansonsten gute Bilanz: Der Mercedes-Stern glänzt wieder, die Kernmarke Mercedes-Benz wird in diesem Jahr einen Rekordabsatz schaffen. Gab es 2005 nach drei Quartalen noch einen Verlust von 506 Millionen Euro, verzeichnete die Mercedes Car Group Ende September 2006 bereits einen Gewinn von 1,12 Milliarden Euro. Aussichten: Gut, denn die neue C-Klasse wird noch mehr Schwung bringen. "Mercedes kommt systematisch zurück zu seiner alten Ertragsstärke", konstatiert das Analyseinstitut B&D-Forecast.

Überbesetztes Management abgespeckt

Der öffentlich stets gut gelaunt wirkende Zetsche, der sich darin vom eher brummigen Vorgänger Jürgen Schrempp abhebt, hat auf der Personalseite knallhart durchgegriffen. Die üppige Konzernzentrale wurde gestutzt, vom Abbau der rund 6000 Stellen weltweit sind in Deutschland mehr als 3000 Manager und Angestellte betroffen. Erst jetzt, da sich zum Jahresende plötzlich Büros leeren, wird einigen wohl die ganze, auch menschliche, Dimension dieser Operation klar. Ganz so widerstandslos geht der Personalabbau im Management nicht vonstatten, wie es nach außen hin verkündet wird. Erste Klagen werden vorbereitet, die Stimmung ist teilweise mies, wissen Konzernkenner. "Offensichtlich ist es dem Motivator Zetsche nicht gelungen, bislang eine echte Aufbruchstimmung zu erzeugen", sagt ein Insider, der nicht genannt werden möchte. An der Sinnhaftigkeit dieser Maßnahme wird allerdings weniger gezweifelt. "Die Zentrale war einfach überbesetzt", sagte derselbe Insider.

Geräuschloser verlief der Abbau der 8500 Stellen in der deutschen Produktion auf freiwilliger Basis, der bereits von Zetsches Vorgänger als Mercedes-Chef, Eckhard Cordes, eingeleitet wurde. Ebenso griffig erwies sich das Einsparprogramm Core, mit dem vor allem die viel zu aufwändige Automobilproduktion im Konzern vereinheitlicht und vereinfacht wird. "Denn Mercedes muss da noch etwas gegenüber BMW aufholen", sagte der Automobilexperte Prof. Ferdinand Dudenhöffer.

Smart wieder eingegliedert

Schnell ließ der neue Konzernchef keinen Zweifel daran, dass er mit der Illusion einer eigenständigen Kleinwagenfamilie smart aufräumen werde. Schließlich saßen ihm die Aktionäre im Nacken, die nicht verstehen konnte, warum man smart bereits mehrere Milliarden hinterhergeworfen hatte. Ende 2006 hört die eigenständige smart GmbH auf, zu existieren. Der Viersitzer wurde gestrichen und ab März startet der neue Zweisitzer smart fortwo, eingebettet in die DaimlerChrysler-Strukturen und versehen mit dem festen Versprechen Zetsches, 2007 die Verlustzone zu verlassen. "Die Marke ist noch nicht über den Berg", warnt Dudenhöffer, sieht aber die richtigen Schritte ergriffen.

Bleibt Chrysler, wo Chef Tom LaSorda derzeit an einem neuen Restrukturierungsplan bastelt, der im ersten Quartal veröffentlicht werden soll. Vermutlich wird ein weiteres Autowerk geschlossen, nachdem Zetsche und sein damaliger Co-Chef Wolfgang Bernhard schon Anfang des Jahrtausends mehrere Fabriken geschlossen hatten. Auch wenn die Probleme bei Chrysler verglichen mit denen von General Motors und Ford gering erscheinen mögen, blicken Aktionäre und Analysten doch gespannt nach Detroit. LaSorda, immerhin ein enger Zetsche-Vertrauter, hat nur diesen Wurf und der muss treffen. Sonst ist sein Job in Gefahr und werden die Stimmen nach einer Trennung von Chrysler in Deutschland wieder sehr laut. Ob das Auf und Ab in Detroit überhaupt beendet werden kann, ist ohnehin fraglich. Chrysler lebe wie GM und Ford immer von aktuellen Produkten, habe man die nicht, sause der Absatz sofort in den Keller, sagt der Automobilexperte Prof. Willi Diez. "Chrysler wird eine ewige Baustelle bleiben." (Von Frank Heidmann, dpa)

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