Daimler : Die Rückkehr des Supermanns

Wolfgang Bernhard, eine der herausragenden Figuren der Autoindustrie, steigt wieder bei Daimler ein. Er gilt als erfolgreicher Manager - doch mit seiner forschen Art macht er sich auch Feinde.

Alfons Frese
Wolfgang Bernhard Foto: dpa/pa
Im Rampenlicht. Wolfgang Bernhard, hier bei einer Präsentation auf der Automesse in Detroit, war lange bei Daimler, dann bei VW...Foto: dpa/pa

Berlin - Er ist wieder da. Lapidar heißt es in der Pressemitteilung: „Dr. Wolfgang Bernhard (48) wird ab April 2009 die weltweite Verantwortung für die Sparte Mercedes-Benz Vans der Daimler AG übernehmen.“ Ein paar Zeilen später begrüßt der Daimler-Chef persönlich den neuen Mitarbeiter. Er freue sich, Bernhard wieder „an Bord“ zu haben, lässt sich Dieter Zetsche zitieren, und sei „froh, dass wir unsere hervorragende Zusammenarbeit fortsetzen können“. Das sehen manche in Stuttgart anders. Zum Beispiel die Betriebsräte, die vor fünf Jahren froh waren, als Bernhard vom Hof gejagt wurde. In der Zwischenzeit ist viel passiert. Zetsche hat Jürgen Schrempp an der Konzernspitze abgelöst, Bernhard hat ein paar Jahre in Wolfsburg für Unruhe gesorgt und Daimler trennte sich von Chrysler. Den drittgrößten US-Autohersteller hatten Zetsche und Bernhard zwischen 2000 und 2004 gemeinsam geführt und zu sanieren versucht. Heute ist Chrysler am Ende und Daimler heilfroh, nur noch 20 Prozent an der Firma zu halten. Und auch diesen Anteil würde Zetsche lieber heute als morgen verschenken.

Klar in der Analyse und stark in der Umsetzung – die ersten Berufsjahre bei McKinsey haben Wolfgang Bernhard geprägt. Schnelligkeit und Durchsetzungsstärke waren hilfreich, als er bei Mercedes in den 90er Jahren die Fertigung der S-Klasse in Sindelfingen leitete. Schrempp schickte dann mit Zetsche und Bernhard seine besten Leute nach Detroit, um nur zwei Jahre nach der „Hochzeit im Himmel“ (Schrempp) den schwerkranken Partner Chrysler wieder aufzupäppeln. Der kam auch zwischenzeitlich zu Kräften, womit sich Bernhard endgültig qualifiziert hatte für die Leitung von Mercedes. Doch dann stolperte der Jungstar, 1960 im Allgäu geboren, über die große Klappe. Bernhard spottete über seinen Förderer Schrempp, weil der sich mit der Daimler-Beteiligung an Mitsubishi verhoben hatte, und legte sich mit dem Stuttgarter Mercedes-Establishment an, indem er die Edelmarke als Sanierungsfall titulierte. Nach zehn Jahren musste Bernhard Daimler verlassen.

VW-Vorstandschef Bernd Pischetsrieder nutzte die Gelegenheit und holte den allseits geschätzten Automanager nach Wolfsburg, damit der dort die Kernmarke Volkswagen sanierte. Fast schon legendär sind die Produktklausuren, die der neue Mann einführte: Bernhard steckte die Verantwortlichen aus Entwicklung, Produktion, Einkauf, Marketing und Vertrieb in einen Raum und ließ Spar- und Effizienzprogramme erarbeiten, um die damals defizitäre Marke VW wieder in den schwarzen Bereich zu bekommen. Er war erfolgreich. Der kleine SUV „Tiguan“, dessen Entwicklung Bernhard zu verantworten hat, gilt heute als das profitabelste VW-Modell.

Trotzdem ist Bernhard bereits seit zwei Jahren nicht mehr in Wolfsburg. VW-Aufsichtsratschef Ferdinand Piëch hatte Pischetsrieder rausgemobbt, und dessen Nachfolger Martin Winterkorn wollte Bernhards Verantwortungsbereich einschränken. Der ging dann lieber. Winterkorn und Bernhard in einem Vorstand wäre auch nicht gut gegangen. Weil Winterkorn, wie Piëch auch, Autos bis über die Grenze des wirtschaftlich Vertretbaren hinaus technologisch aufrüstet, Bernhard dagegen vor allem den Deckungsbeitrag im Auge hat: Wie viel Geld bringt das Fahrzeug. Zu diesen inhaltlichen Differenzen kam der persönliche Stil. Pischetsrieder, ein langmütiger Bayer, konnte die forsche und manchmal ruppige Art Bernhards gut ab. Mit dem bisweilen cholerischen Winterkorn wäre das schwierig geworden.

Die Gepflogenheiten und Umgangsweisen in der Autoindustrie sind rau wie in keiner anderen Branche. Da fühlt Bernhard sich wohl, Zimperlichkeit kennt er nicht. Dass er bei Mercedes Blut fließen sehen wollte und VW mehr oder weniger als verlotterte Bude bezeichnete, haben ihm vor allem die Betriebsräte nicht vergessen. Meistens habe er ja in der Sache recht, sagen Bernhard-Freunde, doch die Ausdrucksweise sei eben eine große Schwäche. „Ihm fehlt einfach die Geschmeidigkeit, was Kompromiss anbelangt“, sagt ein Bernhard-Kenner und meint das positiv. Wenn er einen Weg einmal als zielführend erkannt habe, lasse er sich davon nicht mehr abbringen.

Über den Verlauf des künftigen Wegs wird nun in Stuttgart gerätselt. Dass sich einer der fähigsten Manager der Autoindustrie die nächsten zehn Jahre mit der Produktion von Mercedes-Vans befasst, glaubt kein Mensch. Irritiert vom Wiedereinstieg des alten Feindes sind vor allem die Arbeitnehmervertreter um den Betriebsratsboss und stellvertretenden Aufsichtsratsvorsitzenden Erich Klemm. Die haben schon kein besonders gutes Verhältnis zu Zetsche und trauen diesem zusammen mit Bernhard alles Mögliche zu. Was passiert, wenn die dramatische Absatzkrise bis in das nächste Jahr hinein dauert und die Kurzarbeit nicht mehr hilft? Dann könnte Zetsche seinen Joker ziehen und den erfahrenen Sanierer Bernhard an die Front schicken.

Zetsche wird in ein paar Wochen 56 Jahre alt und sicher noch ein paar Jahre machen. Und dann? Von den übrigen Vorstandsmitgliedern kommt niemand als Nachfolger in Frage. Nur Finanzvorstand Bodo Uebber wäre jung genug, aber er versteht zu wenig von Autos. Rüdiger Grube dagegen, im Vorstand für Konzernentwicklung zuständig, geht auf die 60 zu. Da wird bald ein Platz frei. Doch Bernhard kommt nur für weiter oben in Frage, wenn er sich mit Blick auf die deutsche Mitbestimmungskultur mit dem Betriebsrat und der IG Metall zu verständigen lernt. Das gilt im Übrigen auch für Rainer Schmückle. Der ist wie Bernhard Wirtschaftsingenieur, zuständig für die Mercedes-Werke, kompetent und ehrgeizig. Ein potenzieller Zetsche-Nachfolger. Schmückle, genauso alt wie Bernhard, hat nur einen Makel: Er gilt als ruppig und kompromisslos.

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