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Daimler-Personalvorstand Wilfried Porth : „Die Kunden müssen das Auto bezahlen können“

01.10.2012 00:00 Uhrvon
Wilfried Porth. „Wir haben das Thema Frauenquote vor 2006 nicht so vorangetrieben, wie es aus heutiger Sicht möglich gewesen wäre.“ Foto: dpaBild vergrößern
Wilfried Porth. „Wir haben das Thema Frauenquote vor 2006 nicht so vorangetrieben, wie es aus heutiger Sicht möglich gewesen wäre.“ Foto: dpa - Foto: picture alliance / dpa

Seit 2009 ist Wilfried Porth bei Daimler Personalvorstand und Arbeitsdirektor. Mit dem Tagesspiegel sprach der 53-jährige Manager über Kaufprämien für Elektrofahrzeuge, Frauenquoten in der Industrie und das Sparprogramm bei Mercedes.

Herr Porth, hatten Sie in Ihrer Karriere schon mal eine Frau als Vorgesetzte?


Ich muss überlegen, aber es gab bisher keine Frau – nein.

Sie sind damit nicht allein in der Branche.

Stimmt, da gehöre ich sicher noch zur Mehrheit in unserer Branche.

Dabei haben Frauen beim Autokauf doch angeblich das Sagen…

Sie haben erwiesenermaßen einen großen Einfluss. Das deckt sich auch mit meinen persönlichen Erfahrungen. Meine Frau und ich treffen solche Entscheidungen auch gemeinsam. Während ich mich vor allem mit dem Motor beschäftige, schaut meine Frau, was das neue Auto sonst noch können oder welche Farbe es haben sollte.

Aber im Ernst: Frauen interessieren sich sehr für Mobilität.

Wie groß ist denn aktuell der Frauenanteil in den Führungsetagen von Daimler?

Derzeit liegen wir bei rund elf Prozent.

Der Bundesrat hat sich mit Unterstützung unionsgeführter Länder auf eine Frauenquote von 40 Prozent für Aufsichtsräte bis 2020 verständigt. Da bleibt bei Daimler noch einiges zu tun…

Das sehe ich anders – vor allem, wenn ich auf die Arbeitgeberseite blicke. Dort sitzen bereits zwei Frauen und damit ein Anteil von 20 Prozent. Wenn auf der Arbeitnehmerbank zwei weibliche Mitglieder hinzu kämen, wären wir schon bei 20 Prozent für das gesamte Gremium. Sie sehen, auch Gewerkschaften sind noch sehr von Männern dominierte Organisationen.

Nun geht das Thema in den Bundestag, 2013 könnte die Frauenquote ein Thema im Wahlkampf werden. Müssen Sie mit größerem politischen Druck rechnen?

Die Diskussion wird sicher noch an Dynamik gewinnen, auch abhängig von den künftigen politischen Kräfteverhältnissen in Berlin. Ich glaube allerdings, dass dieses Thema ab und an auch gerne deshalb platziert wird, um andere politische Herausforderungen zu überlagern. Das ändert sich auch je nach Stimmungslage in der Bevölkerung. Ich bedaure das. Bei Daimler jedenfalls nehmen wir die Förderung von Frauen aus Überzeugung schon länger sehr ernst.

Befürworter der Quote sagen, die Wirtschaft kommt freiwillig nicht voran, deshalb muss der Gesetzgeber nachhelfen.

Ich halte den Ansatz der 30 Dax-Unternehmen für besser, sich individuelle Ziele für die Anteile von Frauen in Führungspositionen zu setzen und dann an den Rahmenbedingungen zu arbeiten, um diese auch zu erreichen. Daimler hat sich schon 2006 verpflichtet, bis 2020 im Konzern 20 Prozent aller Führungspositionen mit Frauen zu besetzen. Um dieses Ziel zu erreichen, haben wir zum Beispiel mit unseren Führungskräften entsprechende Zielvereinbarungen getroffen, von denen auch ihr jährlicher Bonus abhängt. Das muss Schritt für Schritt in der Organisation aufgebaut werden – und darüber hinaus.

Sie spielen den Ball zurück zur Politik?

Wenn wir Frauen voll ins Berufsleben integrieren wollen, dann brauchen wir sicherlich auch mehr Kindertagesstätten, Ganztagsschulen oder Pflegeeinrichtungen. Als Unternehmen haben wir Verantwortung übernommen, etwa indem wir rund 500 Kita-Plätze eingerichtet haben - Tendenz weiter steigend. Aber Ganztagsschulen zum Beispiel können wir sicherlich nicht bauen und betreiben. Ganz ohne die Unterstützung der Gesellschaft und der Politik geht es nicht.

Und dann schaffen Sie die Quote, die sich die Politik wünscht?

Hier geht es um zwei verschiedene Fragestellungen. Die von der Politik gewollte Quotenregelung soll nur für den Aufsichtsrat gelten. Wir bei Daimler wollen mehr: 20 Prozent Frauen auf allen Führungsebenen, bis hoch zum Vorstand.

Warum nicht 30 Prozent oder mehr?

Weil wir ehrgeizig, aber auch realistisch sind. Eine höhere Frauenquote ist auf dem Wege der Fluktuation für ein Automobilunternehmen wie unseres nicht zu erreichen. 20 Prozent sind sehr anspruchsvoll, da 70 Prozent aller Stellen bei uns technisch ausgerichtet sind. Die Zahl der weiblichen Absolventen in den relevanten Studienfächern ist dagegen sehr limitiert. In unserem Trainee-Programm stellen wir dennoch 35 Prozent Frauen ein, doppelt so viele, wie von den Unis kommen. Und wir haben 2011 vereinbart, dass jedes Jahr 35 Prozent aller Beförderungen auf Frauen entfallen. Unter dem Strich macht das pro Jahr 1,2 Prozentpunkte mehr Frauen in Leitungsfunktionen.


Das klingt, als hätte Daimler großen Nachholbedarf.

Wir haben das Thema vor 2006 nicht so vorangetrieben, wie es aus heutiger Sicht möglich gewesen wäre. Aber das gilt für fast alle Unternehmen in Deutschland. Und letztlich auch für die Gesellschaft insgesamt: Bis zum Ende der Grundschule haben unsere Kinder in der Regel fast ausschließlich mit Frauen zu tun, die eine wenig techniknahe Erziehung genossen haben. Wir müssen diesen Müttern, Kindergärtnerinnen und Lehrerinnen noch mehr Technikbegeisterung vermitteln, damit sie diese an die Kinder weitergeben und sich noch mehr junge Frauen für eine entsprechende Ausbildung entscheiden.

Oder den Vätern Gelegenheit geben, eine Karrierepause zu machen, um in Elternzeit zu gehen…

Das bieten wir ebenfalls an.

Auch auf den oberen Führungsebenen?

Auch. Aber dort werden, ehrlich gesagt, nicht mehr ganz so viele Männer noch einmal Vater. Sie können trotzdem Vorbild sein und Kollegen ermutigen, in bestimmten Situationen zu sagen: erst die Familie, dann die Firma.

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