Wirtschaft : DaimlerChrysler: Der Traum von der Ehe unter Gleichen ist vorbei

Walter Pfaeffle

Der Galgenhumor ist nicht zu überhören. "Willkommen bei Chrysler", begrüßt Designer-Chef Trevor Creed Journalisten im Daimer-Chrysler Technical Center in Auburn Hills, wo der deutsch-amerikanische Autohersteller in dieser Woche seine Concept Cars des Jahres 2001 vorgestellt hat. "Hier wissen Sie nicht, was morgen passiert, aber wir wissen es auch nicht". Creed versucht, die gespannte Stimmung nach amerikanischer Art mit schwarzem Humor aufzulockern. Denn kurz danach kommt der Hammer: Chrysler-Chef James P. Holden wird geschasst. In der Zeitung "The Detroit News" steht es schwarz auf weiß. Nachfolger wird Dieter Zesche, bisher im Vorstand für Nutzfahrzeuge zuständig.

Klima der Unsicherheit

Creeds Bemerkung wirft Licht auf das Klima der Unsicherheit, die seit der vor zwei Jahren als "Zusammenschluss unter Gleichen" propagierten Ehe zwischen der Daimler Benz AG und der Chrysler Corporation in Auburn Hills immer weitere Kreise zieht. Schon damals klang das nicht überzeugend und im Oktober bestätigte Daimler-Chryslers Vorstandschef Jürgen Schrempp, was alle wussten: die 36 Milliarden Dollar teure Ehe sei von vorn herein als Übernahme und nicht als Fusion zwischen Gleichen geplant gewesen.

Die Nachricht des erneuten Stühlerückens in den USA fällt nicht aus heiterem Himmel. Langjährige Chrysler-Mitarbeiter zeigen sich schockiert. "Ich bin enttäuscht. Es verletzt meinen Stolz, dass die Deutschen einen Amerikaner für untauglich halten, Chrysler zu führen", sagt Dennis Pawley in der Detroit News. Pauley trat ein paar Wochen nach der Übernahme als stellvertretender Leiter des Herstellungsbereich in den Ruhestand. Holdens bevorstehender Rausschmiss verschärft die Unsicherheit im Unternehmen, das bereits unter den Folgen drakonischer Sparmaßnahmen und schlechter Betriebsmoral leidet. Mit Holdens Abgang ist nun auch dem letzten Zweifler klar geworden, dass Chrysler heute nur noch Teil eines deutschen Unternehmens ist. Noch vor drei Jahren galt Chryslers Spitzenmanagement in der Automobilbranche als Dream Team. Die Pkws und Sportnutzfahrzeuge (SUVs) des drittgrößten US-Herstellers kamen auf dem Markt gut an. Der 1925 von Walter P. Chrysler gegründete Konzern wies Jahr für Jahr Rekordgewinne aus. Die Übernahme durch Daimler-Benz im Mai 1998 hat jedoch eine Welle von Abwanderungen talentierter Manager und Designer ausgelöst. Kurz vor Abschluss der Fusion trat Chryslers Vizevorsitzender und Präsident Robert A. Lutz in den Ruhestand. Sein Nachfolger, der bei den Mitarbeitern populäre Thomas Stallkamp, erhielt Ende 1999 noch vom Verwaltungsratespräsidenten Robert Eaton den Laufpass, nachdem es zu Unstimmigkeiten über Investitions-und Management-Prioritäten gekommen war.

Eaton, der mit Schrempp die Übernahme geplant hat, schied im März frühzeitig aus. Ihm wird in Auburn Hills vorgeworfen, er habe zu viel Kontrolle an Daimler-Benz abgegeben. Der Designer Pauley trat 1999 frühzeitig in den Ruhestand und Designer Thomas Gale hat kürzlich angekündigt, das auch er das Unternehmen verlassen werde. Beide sind massgeblich für den Erfolg der Chrysler-Produkte in den neunziger Jahren verantwortlich. Stallkamps Nachfolger Holden muss, so heißt es, für Chryslers schlechte Zahlen den Kopf hinhalten. Ihm wird auch vorgeworfen, dass er dieses Jahr zweimal seine Prognosen nach unten berichtigen musste. Zudem soll er die Konzernleitung in Stuttgart nicht über Fabrikschließungen informiert haben. Nach firmeninternen Schätzungen wird Chrysler 2001 rote Zahlen schreiben, die in die hunderte von Millionen Dollar gehen. Rückläufige Händlerbestellungen könnten noch vor Jahresende weitere Werksschließungen notwendig machen.

Mit dem jüngsten Management-Shakeup in Detroit handeln die Stuttgarter nicht anders als andere global tätige Unternehmen: Wer nicht produziert, erhält schnell einen blauen Brief. Diese Erfahrung haben in jüngster Zeit die Top-Manager von Lucent Technologies Corp und Maytag Corp, Rich McGinn bzw Lloyd Ward gemacht. Beide haben die Reorganisierung ihrer Unternehmen zu langsam durchgezogen.

Schrempp unter Druck

Schrempp steht unter wachsendem Druck von Analysten, Investoren und selbst Mitgliedern des eigenen Aufsichtsrates, die Gewinnrückschläge bei Chrysler und anderen Unternehmensteilen aufzuhalten. Im dritten Quartal musste Chrysler auf Grund des scharfen Wettbewerbs einen operativen Verlust in Höhe von 512 Millionen Dollar ausweisen und im Schlussquartal wird momentan noch mit 100 Millionen Dollar Gewinn gerechnet. Dieser könnte jedoch von den kostspieligen Rabatten, mit denen sich die US-Hersteller bekämpfen, aufgezehrt werden. Der 49 Jahre alte Holden hatte den Auftrag, den Abwärtstrend umzudrehen. Für 2000 waren Einsparungen in Höhe von zwei Milliarden Dollar geplant. Das erschien Anlegern als zu wenig. Die Wall Street reagierte denn auch am Dienstag nach Bekanntwerden von Holdens Abgang gelassen. Chrysler Anteile legten nicht zu.

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