Daniel Wall im Interview : „Mein Vater ist nicht verrückt, aber sehr emotional“

Daniel Wall, Vorstandschef der Wall AG, über seinen Vater Hans, den neuen Eigentümer Decaux und die Wachstumspläne für Berlin und Deutschland.

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Große Erwartungen. Daniel Wall verspricht sich viel von dem neuen Eigentümer. -Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Herr Wall, wie verrückt ist Ihr Vater?



Gar nicht.

Hans Wall schreibt in seiner kürzlich erschienen Biografie, „er hält mich für den verrückten Alten“. Gemeint sind Sie.

Als verrückt würde ich meinen Vater nicht bezeichnen, aber er ist natürlich ein sehr emotionaler Mensch. Wenn er eine Entscheidung getroffen hat – und meistens sind das Bauchentscheidungen – dann zieht er das auch durch.

Er hat Ihnen viel zugemutet und wundert sich, dass der Sohn den Vater „unbeschadet überstanden hat“. Auch Fehler gibt der Alte zu, zum Beispiel das USA-Abenteuer, für das er Sie – gegen Ihren Willen – ein Jahr nach Boston schickte.


Na ja, gezwungen hat er mich nicht. Aber wir waren in einer schwierigen Lage, mussten die ganze Stadtmöblierung in Boston neu aufbauen. Sich mit unseren Mitteln auf dem amerikanischen Markt zu bewegen – das war schon etwas tollkühn.

Im September haben Sie das Abenteuer beendet und die restlichen Anteile der US-Gesellschaft an Decaux verkauft. Wie teuer war am Ende der Ausflug in die USA?


Der Verlust hält sich in Grenzen.

Ein einstelliger Millionenbetrag?


Höchstens. Alles in allem mussten wir in den USA die dortige Stadtmöblierung lernen. Mit den urbanen europäischen Städten ist das nicht zu vergleichen. Deshalb ging unser Konzept mit den bezahlten Werbeflächen auch nicht auf.

Ihr Vater war stolz wie Oskar, als er damals in den USA ankam. Heute beschreibt er sich in seiner Rückschau als „unberechenbaren Charakter, sprunghaft und kurz entschlossen“. Ist das ein Typus, mit dem Sie Geschäfte machen würden?


Unberechenbarkeit und Sprunghaftigkeit gehören eher nicht zu meinem Naturell. Wenn ich mit jemand Geschäfte mache, dann möchte ich schon eine klare Linie haben. Auf beiden Seiten.

Wann sind Sie informiert worden über den Verkauf der Wall AG an Decaux?

Eine gute Woche vorher. Aber das Thema war schon häufiger im Gespräch gewesen. Überraschend war der Zeitpunkt, der nicht glücklich gewählt war. 2009 ist vermutlich das schlechteste Jahr, um Aktien zu verkaufen. Man hätte ein oder zwei Jahre warten oder es bereits vor ein oder zwei Jahren tun müssen. Das habe ich nicht verstanden. Aber jeder kann natürlich mit seinem Eigentum machen, was er will.

Sie selbst haben Finanzprobleme eingeräumt, die nach der Übernahme durch Decaux gelöst seien.

In diesem Jahr ist alles schwierig. Wegen der Finanzkrise sind die Banken sehr restriktiv, sodass wir Schwierigkeiten hatten, Finanzmittel für weiteres Wachstum zu bekommen. Die Expansion ist jetzt mit dem starken Eigentümer einfacher.

Welche Expansion?


In den kommenden Jahren werden einige deutsche Städte ihre Außenwerbung neu ausschreiben, und dabei wollen wir richtig Gas geben.

In Stuttgart wurde die Ausschreibung verloren, weil ihr Hauptkonkurrent Ströer deutlich mehr geboten hat.

Das habe ich nicht verstanden. Die Stadt bekommt fast so viel Pacht, wie die Werbeflächen an Umsatz bringen – wie soll sich das rechnen? Vielleicht war das eine Retourkutsche für Münster.

Die Ausschreibung für Münster hat Wall im vergangenen Jahr gewonnen. Dabei sollen Sie sich, so vermutet Ströer-Chef Udo Müller, etwas verhoben haben.

Der Herr Müller soll sich erst mal um seine eigenen Hausaufgaben kümmern. Er hat eine Riesenverschuldung zu bewältigen, und das passt eigentlich nicht zu dem Kampfangebot in Stuttgart.

Welche Städte haben Sie im Auge?


Bremen wird sich vermutlich im Januar entscheiden. Dann kommen Bielefeld und das Rhein-Main-Gebiet mit Frankfurt, Wiesbaden und Mainz.

Alle 2010?

Frankfurt ist erst 2011, auch Bochum und Essen. Und dann gibt es noch eine ganze Reihe kleinerer Städte.

Und Sie wollen überall mitbieten?


Ja. Ich gehe davon aus, dass in Zukunft alle deutschen Städte die neu ausschreiben über Wall laufen. Weil wir in Deutschland beim Image und der Qualität der Stadtmöbel die stärkere Marke sind und Decaux uns sozusagen den Vortritt lässt. Außerdem werden wir uns stark in der Türkei engagieren, um weitere Städte dort zu gewinnen.

Das hat Ihnen Monsieur Decaux zugesagt?


Ja.

Wie ist das Verhältnis zu ihm?

Bestens. Wir haben fast eine deckungsgleiche Denkweise und Markteinschätzung. Und mir gefällt die große Professionalität. Er leitet ein Riesenunternehmen mit fast drei Milliarden Umsatz. Wir haben jetzt einen Eigentümer im Rücken, der weltweit die Nummer eins ist. Und wenn ich meine unternehmerische Freiheit mit der Marke Wall behalte, dann kann mir nichts Besseres passieren.

Ihren Vater sind Sie aber noch nicht los, er bleibt Aufsichtsratschef.


Wie lange er in dieser Funktion bleibt, hängt allein von ihm ab und den Aktionären.

Also von Decaux.

Von mir auch ein bisschen, denn ich halte ja noch knapp zehn Prozent.

Hat Decaux Sie auch gefragt, ob Sie verkaufen.

Ja, klar. Es ist aber, wie gesagt, der absolut falsche Zeitpunkt. Und ich freue mich jetzt darauf, mit dem neuen Eigentümer und den neuen Möglichkeiten etwas Tolles für Wall zu erreichen. Schließlich habe ich hier vieles mit aufgebaut.

Haben Sie eine Zusage darüber bekommen, wie lange Sie Vorstandschef bleiben?


Darüber gibt es Verträge, und die laufen dann irgendwann aus oder werden verlängert. So ist das auch bei mir.

Wann läuft Ihrer aus?

Das möchte ich jetzt nicht sagen. Mir macht die Arbeit hier Spaß, aber ich bin auch total frei und kann jederzeit etwas anderes machen.

Was machen Sie im kommenden Jahr?

2009 war das Jahr des Vertriebs, und trotz eines Umsatzrückgangs um knapp zehn Prozent schneiden wir vergleichsweise gut ab. Nächstes Jahr wird das Jahr der Innovationen. Weil so langsam die Krise vorbeigeht, muss man sich wieder verstärkt mit neuen Ideen beschäftigen. Wir werden also einige Neuigkeiten auf den Markt bringen.

Zum Beispiel?

Im Frühjahr führen wir die neuen digitalen Screens im Bahnhof Friedrichstraße ein, die künftig Information und Werbung transportieren. Grundsätzlich arbeiten wir weiter an Produkten, die die Aufenthaltsqualität in den Städten verbessern. Und neben den neuen Produkten geht es auch um eine neue Strategie.

Gemeinsam mit Decaux?


Ja. Im Vertrieb rechnen wir schon mit Synergien. Unsere Flächen wollen wir künftig gemeinsam vermarkten. Und ich gehe davon aus, dass der zentrale Vertrieb künftig von Berlin aus gemacht wird, unterstützt durch starke regionale Vermarktungsbüros. Decaux liebt Berlin, und das wird zur Aufwertung unseres Heimatstandortes beitragen.

Wie wird denn das nächste Jahr?


Wir erwarten einen Umsatzzuwachs um 3,5 Prozent. Aber insgesamt rechnen wir mit den alten Zahlen aus den Jahren vor der Krise erst wieder 2012. Alles in allem wollen wir uns als Qualitätsmarktführer in der Außenwerbung aus Berlin profilieren, der sich gegen den umsatzstärksten Außenwerber Ströer aus Köln positioniert. Und dabei werden wir auch Arbeitsplätze in Berlin schaffen.

Endet das Krisenjahr 2009 mit schwarzen Zahlen?


Das Ergebnis steht noch nicht fest, aber es könnte eng werden. Wirtschaftlich ist 2009 ein wirklich schlechtes Jahr.

Dann hat der alte Herr in einem Anflug von Panik das halbe Unternehmen verkauft?


Das müssen Sie ihn fragen. Ich kann meinen Vater aber auch verstehen. Er ist 67 Jahre alt und hat das ganze Leben hart gearbeitet. Er hat einen anderen Maßstab als ich und will keine großen Risiken mehr eingehen. Für mich ist klar, dass die Krise in wenigen Jahren wieder vorbei ist. Beim Verkauf hätte man einiges besser machen können – aber es ist, wie es ist. Im Übrigen ist die Zukunft gestaltbar, die Vergangenheit nicht. Und mit dem starken Eigentümer im Rücken können wir jetzt frei agieren.

Das Gespräch führte Alfons Frese.


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Zur Person


DIE KARRIERE

Daniel Wall (43) lernt nach dem Fachabitur in der Firma seines

Vaters Hans Industriekaufmann. Er arbeitet danach in diversen Bereichen des Unternehmens, wird 1999 Vorstand und 2007 Vorstandschef, als sich der Vater in den Aufsichtsrat zurückzieht.



DIE FIRMA

1976 gründete Hans Wall in Ettlingen das Unternehmen für Außenwerbung. Heute sitzt die Wall AG in Berlin und produziert im brandenburgischen Velten. Hans Wall verkaufte vor drei Monaten überraschend seinen Anteil von 50 Prozent an den französischen Konkurrenten Decaux, der nun gut 90 Prozent besitzt. Die restlichen Anteile gehören Daniel Wall.


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