Wirtschaft : „Dann bin ich in Urlaub gefahren“

Aussagen von Finanzvorstand und Ex-Aufsichtsratschef im Telekom-Prozess

Rolf Obertreis

Frankfurt am Main - Auch am vierten Verhandlungstag konnten die Kläger im Prozess um den dritten Börsengang der Telekom keine Pluspunkte sammeln. Sowohl Finanzvorstand Karl-Gerhard Eick als auch der frühere Aufsichtsratschef Hans-Dietrich Winkhaus bestätigten wie am Montag bereits Ex-Telekom-Chef Ron Sommer, dass konkrete Verhandlungen über den Kauf des US-Mobilfunkunternehmens Voicestream erst ab dem 10. Juli 2000 und damit gut drei Wochen nach dem Börsengang geführt wurden. Erst am 23. Juli sei das Geschäft unter Dach und Fach gewesen. Nach Ansicht der Kläger hätte die Telekom im Börsenprospekt (der am 26. Mai 2000 veröffentlicht wurde) auf die 40 Milliarden Euro teure Übernahme hinweisen müssen. Deshalb und wegen der angeblichen Falschbewertung der Immobilien fordern rund 16 000 Telekom-Aktionäre insgesamt knapp 80 Millionen Euro Schadenersatz.

Mit Finanzvorstand Eick befragte das Gericht zum ersten Mal einen noch aktiven Vorstand der Telekom. Weil er Repräsentant des beklagten Unternehmens ist, wurde er nur angehört und nicht als Zeuge vernommen. Dabei bestätigte der Manager, der seit zehn Jahren im Vorstand der Telekom für Finanzen verantwortlich ist, die Schilderungen von Sommer. Weltweit habe sich die Telekom im ersten Halbjahr 2000 für alle Sparten intensiv nach möglichen Übernahmekandidaten umgeschaut. Am 30. Juni habe man dann den Aufsichtsrat über eine Reihe von interessanteren Projekten informiert, zu denen auch Voicestream gehört habe. „Danach bin ich in Urlaub gefahren“, erklärte Eick. „Daraus können sie schon ersehen, dass wir nicht kurz vor einer Übernahme gestanden haben.“ Allerdings sei er dann am 10. Juli überraschend aus dem Urlaub gerufen worden, um an den konkreten Verhandlungen mit Voicestream im amerikanischen Sun Valley teilzunehmen. Die intensiven und „sehr harten“ Gespräche habe man bis 23. Juli erfolgreich abschließen können und die Übernahme vom Vorstand und Aufsichtsrat der Telekom absegnen lassen.

Auch Ex-Aufsichtsratschef Winkhaus bestätigte als Zeuge den zeitlichen Ablauf der Übernahme von Voicestream. Ende Juni sei noch über mehrere Kandidaten für eine Übernahme gesprochen worden. Erst am 19. Juli habe der Vorstand dem Aufsichtsrat mitgeteilt, dass die Verhandlungen mit Voicestream konkrete Form angenommen hätten. Es habe aber noch offene Fragen gegeben. Die Entscheidung über den Kauf sei dann in der Aufsichtsratssitzung am 23. Juli einstimmig gefallen, obwohl es auch Bedenken wegen des hohen Kaufpreises gegeben habe.

Das Interesse am bislang größten Anlegerprozess in der Bundesrepublik ist indes bereits am vierten Verhandlungstag deutlich abgeflaut. Gerade mal rund 20 der 900 Anwälte und nur eine Handvoll Zuhörer saßen am Dienstag im provisorischen Gerichtssaal in der Stadthalle Frankfurt-Bornheim. Rolf Obertreis

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