Wirtschaft : „Das absolute Vertrauen“

Eine Klage des Siemens-Konzerns gegen seinen ehemaligen griechischen Statthalter offenbart die Finanzpraktiken des Unternehmens

Gerd Höhler

Athen – Den „Mann mit dem Schnauzbart“ nennen ihn manche, als P.M. kennen ihn andere, seine Freunde nennen ihn Makis. Der 45-jährige Grieche Prokopis Mavridis, der im Athener Villenviertel Ekali wohnt, ist eine Schlüsselfigur in der Affäre um die schwarzen Kassen bei Siemens. Fast zwei Jahrzehnte lang arbeitete er für den deutschen Konzern. Im April 2006, als die Affäre bereits brodelte, trennte man sich – einvernehmlich, wie es heißt. Doch mit der Eintracht war es schnell vorbei. Der Konzern fordert mit einer Mitte November vor dem Landgericht Athen eingereichten Klage von Mavridis acht Millionen Euro zurück, die der Ex-Manager aus einer schwarzen Kasse genommen haben soll. Die Klageschrift offenbart das merkwürdige Finanzgebaren des Konzerns.

1988 fing Mavridis in München bei Siemens als Ingenieur an. 1992 wechselte er zu Siemens Nixdorf nach Athen, seit 1998 leitete er als Generaldirektor die Telefon- und Nachrichtentechniksparte von Siemens Hellas. In dieser Funktion war er auch für Siemens-Aufträge in Albanien, Mazedonien und Zypern zuständig. Zu seinen Aufgaben gehörte, so heißt es in der Klageschrift, „die Verwendung von Geldmitteln unseres Unternehmens im Rahmen dessen geschäftlicher Aktivitäten in Griechenland, dem Balkanraum und anderen Ländern“. Die Gelder seien Mavridis zur Verfügung gestellt worden, um sie „für außerordentliche, unmittelbare und laufende Zahlungen unserer Firma bei der Förderung ihrer Tätigkeit“ in den betreffenden Ländern zu verwenden, lautet die wolkige Formulierung in der Klageschrift. Dabei habe es sich um „viele Millionen Euro“ gehandelt. Der Beklagte habe „das absolute Vertrauen der Hauptverwaltung der Gesellschaft und der Leitung der Tochtergesellschaft in Griechenland genossen“.

Die für Mavridis bestimmten Gelder wurden auf einem Konto bei der Dresdner Bank in der Schweiz gebunkert – mehr als 40 Millionen Euro waren es nach Ermittlungen der Berner Staatsanwaltschaft, die ihn bereits zwei Mal, im März und im Juni 2006, wegen der Konten vernommen hat. Neben Mavridis scheinen weitere Siemens-Manager Zugriff auf den Schweizer Geldtopf gehabt zu haben. Von diesem Konto wurden im September 2003 zwei Millionen Euro und Anfang 2005 weitere sechs Millionen Euro auf ein persönliches Konto von Mavridis bei der Société Générale in Athen überwiesen. Siemens behauptet heute, von der Existenz dieses Athener Kontos nichts gewusst zu haben. Mavridis habe auch seit dem Sommer 2005 keine Auskunft mehr über die Verwendung der Gelder gegeben, auf deren Rückzahlung Siemens jetzt klagt. Warum Siemens Hellas Mavridis bei seinem einvernehmlichen Ausscheiden im April 2006 auch noch einen Bonus zahlte, statt die Gelder zurückzufordern, bleibt ein Rätsel. Hat man womöglich gar nicht gemerkt, dass die acht Millionen fehlten?

Mavridis soll überrascht gewesen sein, als er von der Klage erfuhr, sagt sein Anwalt. „Mein Mandant hat nie bestritten, dass die Gelder Siemens gehören.“ Bereits am 29. November habe er im Auftrag von Mavridis der Siemens AG über deren Athener Anwälte die Überweisung der acht Millionen angeboten. Inzwischen sollen sich Siemens und Mavridis auf die Rückzahlung geeinigt haben.

Dass er die Millionen für private Zwecke abgezweigt habe – etwa für den Bau eines Hauses – wie ein anderer Siemens-Mitarbeiter ausgesagt haben soll, bestreitet Mavridis vehement. Schon in seinen Vernehmungen bei der Berner Staatsanwaltschaft soll Mavridis erklärt haben, das Geld gehöre Siemens. Bestimmt gewesen seien die Millionen unter anderem für die Beschaffung von Informationen für die Erschließung neuer Märkte im gesamten Balkanraum. Vielleicht auch für Bestechungszahlungen im Zusammenhang mit einem Sicherheitssystem für die Olympischen Spiele 2004 in Athen, wie andere ehemalige Siemens-Manager behaupten. An dem Konsortium, das 2003 den Zuschlag für Sicherheitssystem bekam, war Siemens maßgeblich beteiligt. Am Mittwoch wurde bekannt, dass die Athener Staatsanwaltschaft den Vorsitzenden von Siemens Hellas, Michalis Christoforakos, in dieser Angelegenheit vernommen hat. Mavridis aber wiegelt ab: Für diesen Auftrag sei er gar nicht zuständig gewesen, lässt er erklären.

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