Wirtschaft : Das Ausland bringt Deutschland in Fahrt

Export beschleunigt das Wachstum /Zeitarbeitsfirmen mit mehr Aufträgen/Neue Jobs erst 2005

Dagmar Rosenfeld[Alexander Visser],Bernd Hops

Berlin - Der stark anziehende Export hat das Wachstum der deutschen Wirtschaft beschleunigt. Das reale Bruttoinlandsprodukt (BIP) legte nach Angaben des Statistischen Bundesamtes vom Donnerstag im zweiten Quartal real um 0,5 Prozent zu. Damit war die Wirtschaftsleistung zwei Prozent höher als vor einem Jahr. Das ist das größte Wachstum seit Anfang 2001. Bundeswirtschaftsminister Wolfgang Clement (SPD) zeigte sich zuversichtlich, dass sich die Erholung verstärken wird. Experten gehen allerdings davon aus, dass mit einer spürbaren Erholung auf dem Arbeitsmarkt und zusätzlicher Beschäftigung frühestens Anfang 2005 zu rechnen ist.

Nicht nur in Deutschland gewinnt die Konjunktur an Dynamik. Frankreich meldete ebenfalls am Donnerstag Quartalszahlen, die besser als erwartet ausfielen. Im zweiten Vierteljahr legte die Wirtschaft um 0,8 bis 0,9 Prozent gegenüber den ersten drei Monaten zu. Die Europäische Zentralbank (EZB) äußerte sich wiederum optimistisch für den gesamten Euroraum. „Die Voraussetzungen für einen sich auf breiterer Front verstärkenden Aufschwung sind gegeben“, heißt es im neuen EZB-Monatsbericht. Als mögliche Gefahr wird aber der hohe Ölpreis gesehen, der länger auf dem derzeitigen hohen Niveau bleiben dürfte als bisher erwartet. Sollte der Ölpreis bis Ende 2005 bei 45 Dollar liegen, werde das deutsche Wachstum bei nur noch 0,6 Prozent statt der bisher prognostizierten 1,4 Prozent liegen, sagte Thomas Straubhaar, Präsident des Hamburgischen Welt-Wirtschafts-Archivs (HWWA).

Aber auch, wenn das Öl sich nicht so negativ auswirken wird, profitiert der Arbeitsmarkt von dem aktuellen Wachstum nur mit starker Verzögerung. „Derzeit befinden wir uns im Wartezustand“, sagte Holger Schäfer, Arbeitsmarktexperte beim Institut der Deutschen Wirtschaft (IW), dem Tagesspiegel. Zwar sei die Konjunkturentwicklung ein positives Signal, aber die Entwicklung der Erwerbstätigkeit sei bedenklich. „Auch wenn der große Abbau auf dem Stellenmarkt gestoppt ist, so haben wir im Vergleich zum Vorjahr immer noch 100000 Erwerbstätige weniger.“ Ein Rückstand, der bis zum Jahresende wohl nicht mehr aufgeholt werden könne. Nach Angaben des Statistischen Bundesamts sind im Juni in Deutschland aber immerhin keine weiteren Jobs verloren gegangen.

Reinhard Kudiß, Konjunkturexperte beim Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI), schließt einen Beschäftigungsaufbau in diesem Jahr aus. „Selbst die Industriezweige mit kräftigen Wachstumsraten, wie etwa die Autmobilbranche oder die Maschinenbauer, werden in diesem Jahr nicht zusätzlich einstellen“, so Kudiß. Der Grund: Trotz guter Exportzahlen seien die Unternehmen noch nicht bereit, mehr zu investieren. „Die Firmen agieren derzeit sehr vorsichtig mit Neueinstellungen“, sagte Joachim Scherde vom Weltwirtschaftsinstitut in Kiel. Weil in der Vergangenheit die Zahl der Überstunden gesunken sei, gebe es genügend Arbeitskapazität in den Unternehmen.

Neben Überstunden setzen viele Firmen auf Personaldienstleister. „Wir haben seit März rund 1000 zusätzliche Mitarbeiter unter Vertrag“, sagte eine Sprecherin der Lüdenscheider Persona Service AG, die zu den größten Unternehmen der Zeitarbeitsbranche in Deutschland gehört. Der Bestand der Beschäftigten habe sich damit um zehn Prozent auf rund 11000 erhöht. „In exportorientierten Branchen wie dem Maschinenbau wird es zunehmend schwer, Facharbeiter mit passender Qualifikation zu finden“, sagte die Sprecherin.

Auch die Frankfurter Zeitarbeitsfirma Manpower hat seit Jahresbeginn rund 1000 zusätzliche Beschäftigte eingestellt. „Zurzeit suchen wir vor allem Finanzexperten, etwa Buchhalter oder Controller“, sagte eine Sprecherin. In den vergangenen Wochen hatten auch der deutsche Marktführer Randstad und die auf hochqualifizierte Fachkräfte spezialisierte DIS AG einen Auftragsboom gemeldet. Doch die Auftraggeber halten sich in der Regel bedeckt. „Manche Arbeitgeber, zum Beispiel in der Automobilbranche, verhandeln mit den Betriebsräten gerade über Kosteneinsparungen“, sagte ein Branchenkenner dieser Zeitung. „Da gehen sie nicht gerne mit der Meldung an die Öffentlichkeit, dass sie gleichzeitig mehr Zeitarbeiter beschäftigen.“

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