Wirtschaft : Das befürchtete Monster ist noch nicht entstanden

ROLF OBERTREIS[FRANKFURT]

Aber die Fusion in München muß noch nicht das Ende sein / Allianz zieht die Fäden / Banken unter RationalisierungsdruckVON ROLF OBERTREIS, FRANKFURT

Das von Deutsche Bank-Vorstandssprecher Rolf E.Breuer befürchtete "Monster" ist es (noch) nicht.Nicht Dresdner Bank, die Allianz und die Bayerische Hypobank zimmern einen neuen Bankriesen, sondern "nur" die Bayerische Vereinsbank und jene Hypobank.Trotzdem: Mit dem neuen Institut in München entsteht, wenn das Kartellamt nichts dagegen hat, hinter der Deutschen Bank die zweitgrößte private Geschäftsbank in Deutschland und der größte Immobilienfinanzierer in Europa.Der Deal markiert den vorläufigen Höhepunkt in der Spekulationswelle in der deutschen Bankenlandschaft.Eingeleitet hatte sie die Deutsche Bank vor fast genau einem Jahr, als sie sich mit 5,21 Prozent an der Vereinsbank beteiligte.Zugleich ist die neue "Bayerische Hypo- und Vereinsbank AG" der erste Zusammenschluß von zwei wirklich großen Geldhäusern in Deutschland. Obwohl selbst Top-Banker in Frankfurt in den vergangenen Monaten mit Blick auf Zusammenschlüsse oder Übernahmen auf dem deutschen Bankenmarkt nichts ausgeschlossen hatten, kam die Nachricht aus München am Montag überraschend.Gründe für Fusionen oder Übernahmen gibt es freilich schon seit Jahren zuhauf."Die Banken stehen am Scheideweg", heißt es in der Branche.Konzentrationen seien unausweichlich.Thomas Schießle, Chefanalyst des Bankhauses Delbrück, beurteilt die neue Mammutbank als "Startschuß dafür, den überbesetzten Bankenmarkt in Deutschland zu bereinigen". In kaum einem anderen Land ist der Wettbewerb unter den Geldhäusern so hart wie hierzulande.Deutschland gilt seit Jahren als "overbanked": Nirgendwo sonst gibt es so viele Filialen pro Kopf der Bevölkerung wie in Deutschland.Der Marktanteil der drei größten - Deutsche, Dresdner und Commerzbank - liegt bei gerade mal 13 Prozent.Die Filialen sind teuer, drücken die Rendite."Die Kosten dort fressen uns auf", sagt Deutsche Bank-Chef Breuer.Deshalb treten die Geldhäuser seit Jahren auf die Bremse.Die Deutsche Bank streicht seit Anfang der 90er Jahre jedes Jahr etwa 2000 Arbeitsplätze, Filialen werden zusammengelegt, geschlossen oder drastisch abgespeckt.Auch die neue Großbank in München wird kaum darum herumkommen, obwohl Eberhard Martini, der Vorstandschef der Hypobank, nun betont, der "allergrößte Teil" der Jobs werde durch die Fusion abgesichert und erhalten.Analysten schätzen, daß jede vierte der rund 1400 Filialen von Vereins- und Hypobank geschlossen wird.Und jeder fünfte der derzeit gut 40 000 Mitarbeiter dürfte bei der neuen Bank in den nächsten Jahren seinen Job verlieren. Die Bereinigung und das Kostendrücken ist unausweichlich, wenn die Großen auch in Zukunft im internationalen Wettbewerb mitmischen wollen.Nur die Deutsche Bank wird dieser Rolle bislang gerecht.Die Renditen von Deutscher, Dresdner und Commerzbank sind nicht einmal halb so groß wie die angelsächsischer Institute.Nur im Investmentgeschäft rollt bei den deutschen Großbanken der Rubel.Ähnliches gilt für den Eigenhandel - wenn es an der Börse gut läuft.Das neue Institut in München ist zwar gemessen an der Bilanzsumme von 743 Mrd.DM nach der Deutschen Bank (866 Mrd.DM) und vor der Dresdner Bank (561 Mrd.DM) künftig die Nummer zwei und beim Kreditvolumen mit fast 540 Mrd.DM sogar die Nummer eins.Aber beim Gewinn hinken die Bayern weit hinterher: Zusammengerechnet lag ihr Betriebsergebnis 1996 bei rund 2,8 Mrd.DM.Die Deutsche Bank brachte es auf das Doppelte. Auch die Europäische Währungsunion bringt den Großbanken nicht gerade einen warmen Geldregen.Die Umstellung auf den Euro kostet viele Millionen, etliche Geschäfte gehen verloren - ebenso wie die stabile D-Mark, ein für die Banken bislang einmaliger Vorteil gegenüber der ausländischen Konkurrenz.Auch deshalb müssen die Großen noch größer, stärker und letztlich rentabler werden. Die Fusion in München, faktisch eine Übernahme der Hypo- durch die Vereinsbank, war eine der möglichen Varianten.Selbst mit Blick auf diese beiden Häuser muß das nicht der Schlußpunkt sein.Analysten in Frankfurt sehen schon einen Zusammenschluß der Dresdner Bank mit dem neuen Geldhaus und damit im Prinzip jenes "Monster", das Deutsche Bank-Chef Breuer befürchtet.Ob das Kartellamt allerdings hier grünes Licht geben würde, ist zumindest fraglich.Auch da wären die beteiligten Banker allerdings eher ausführende Akteure."Bei der neuen Münchner Großbank zieht die Allianz die Fäden", vermutet nicht nur Chefanalyst Schießle.Der Versicherungsriese gilt als Zünglein an der Waage in der Großbankenszene: Mit jeweils rund 22 Prozent ist die Allianz an der Dresdner Bank und der Bayerischen Hypobank beteiligt, mit 15 Prozent an der BHF-Bank und mit 5 Prozent an der Deutschen Bank.

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