Wirtschaft : Das Berliner Stadtnetz liegt brach

Versatel muss Berlikomm sanieren – Vorbilder sind Köln und Hamburg

Corinna Visser

Berlin - Die Zeiten, als der Name Berlikomm die Trikots der Basketballer von Alba Berlin zierte, sind lange vorbei. Auch die Tage, die die Berliner Telefongesellschaft noch im schicken Ambiente des Ludwig-Erhard-Hauses in der Fasanenstraße verbringen darf, gehen zu Ende. Die ersten Mitarbeiter sind schon nach Reinickendorf umgezogen, wo keine Spitzenmieten für Büroflächen gezahlt werden müssen.

Teure Sponsorenverträge und Residenzen in Glaspalästen – das sind Überbleibsel aus der Zeit, als Euphorie und Wachstumserwartungen in der Telekommunikationsbranche noch groß waren. Doch während in anderen Regionen Stadtnetzbetreiber der Telekom bei Telefonanschlüssen Marktanteile von 20 Prozent und mehr abjagen, bringt es Berlikomm in der Hauptstadt nicht einmal auf zwei Prozent.

Etwa 320 Millionen Euro Schulden hat Berlikomm seit ihrer Gründung im Jahr 1997 angehäuft. Zuletzt waren es noch 150 Millionen Euro, die die Eigner der Muttergesellschaft Berlinwasser ablösen mussten, um Berlikomm überhaupt verkaufen zu können. Am vergangenen Donnerstag hat der niederländische Telekommunikationskonzern Versatel unterschrieben: Für knapp 35 Millionen Euro kauft Versatel Berlikomm und sichert dort 150 Arbeitsplätze bis 2005. Dass man in Berlin erfolgreich sein kann, ist für die Niederländer keine Frage: Eine Stadt mit 1,8 Millionen Haushalten, 150000 Unternehmen und dazu den großen Bundesbehörden, das ist für Versatel-Deutschlandchef Andreas Heinze „ein attraktiver Markt“.

Berlikomm ist es nicht gelungen dieses Potenzial zu heben. Zwar wurde zu Beginn viel Geld in Technik investiert, doch die Kunden kamen nicht. Die großen Werbekampagnen, die das Unternehmen in den Jahren 1999 und 2000 startete, brachten zwar viele Aufträge von Wechselwilligen. Aber viele blieben unbearbeitet liegen, weil der Kundenservice für die Abwicklung fehlte. Hinzu kamen ständige Strategiewechsel hinzu: Sieben Geschäftsführer in sieben Jahren musste Berlikomm verkraften. Dabei ist Telekommunikation ein Geschäft, für das man einen langen Atem braucht: Es dauert drei bis fünf Jahre, bis sich die Investition in einen neuen Kunden rentiert.

Ein Beispiel für einen erfolgreichen Stadtnetzbetreiber ist Netcologne in Köln: 145 Millionen Euro Umsatz in 2003. Rund 530 Mitarbeiter betreuen rund 137500 Telefon- und etwa 125500 Internetkunden. Berlikomm setzte mit 160 Mitarbeitern 50 Millionen Euro um und betreute 33000 Kunden.

Vier Gründe nennt Dieter Elixmann vom Wissenschaftlichen Institut für Kommunikationsdienste, warum das Geschäft der Stadtnetzbetreiber so schwierig ist: Die meisten Unternehmen hatten zu große Wachstumserwartungen in den Boomjahren. „Sie haben Kapazitäten aufgebaut, die sie nicht sinnvoll auslasten konnten.“ Hinzu kam das regulatorische Umfeld. Die Regulierungsbehörde in Bonn legt die Preise fest, zu denen Wettbewerber Leistungen bei der Telekom einkaufen können. Diese Bedingungen seien „nicht immer zum Besten der Wettbewerber gewesen“, sagt Elixmann.

Der dritte Punkt: Es kamen immer mehr Wettbewerber auf den Markt, nicht zuletzt die billigen Call-by-Call-Anbieter haben den Stadtnetzbetreibern das Leben schwer gemacht. Schließlich hätten die Unternehmen schlicht die Wechselbereitschaft der Kundschaft überschätzt. Viele schimpfen über die Telekom, sind aber nicht bereit, sich die Mühe zu machen, einen anderen Anbieter zu suchen.

Doch „der Markt belebt sich“, sagt Rainer Lüddemann, Geschäftsführer des Verbands der regionalen und lokalen Telekommunikationsgesellschaften: „Es wird wieder investiert.“ Dabei geht es darum, dem Kunden mehr zu verkaufen, als einen einfachen Telefonanschluss. Wachstumspotenzial sehen die Stadtnetzbetreiber vor allem im Geschäft mit schnellen Internetanschlüssen (DSL). Hansenet etwa kommt in Hamburg auf einen Marktanteil von 40 Prozent.

Versatel hat bereits in Flensburg, Dortmund, Stuttgart und München gezeigt, wie es gehen kann. Hier haben die Niederländer regionale Telefongesellschaften übernommen. Zehn Prozent Marktanteil sind das Ziel, dass sich Versatel für Berlikomm gesetzt hat. Die Schwelle von 100000 Kunden will Deutschland-Chef Heinze in den kommenden zwölf bis 18 Monaten überschreiten.

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