Wirtschaft : „Das beste Weinjahr seit 1540“ Weinpräsident Prinz zu Salm-Salm über das Jahr 2003,

steigende Preise und „Große Gewächse“

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Prinz Salm, wir erfreuen uns seit 2001 drei hervorragender Weinjahre in Folge. Geht das jetzt so weiter?

Wäre ja zu schön, um wahr zu sein. Ja, das war wirklich ein tolles Trio, zumal noch steigernd aufgebaut. 2003 ist ein außergewöhnliches Jahr, wie wir Winzer es noch nie erlebt haben. Wir haben alle unsere Archive bemüht und sind auf einen einzigen vergleichbaren Jahrgang gekommen, und das war 1540: Drei Monate ohne Regen, zwei Kirschblüten, und man konnte zu Fuß durch den Rhein. Aber wir leben in Gottes Natur, es kommen auch wieder schlechte Jahre, und wir nehmen es, wie´ s kommt.

Viele skeptische Winzer hatten Sorge, dass das Übermaß an Sonne 2003 vor allem den Weißweinen die wichtige Säure nehmen und sie plump und unelegant machen könnte.

Das ist aber nicht so. Wir haben in diesem Jahr etwas sehr Seltsames festgestellt, was ich auch noch nie erlebt habe: Die Säure ist nach der Gärung im Wein höher als vorher im Most. Offenbar war sie im Traubensaft kristallin vorhanden und hat sich erst in der Gärung gelöst. Nein, das werden sehr schöne, fruchtige Weine.

Das klingt stark nach steigenden Preisen. Sie selbst sind schon mit der Aussage zitiert worden, es werde Erhöhungen um 20 Prozent geben.

Das war ein Missverständnis. Gemeint hatte ich: Es gibt in diesem Jahr mehr Spät- und Auslesen als normal, also mehr höherwertige Weine. Deshalb ist das Preisniveau im Durchschnitt auch höher. Innerhalb der Qualitätsstufen werden die Steigerungen nicht gravierend sein.

Könnten nicht viele Winzer sogar gezwungen sein, höherwertige Weine abzustufen, um ihren Kunden überhaupt etwas unter zehn Euro anbieten zu können?

So wird es sein. In diesem Jahr wird man außergewöhnlich gute Weine zu unglaublich günstigen Preisen bekommen können. Das macht ja deutschen Wein ohnehin aus, und das wird sich noch einmal verstärken.

Nun ja. Die Basisweine der deutschen Top-Güter, die ja fast alle VDP-Mitglieder sind, haben in den späten Neunzigern knapp zehn Mark gekostet, jetzt marschieren sie langsam auf die Zehn-Euro-Grenze zu.

Ja, das mag sein. Aber wenn man es international sieht, stimmt meine Aussage immer noch. Denn die großen französischen Weine kosten drei Mal so viel wie unsere, und das bedeutet, dass unsere weiter viel zu günstig sind. So ist das Maß an Handarbeit in Steillagen, das wir leisten müssen, auf Dauer nicht mehr darstellbar.

Heißt das, dass Sie den Wettlauf mit der Übersee-Konkurrenz unter zehn Euro praktisch aufgeben?

Ich würde die Schwelle niedriger setzen. Unter fünf Euro kann man in guter Qualität in Deutschland keinen Wein mehr erzeugen, aber das Segment bis etwa zehn Euro wird voraussichtlich mengenmäßig sogar am stärksten wachsen.

Offenbar fehlt es den deutschen Winzern und Weintrinkern vor allem immer noch an Selbstbewusstsein. Denn sonst wäre ja nicht ausgerechnet das Lob des Amerikaners Robert Parker für den Jahrgang 2001 so laut bejubelt worden.

Das war wichtig für den amerikanischen Markt, denn dort bringt so etwas messbare Zuwächse.

Aber es hat auf dem Rückweg nach Deutschland ja auch hier etwas bewegt, hat unkundige Weinfreunde dazu gebracht, deutschen Wein überhaupt für trinkbar zu halten.

Ja, Moden werden halt noch immer in Amerika gemacht. Dort ist ja auch das Thema „Wein und Gesundheit“ hochgekommen, obwohl wir in den weinbautreibenden Ländern seit Generationen wissen, dass Wein in Maßen was Gesundes ist. Aber die Trendwende für den deutschen Wein lag für mich schon im Weinskandal der 80er Jahre. Er hat die Winzer gezwungen, darüber nachzudenken, wo die Dinge falsch laufen. Wir im VDP haben wie viele andere überlegt:Wie definieren wir Qualität neu? Die Weinbranche hat in einer verzweifelten Lage gesteckt, aber sie ist jetzt in der Spitze eine der innovativsten im Lande.

Und dann half auch ein Generationswechsel bei den Weinbauern.

Ungefähr Ende der 80er Jahre. Damals sind jene Winzer abgetreten, die das katastrophale Weingesetz von 1971 und damit die Süß-und-Billig-Welle geschaffen hatten, und es kam die dritte Nachkriegsgeneration ans Ruder, junge Leute mit exzellenter Ausbildung und internationalen Erfahrungen. Sie haben es vor allem geschafft, die Stile neu zu definieren und vor allem neue trockene Weine zu machen, die trotzdem nicht so sauer waren wie ihre Vorläufer in den 70ern. Und nun, nach dem Abflauen der Chardonnay-Welle, stellt man überall fest, dass der Riesling, wie er in Deutschland gemacht wird, eine viel größere geschmackliche Bandbreite hat, damit auch besser zur modernen Küche passt – und mit seiner Leichtigkeit besser in die Zeit.

Na, ob das mit der Leichtigkeit auch für den Jahrgang 2003 gilt?

Nein, das ist kein Leichtwein. Aber er erhöht die Bandbreite und zeigt, was noch so alles möglich ist beim deutschen Wein.

Wird er mit diesen Eigenschaften nicht eher schwer verkäuflich sein?

Als kluger Winzer sollte man nicht versuchen, ihn in einem Jahr auszuverkaufen. Was weiß ich, wann ich mal wieder solche Auslesen ernte? Ich werde sie nur sehr zögernd auf den Markt bringen.

Sind denn überhaupt noch ältere Jahrgänge verfügbar?

Es gibt noch Möglichkeiten, 2001er und 2002er zu kaufen, aber es gibt keine Überbestände, man sollte jetzt rasch zugreifen. In Franken allerdings sind die Keller noch ziemlich voll, weil dort die Flächen ausgedehnt wurden, aber die Vermarktung nicht in gleichem Maße stieg. Deshalb setzten wir im VDP ganz auf die besten Flächen, die steilen Südhänge. Die aber liegen oft brach, weil sie so schwer zu bewirtschaften sind, und wenn das noch 25 Jahre so weiter geht, dann verlieren wir mit diesen Flächen ein prägendes Kul turgut.

Die Rettung der Steilhänge gelingt nur, wenn es mehr Kunden für teure Weine gibt. Der VDP hat nach langen Kämpfen das „Große Gewächs“ etabliert, den typischen Steillagenwein von 15 Euro aufwärts. Wie reagiert der Markt darauf?

Das ist noch immer eine verschwindend kleine Menge, zwei, drei Prozent unserer Produktion. Der Verkauf hat erst im September begonnen, läuft extrem gut, und viele Kollegen sind ausverkauft. Es gibt Nachfrage sogar in Spanien und Italien. Ich hoffe, dass die Flucht aus den guten Lagen damit gestoppt werden kann.

Viele Konsumenten können aber zwischen den normalen Weinen und den Großen Gewächsen geschmacklich kaum unterscheiden, und auch Profis bewerten die Differenz häufig recht gering.

Man kann Weine gut machen, und man kann versuchen, sie perfekt zu machen. Diese Unterschiede sind für den Laien auf den ersten Blick nur schwer zu erkennen, aber für den, der sie erarbeitet hat, sind sie gewaltig, was seine Mühen angeht. Wer es genießt, der schmeckt und sieht und fühlt das dann doch ganz deutlich. Das ist eben Kultur.

Die Großen Gewächse sind ganz überwiegend trocken ausgebaut, und dennoch tun sich trockene deutsche Weine in England und Amerika immer noch sehr schwer.

Nur in England. In Amerika ist der Typ Liebfraumilch, süß und billig, seit dem Weinskandal vom Markt weggefegt. Das Image deutschen Weines ist also damit nicht mehr belastet, und der Kopf ist frei für die neue deutsche Weinwelt. In England werden immer noch jährlich hundert Millionen Liter dieser Weine verkauft. Das Image ist davon immer noch geprägt. Und weil der Handel damit Geld verdient, hat er auch gar kein Interesse an Änderungen.

In Deutschland gibt es ja seit einiger Zeit eher eine Welle der Begeisterung für deutsche Weine. Top-Restaurants sind ohne sie kaum noch vorstellbar.

Berlin hat als trendsetzende Stadt bei dieser Renaissance eine enorme Rolle gespielt. Wir als VDP hatten Glück, weil wir unsere erste Jahrespressekonferenz nach dem Fall der Mauer sofort nach Berlin gelegt haben. Und Berlin hat es uns gedankt, denn hier war man von Anfang an stolz auf die Leistungen des eigenen Weinbaus, während man in München immer Freude daran hatte, zu entdecken, was es in Italien gibt. Da dreht es erst jetzt allmählich, es fängt auch dort an, schick zu sein, deutschen Wein zu trinken.

Gilt das auch für den Rotwein?

Im Rotwein hatten wir unser Potenzial bislang am wenigsten ausgeschöpft. Da haben wir vom Ausland viel gelernt und viel verlorenes Wissen zurückbekommen – die Globalisierung hat uns beim Wiederentdecken der eigenen Stärken sehr geholfen.

Wie geht es in Ostdeutschland weiter? Der VDP hat insgesamt 196 Mitgliedsbetriebe, dort aber erst drei.

Das ist schon überproportional, wenn man nach der Anbaufläche geht. Die Spitze muss klein bleiben, sonst ist sie keine Spitze mehr. Wir haben in den letzten Jahren etwa 60 Mitglieder ausgeschlossen und 90 neu aufgenommen, darunter auch die drei ostdeutschen. Wenn mindere Qualität unter VDP-Etikett auf den Markt käme, würde das dem gesamten Verband schaden, deshalb sind wir so strikt.

Das Gespräch führte Bernd Matthies.

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