Wirtschaft : Das Börsenjahr 2000: Wie ein Mythos verblasst

Heik Afheldt

Himmelhochjauchzend - zu Tode betrübt, das Börsenjahr 2000 wird in die Wirtschaftsgeschichte eingehen als ein Jahr der Wechselbäder und der Blamage für die Analysten. Noch im März konnten sich die Anleger über ein wahres Kursfeuerwerk an den neuen "technologielastigen" Börsen diesseits und jenseits des Atlantiks freuen. Der Nasdaq-Index in New York kletterte von 2500 Punkten im August 1999 auf 5000 Punkte im Frühjahr, der deutsche Nemax 50 gewann seit Jahresanfang bis zum März achtzig Prozent.

Einzelne Highflyer stiegen noch viel steiler in schwindelerregende Höhen. Die glücklichen Anleger sahen in ihren Depotauszügen Kursgewinne bei Spitzenrennern wie EM.TV von 500, 800 oder 1000 Prozent. Aber auch die weniger schillernden Werte wie Siemens, Philips, Telekom oder Infineon bescherten ihren Besitzern kräftige Vermögenszuwächse. Ein wundersames Gefühl plötzlichen Reichtums verbreitete sich und beflügelte den Konsum. Teure Reisen, schicke Autos, große Kunst, alles fand wohlhabende Käufer. Der Boom nährte den Boom. Keiner der Fondsmanager wollte auf diese Hightech-Raketen verzichten. Immer mehr Technologiefonds wurden aufgelegt und heizten die Nachfrage und die Kurse weiter an.

Die frohe Botschaft von der New Economy, der Neuen Wirtschaft, ging um die Welt. Eine neue Ecstasy-Pille, die die Wirtschaft von nun an als eine "gut gelaunte Hightech-Welt" sehen ließ: Anhaltendes Wachstum wie in den Vereinigten Staaten, ohne die alten konjunkturellen Aufs und Abs, kräftige Produktivitätsgewinne und Scharen von neuen, erfolgreichen Firmen rund um den Globus, geboren in Garagen, Labors und an Laptops. Internet-Dienstleister, Anbieter von Informations- und Kommunikationstechnologie und neuer Biotechnologie. Und ab geht die Post in die postindustrielle, in die Wissensgesellschaft.

Nur ging bei dieser scheinbar glücklichen Reise auch ein Stück Wissen über Grundwahrheiten und Gesetzmäßigkeiten der Wirtschaft verloren. Richtig ist, dass die neuen Informations- und Kommunikationsmittel, die Handys und das Internet das Gesicht der Wirtschaft nachhaltig verändern und zu großen Produktivitätsgewinnen führen.

Der strukturelle Wandel läuft noch schneller. Das vergrößert die Wachstumschancen und glättet die alten Konjunkturzyklen. In einer Wirtschaft, in der die Dienstleistungen dominieren und der virtuelle Sektor wächst, spielt der Zyklus der Lagerhaltung nur noch eine geringe Rolle. Gesamtwirtschaftlich wirkt sich die Neue Ökonomie also schon markant aus. Sie erhöht die Transparenz rund um den Globus nicht nur auf den Finanzmärkten, sondern auf allen Gütermärkten, verschärft den Wettbewerb, fördert die Innovationsraten, verringert die Transaktionskosten und verändert die sektorielle Zusammensetzung der Volkswirtschaften. So weit, so gut.

Aber ganz unverändert und bewährt, seit der Venezianer Luca Pacioli 1494 seine Regeln der Buchhaltung niedergeschrieben hat, bleiben auf der Ebene der Einzelwirtschaften die alten Grundsätze erfolgreicher Unternehmensführung gültig. Was auf Dauer keinen Gewinn verspricht, das verschwindet vom Markt.

Diese Einsichten haben viele in der Euphorie der ersten Monate des Jahres 2000 vergessen oder verdrängt. Sie haben die Börsen zu Wettbüros mutiert, ihre Einsätze, oft nur geborgtes Geld, auf von Analysten empfohlene Werte wie auf Rennpferde gesetzt und dabei die fundamentale Performance und die realistischen Chancen ihrer Favoriten nicht beachtet. Warnungen vor der großen Blase gab es genug, nicht nur von US-Notenbankchef Alan Greenspan.

Auf geradezu fantastische Kurs-Gewinn-Verhältnisse, wenn denn überhaupt Gewinne da waren, ist oft hingewiesen worden. Jetzt haben die Spielregeln der alten Ökonomie wieder Beachtung gefunden. Auch auf den neuen Märkten der neuen Wirtschaft starten viele, aber nur wenige kommen ans Ziel. Das war auch früher so. Nur fand der Ausleseprozess schneller statt, weil nie so leicht so viel Kapital am Aktienmarkt eingesammelt werden konnte wie in den Hochzeiten der Neuen Märkte. Innerhalb weniger Wochen haben sich nun die Kurse vieler Hoffnungswerte halbiert oder gar noch stärker reduziert.

Das tut weh und ist für manchen eine harte Landung. Aber es markiert die Rückkehr zur Realität und zur wirtschaftlichen Vernunft, wenn auch wiederum mit Übertreibungen - jetzt nach unten. Kein Zweifel, die neuen Märkte bieten auch künftig große Chancen, aber hinter dem Label der Neuen Wirtschaft verbirgt sich oft nur unternehmerische Misswirtschaft.

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