Wirtschaft : Das Brüsseler Nadelöhr für alle großen Fusionen

JULIE WOLF

Lange nachdem die meisten Eurokraten abends nach Hause gegangen sind, brennt in der Avenue de Cortenberg 150 noch das Licht.Hier arbeitet ein Team von Juristen und Wirtschaftswissenschaftlern, die das Schicksal der großen europäischen Fusionen in der Hand haben.Der Gruppe gehören 46 Fallbearbeiter an, die meisten sind um die dreißig Jahre alt.Dazu kommen 36 unterstützende Mitarbeiter.Die jährlichen Verwaltungskosten abzüglich der Gehälter: 700 000 Dollar.Dies ist das Nadelöhr, durch das alle Unternehmenskamele müssen.Das Team ist die "Merger Task Force" (MTF) der Europäischen Kommission, die Arbeitsgruppe für Fusionskontrolle.Ihr Auftrag: die Überprüfung großer Fusionen, um sicherzustellen, daß sie den Wettbewerb in der EU nicht verzerren.

Die Zahl der Fusionen, mit der sich die Kommission in diesem Jahr befaßte, ist sprunghaft auf 204 angestiegen; sie übersteigt um ein Leichtes die vom letzten Jahr von 163 und läßt die Zahl von 63 im Jahre 1991 klein erscheinen.Es ist kein Wunder, daß sich die Mitarbeiter der MTF bis in die Nacht hinein durch Berge von Dokumenten graben, immer im Kampf gegen die Uhr.Sogar Karel Van Miert, der oberste Kartellwächer der EU, räumt ein, daß die Institution zu klein ist, um mit der Zahl der Fälle fertig zu werden."Wir können nicht weiterhin Wunder vollbringen", sagt er: "Nicht nur, daß es immer mehr Fälle werden.Sie werden auch immer komplizierter."

Van Miert, ein flämischer Sozialist, dessen umgängliche Art über seine beharrliche Entschlossenheit hinwegtäuscht, hat nicht vor, das einfach so hinzunehmen.Er startete eine Reihe von Initiativen, die über Einstellung weiterer Mitarbeiter hinausgehen.Van Mier will der MTF auch die Möglichkeit eröffnen, weniger kontroverse Fälle auch weniger eingehend zu prüfen, ohne potentiell wettbewerbsfeindliche Fusionen durch das Netz schlüpfen zu lassen."Ein Viertel der Fälle wirft keine Wettbewerbsprobleme auf, löst aber dennoch eine Prüfung aus." Er schlägt deshalb folgendes Verfahren vor: "Wenn es von Anfang an absolut klar ist, daß dem weder Wettbewerbsbelange entgegen stehen noch Beschwerden vorliegen, würden wir einfach einen Monat verstreichen lassen, dann würde die Genehmigung automatisch als erteilt gelten." So würden die oft umfangreichen Einwilligungserklärung vermieden.Das Arbeitspensum wäre besser zu bewältigen, wenn die MTF nicht unter großem Zeitdruck arbeiten müßte.Nach EU-Recht muß die Kommission binnen fünf Monate zu einer endgültigen Entscheidung kommen.Bisher hat die MTF nur eine einzige Frist versäumt und bewiesen, daß sie den Anforderungen, weitreichende Entscheidungen in kurzer Zeit zu treffen, gewachsen ist.Dennoch gerät die MFT gelegentlich unter Beschuß.Kritiker fürchten, daß der Mitarbeiterstab zu jung und zu leicht beeinflußbar sei und daß es ihm an Fachwissen fehle.

Als die MTF 1991 ihre Arbeit aufnahm, lagen die Dinge noch anders.In jenem Jahr betrug der Gesamtwert der in Europa angemeldeten Fusionen nur 221 Mrd.Dollar, weniger als ein Drittel des diesjährigen Wertes.Van Miert weist die Bedenken zurück, daß seine Forderung nach einer Beschleunigung des Genehmigungsverfahrens dazu führen könnte, daß einige wettbewerbsfeindliche Fusionen durchschlüpfen könnten.Ganz im Gegenteil, argumentiert er.

Zum besseren Verständnis muß man sich das Verfahren vor Augen führen: Die Uhr beginnt von dem Zeitpunkt an zu laufen, in dem ein Unternehmen der Kommission eine formale Mitteilung von einem Fusionsvorhaben macht.Das löst eine einmonatige Untersuchung aus, während der die MTF Fragebögen an Rivalen, Klienten und andere betroffene Parteien versendet.Die MTF versucht zu ergründen, ob das fusionierte Unternehmen hinsichtlich eines Produktes oder einer Dienstleistung einen unlauteren Anteil am Markt kontrollieren würde.Gegebenenfalls leitet die MTF eine eingehendere Untersuchung ein, die innerhalb von vier Monaten beendet sein muß.

Vor zwei Jahren machte der Boeing-Fall Geschichte.Die Kommission drohte, die Übernahme von McDonnel Douglas durch Boeing zu verhindern.Der Fall brachte EU und USA an den Rand eines Handelskrieges, da die Verhandlungsführer von Boeing sich bis zur letzten Minute den von van Miert geforderten Konzessionen widersetzten.Nach harten Verhandlungen, in die auch der amerikanische Präsident eingriff, erklärte sich Boeing schließlich einen Tag vor der Entscheidung der Kommission bereit, die Ausschließlichkeitsklausel aufzugeben und andere Veränderungen vorzunehmen.Kartellanwälte sagen, der Boeing-Fall lehre andere Firmen, die eine Genehmigung anstreben, die Entschlossenheit der Kommission nicht zu unterschätzen und frühzeitig, nämlich schon zu einem Zeitpunkt, in dem die Fusionsverhandlungen noch in Gang sind, mit der MTF zu kommunizieren.Das gebe der MTF Zeit, sich vorzubereiten, bevor die Uhr zu laufen beginnt."Ein Schlüssel zur Genehmigung ist, die MTF über die Fusionsabsichten zu informieren", sagt Gerril Schohe, ein Teilhaber der Feddersen Laul Scherzberg & Ohle Hansen Ewerwahn.Das widerstrebt einigen Managern begreiflicherweise..

Tatsächlich steht die MTF in dem Ruf, Geheimnisse nicht allzu gut zu wahren.Dazu kommt, daß die Verhandlungen zur Genehmigungserteilung ohnehimm immer schwieriger werden, weil immer mehr Bereiche betroffen sind, in denen die MFT keine große Erfahrung hat.Ein weiteres Manko ist, daß die MTF nicht in Fachbereiche aufgeteilt ist.Obgleich sich einige Sachbearbeiter Sachkenntnisse angeeignet haben, bewegt sich das aus zwei bis fünf Personen bestehende Team, das mit einer Fusionsprüfung beauftragt wird, am Anfang einer Untersuchung in der Regel auf unbekanntem Terrain.

Unternehmen und Rechtsanwälte finden die mangelnden Fachkenntnisse frustrierend, besonders wenn der Sachbearbeiter auf Informationen durch die Konkurrenten angewiesen ist."Die Aufgabe eines Juristen besteht darin, diese Leute mit dem Löffel zu füttern", sagt Schohe.Die Funktionäre der MTF argumentieren, daß die Vielfalt der Fälle dazu beitrage, die Sinne für wettbewerbsbeschränkende Elemente von Fusionen zu schärfen."Ein gewisser Grad von Unwissenheit ist am Anfang recht nützlich", meint John Gatti, der 1994 bei der MTF anfing.

Doch der Job ist nichts für Jedermann."Wir hatten einen sehr guten Mitarbeiter", erinnert sich Gatti, "den seine Frau vor die Wahl stellte: "entweder ich oder die MTF." Er entschied sich für seine Frau.

Übersetzt und gekürzt von Karen Wientgen (Übernahmen, Japan) und Svenja Rothley (Duty free, van Miert).

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