Wirtschaft : Das Bündnis für Arbeit strahlt aus auf die Tarifpolitik

ALFONS FRESE

Der Arbeitgeberverband Gesamtmetall hat die Kirchen entdeckt.Beziehungsweise die neun Gebote zur Wirtschafts- und Sozialpolitik der Deutschen Bischofskonferenz.Insbesondere das fünfte Gebot hat es den Arbeitgebern angetan.Und so lautet denn die Forderung der Bischöfe: "Beschäftigung ausweiten, Arbeitslose integrieren".Also nahmen die Verbandsstrategen den klerikalen Beistand an und leiteten daraus einen Maßhalteappell ab: "Forderungen nicht überziehen".Und weiter: "Getragen vom Gebot der christlichen Nächstenliebe", so schreiben die Gesamtmetaller, seien die Schöpfer der neun Gebote zur Einsicht gekommen, neue Arbeitsplätze gebe es nur "wenn die Entlohnung der Arbeit ihrer Produktivität entspräche".

Wer in Bedrängnis kommt, bemüht gern geistlichen Beistand.Gesamtmetall ist mit wackligen Knien in die Tarifrunde 1999 gestartet.Die Tariflokomotive IG Metall hat das "Ende der Bescheidenheit" ausgerufen und 6,5 Prozent mehr Lohn gefordert.Vom "Schluck aus der Lohn-Pulle" ist die Rede und davon, daß endlich wieder mehr Geld in die Taschen der Arbeitnehmer fließen müsse.Mit 5,5 Prozent etwas unter der Metallforderung liegt die ÖTV.Insgesamt betreffen die Tarifverhandlungen 1999 mehr als elf Millionen Beschäftigte.Trendsetter ist die Metallindustrie.Beträchtliche Erwartungen an die Lohnrunde in dieser Kernbranche hat Gesamtmetall-Präsident Werner Stumpfe selbst geweckt, indem er einen Tarifabschluß in der Größenordnung der erwarteten Produktivitätssteigerung von vier Prozent in Aussicht stellte.Die Frage sei nur, wieviel davon für Lohnerhöhungen und wieviel für neue Arbeitsplätze aufgewendet werde, hatte Stumpfe gemeint.Diese Differenzierung wurde schnell vergessen; dagegen blieben die vier Prozent hängen.Ein Abschluß unterhalb der "Stumpfe-Marke" wird den Arbeitnehmern nun kaum zu vermitteln sein.Die Tarifforderungen von bis zu 6,5 Prozent "enthalten erstmals seit einigen Jahren wieder eine deutliche Umverteilungskomponente", schreibt das Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Institut des DGB (WSI).In der Metallindustrie, bei Banken und Versicherungen, im öffentlichen Dienst, bei Post und Telekom, sind nach DGB-Angaben mehr als sieben Millionen Beschäftigte von den Tarifverhandlungen betroffen.Bis Ende April laufen zudem die Tarifverträge im Baugewerbe, in der Chemieindustrie, in großen Teilen des Handels und bei der Bahn aus.

"Die kommende Tarifrunde wird stark beeinflußt von den Gesprächen über ein Bündnis für Arbeit und mögliche Vereinbarungen über Tariffonds zur Finanzierung einer abschlagsfreien Rente ab dem 60.Lebensjahr", schätzt das WSI die Situation ein.Jedenfalls wollen die Arbeitgeber die Lohnpolitik in die Bündnisgespräche einbeziehen.Die Einzelgewerkschaften lehnen das ab.IG-Metall-Chef Klaus Zwickel hat wiederholt deutlich gemacht, daß er die Gesprächsrunde verlassen will, falls dabei über Lohnleitlinien gesprochen werden sollte.Der nordrhein-westfälische IG-Metall-Bezirkschef Harald Schartau meinte, die Tarifrunde stehe allenfalls in einem "atmosphärischen Zusammenhang" mit dem Bündnis.Doch allen Beteiligten dürfte klar sein, daß das mit hohen Erwartungen belastete Bündnis bei den Tarifverhandlungen nicht unberücksichtigt bleiben kann.Nach dem ersten Treffen Anfang Dezember im Kanzleramt erklärten die Teilnehmer, "die Tarifautonomie bleibt unangetastet".Das ist zwar unumstritten.Aber wenige Absätze weiter heißt es, alle Beteiligten befürworteten "eine Tarifpolitik, die den Beschäftigungsaufbau unterstützt".Und das ist für die Gewerkschaften eben eine deutliche Lohnerhöhung zur Stärkung der Binnennachfrage, und damit der Konjunktur und Investitionstätigkeit, was schließlich neue Arbeitsplätze bringe.Die Ankurbelung des privaten Verbrauchs im Inland sei auch deshalb besonders wichtig, weil das Exportwachstum nachlasse.Im übrigen ist insbesondere die IG Metall mit den Arbeitsplatzeffekten einer moderaten Tarifpolitik äußerst unzufrieden.Nach Angaben der Gewerkschaft sind zwischen 1993 und 1997 die Gewinne in der Metallbranche insgesamt von einer Mrd.DM auf 34 Mrd.DM gestiegen.Dennoch sei die Zahl der Beschäftigten von vier Millionen auf 3,4 Millionen gesunken."Verteilungsungerechtigkeit und Arbeitslosigkeit sind im Gleichschritt gewachsen", klagt Klaus Zwickel und reklamiert das "Ende der Bescheidenheit".

Der neue Wirtschaftsminister versucht zu bremsen, und Gesamtmetall macht eine ganz andere Rechnung auf."Vor allem" dank der behutsamen Lohnrunden 1997/98 seien "Hunderttausende Arbeitsplätze erhalten worden".Und allein in den ersten acht Monaten des jetzt endenden Jahres seien in Metallunternehmen rund 64 000 neue Arbeitsplätze geschaffen worden.Und schließlich greift Gesamtmetall noch einmal auf das fünfte Gebot der Bischofskonferenz zurück: "Alle Akteure müssen eigene Interessen zurückstellen, damit notwendige Reformen gelingen können."

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