Wirtschaft : Das deutsche Bankensystem wankt

Die großen Geldhäuser in Deutschland haben das schwierigste Jahr der Nachkriegsgeschichte hinter sich

Rolf Obertreis[Frankfurt (Main)]

Von Rolf Obertreis,

Frankfurt (Main)

Noch spät am Abend sind in diesen letzten Tagen des Jahres die Büros erleuchtet. Lukrative Geschäfte werden in den Frankfurter Bankentürmen allerdings nicht abgeschlossen. Die Banker suchen vielmehr nach Sparmöglichkeiten. Die eigentlichen Geschäfte der Geldhäuser liegen weitgehend brach, 2002 war das schlimmste Bankenjahr in der Nachkriegsgeschichte. Bei den vier größten deutschen Banken häufen sich Verluste von mehreren Milliarden Euro an, die nur durch Verkäufe von Beteiligungen und Aktien kaschiert werden können. Doch kalt erwischt wurden die Herren um Deutsche Bank-Chef Josef Ackermann, Bernd Fahrholz von der Dresdner Bank, Klaus-Peter Müller von der Commerzbank und Albrecht Schmidt von der HypoVereinsbank keineswegs.

Bankenpräsident Rolf E. Breuer hatte schon im November 2001 gewarnt, die Branche stecke in einer selbstverschuldeten Strukturkrise. „Das Bankensystem ist höchst fragil.“ Der Boom an den Börsen habe viele Defizite „überkleistert". Zwölf Monate später haben die Banken, wie Breuer sagt, den „Ernst der Lage erkannt". Die Situation ist so heikel, dass sogar die Europäische Zentralbank (EZB) ihren Beitrag zur Sanierung der Banken leisten soll: Die Senkung der Leitzinsen werde nicht an die Kunden weitergegeben. „Das können wir uns nicht leisten“, sagte Breuer Mitte Dezember und provozierte damit einen Sturm der Entrüstung. Die Krise ist zu einem beträchtlichen Teil hausgemacht. Die Banken haben versäumt, ihre Strukturen auf schlechtere Zeiten vorzubereiten. Deshalb erwischt sie die dramatische Talfahrt an den Börsen und die flaue Konjunktur doppelt schwer.

Das Wertpapiergeschäft liegt brach, die Provisionseinnahmen rutschen in den Keller. Das Geschäft mit Neuemissionen, mit Fusionen und Übernahmen ist tot. Die teuren Investmentbanker drehen Däumchen. Auch im Kreditgeschäft hapert es massiv, lukrative Abschlüsse sind rar, neue Engagements gehen die Banken erst gar nicht ein. Das bestehende Kreditportfolio macht wegen der Insolvenzwelle schwer zu schaffen. Nicht nur Großpleiten wie bei Babcock, Holzmann, Kirch oder auch Enron und Worldcom in den USA beuteln die Banken, es sind auch die vielen Mittelständler, die aufgeben müssen. Auch die Wirtschaftskrisen in anderen Weltregionen, in Argentinien und Brasilien zum Beispiel, hinterlassen ihre Spuren.

Kostspieliges Investment-Banking

Allenthalben müssen Ackermann und Co. milliardenschwere Rückstellungen bilden. Die Dresdner Bank wird getroffen wie kein anderes Institut - mehr als drei Milliarden Euro Verlust im Bankgeschäft nach neun Monaten. Ein Minus von fast 450 Millionen Euro ergibt sich bei HypoVereinsbank, ähnlich sieht es bei der Commerzbank aus. Nur die Deutsche Bank weist von Januar bis Oktober einen Gewinn von rund einer Milliarde Euro aus. Allerdings musste auch sie im dritten Quartal einen Verlust von 181 Millionen Euro hinnehmen.

Für die Banken rächen sich die hohen Ausgaben im Investment-Banking Ende der neunziger Jahre. Für Milliarden wurden Firmen gekauft, Spitzenkräfte mit Top-Gehältern gelockt oder zum Bleiben bewegt. „Uns ist alles aus dem Ruder gelaufen“, sagt ein Banker kleinlaut. Seit Monaten haben die Banken faktisch nur zwei Optionen zur Krisenbewältigung: Die Kosten drastisch herunterfahren und den Verkauf von Tafelsilber vorantreiben. Das trifft vor allem die Beschäftigten. Allein die Großbanken werden bis Ende 2003 rund 40000 Arbeitsplätze streichen, ein Großteil davon ist bereits weggefallen. 14500 Jobs kippt die Deutsche Bank, 11000 sind es bei der Dresdner Bank, deren Übernahme durch die Allianz sich mehr und mehr als teurer Flop erweist.

Auch Top-Manager wie Leonhard Fischer, einst gefeierte Jungbanker, werden nicht verschont. Er hat seinen Vorstandsjob bei der Dresdner Bank verloren. Viele Filialen werden geschlossen, etliche durch Automaten ersetzt. Was wiederum Kunden verärgert, weil sie längere Wege in Kauf nehmen und auf Beratung verzichten müssen. Mehr Ertrag bringt diese Strategie kaum. Wichtiger wären Kooperationen. Seit über einem Jahr basteln die Großbanken an gemeinsamen Unternehmen für den Zahlungsverkehr und die Wertpapierabwicklung - ohne Erfolg. Lediglich im Hypothekenbank-Geschäft haben Deutsche, Dresdner und Commerzbank zusammengefunden. Eine Großfusion erscheint derzeit ausgeschlossen, auch wenn ein Zusammenschluss von Commerzbank und Hypo-Vereinsbank, wie Hypo-Chef Schmidt meint, eine „gewisse innere Logik“ hätte. Aber erst wenn beide Banken ihre eigenen Häuser in Ordnung gebracht haben.

Die Annäherung an die Sparkassen ist vergebene Mühe, denn Konsolidierung über die Grenzen der Institutsgruppen hinweg kommt für Sparkassen-Präsident Dietrich Hoppenstedt nicht in Frage: Die Großbanken wollten sich nur auf Kosten der Sparkassen sanieren. Bleibt der Verkauf von Beteiligungen. Keine Bank ist dabei so konsequent wie die Deutsche. Papiere der Allianz, der Münchener Rück, von Linde und von Südzucker wurden abgegeben, diverse Geschäftssparten abgestoßen. Milliarden wurden so in die Kasse gespült. Commerzbank und Dresdner Bank verkaufen ebenfalls, allerdings ist ihr Fundus nicht so reich wie bei der Deutschen. Die Hypo-Vereinsbank gliedert ihr Immobiliengeschäft aus.

2003 werden die Banken weiter an der Kostenschraube drehen müssen. Das eigentliche Bankgeschäft wird nur schwer auf Touren kommen. Commerzbank-Chef Müller rechnet nicht mit einer „signifikanten“ Verbesserung. „Wir können vor 2004 keine guten Zahlen erwarten.“ Die Aussichten für die Großbanken sind wenig erfreulich, solange Konjunktur und Börse nicht an Fahrt gewinnen. Und solange sie ihre Kosten nicht im Griff haben. Ob es Dresdner und Commerzbank in ihrer heutigen Form in zwölf Monaten noch gibt, ist deshalb fraglich.

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