Wirtschaft : Das digitale Desaster

Der Niedergang der Druckmaschinenhersteller liegt auch an der Qualität der Anlagen – sie halten zu lange.

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Bau ab, bau ab. 2000 Stellen plant Heidelberger Druck, hier ein Foto aus dem Werk in Wiesloch, zu streichen. Foto: dpa
Bau ab, bau ab. 2000 Stellen plant Heidelberger Druck, hier ein Foto aus dem Werk in Wiesloch, zu streichen. Foto: dpaFoto: dpa

Berlin - „Die Druck- und Papiertechnik hat die weltweite Wirtschaftskrise überwunden.“ Dieser Satz ist ziemlich genau ein Jahr alt und stammt aus einer Pressemitteilung des Maschinenbauverbands VDMA. Spätestens mit der Insolvenz von Manroland hat sich diese Aussage für das Segment der Druckmaschinenhersteller erledigt. Inzwischen ist die einstige Branchengröße zerschlagen. Während das Geschäft mit Rollendruckmaschinen aus Augsburg an das Lübecker Familienunternehmen Possehl wandern soll, könnte es nach den Plänen des Insolvenzverwalters in den Werken Offenbach und Plauen zu einem Management-Buyout kommen: Führende Mitarbeiter könnten die Standorte übernehmen und weiterführen. Rund die Hälfte der zuletzt 4400 Arbeitsplätze dürfte verloren gehen.

Die nächste schlechte Nachricht trifft rund 2000 Mitarbeiter von Heidelberger Druck, die, wie das Unternehmen in dieser Woche mitteilte, ihren Job verlieren werden. Überkapazitäten in einem ohnehin schrumpfenden Markt machen dem Branchenführer zu schaffen. „Bis Mitte 2011 war diese Entwicklung nicht abzusehen“, rechtfertigt Markus Heering, Geschäftsführer des zuständigen VDMA-Fachverbands die Diskrepanz zwischen dem Ausblick Anfang 2011 und der Realität ein Jahr später. Als eine Ursache nennt er die Struktur der Kunden in der Branche. Etwa 90 Prozent seien Kleinstunternehmen mit bis zu 15 Mitarbeitern, die bei ersten Anzeichen einer konjunkturellen Eintrübung Bestellungen zurückzögen oder geplante Investitionen verschöben. Bei den hohen Anschaffungskosten für die Maschinen sei dies durchaus nachvollziehbar.

Anders als der übrige Maschinenbau hat sich die Branche nie von der tiefen Wirtschaftskrise 2008/09 erholt. Zwar beherrschen die großen deutschen Hersteller, zu denen neben Heideldruck und bis vor kurzem Manroland auch Koenig & Bauer gehört, noch immer den Weltmarkt. „Doch das Druckvolumen weltweit sinkt, vieles wandert in die digitalen Medien ab“, beschreibt Gordon Schönell, Analyst beim Bankhaus Lampe, eines der zentralen Probleme der Hersteller. Zeitungen, Buchverlage und Werbeagenturen nutzen verstärkt das Internet oder mobile Kanäle wie Smartphones und Tablet-Computer, um ihre Inhalte zu verbreiten.

Eine weitere Schwierigkeit ist, dass ehemals große Absatzmärkte wie die USA die Krise nicht so schnell überwunden haben wie gehofft. Die neuen Märkte in Asien und Südamerika wachsen zwar schnell. „China ist für Heideldruck inzwischen der größte Markt“, sagt Analyst Schönell. Die anderswo verloren gegangenen Umsätze können sie damit jedoch noch nicht kompensieren. Ein drittes großes Problem ist paradoxerweise die hohe Qualität der Maschinen. „Jede neue Maschine ersetzt drei alte“, sagt VDMA-Fachmann Heering. Zunehmende Preisdruck unter den Abnehmern führe zudem dazu, dass sie neue Maschinen erst nach bis zu 15 Jahren und nicht wie früher nach sieben Jahren austauschten. Laut Statistischem Bundesamt lag die Produktion von Rollenoffsetdruckmaschinen, die etwa für Zeitungsdruck genutzt werden, 2010 um rund die Hälfte niedriger als vor zehn Jahren. Beim Bogenoffsetdruck ist der Einbruch noch dramatischer. Das größte Potenzial sehen Hersteller und Analysten derzeit beim Verpackungsdruck – weil Verpackungen immer aufwendiger werden und der Bedarf durch wachsenden Wohlstand in Schwellenländern steigt. Der VDMA schätzt das Wachstumspotenzial dort in den kommenden Jahren auf 20 Prozent. Doch auch, wenn sich die Lage bessern sollte: Die zunehmende Digitalisierung wird dafür sorgen, dass der Markt nie wieder die Größe wie vor der letzten Krise erreicht, ist sich Heering sicher.

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