Wirtschaft : "Das Embargo hat uns kreativ gemacht"

STEVE GLAIN

Ohne die internationale Ächtung Iraks wäre Nouzad Areil noch heute leitender Angestellter in einem Unternehmen, das Industrieglas herstellt.Doch der jahrelange Krieg und die von der UNO verhängten Sanktionen haben die irakische Volkswirtschaft gezeichnet und deren einst erfolgreiche Unternehmen dahingerafft.Daher verdient der 56jährige Ingenieur seinen Lebensunterhalt mit der Reparatur von Motoren.In einer schmalen Verkaufsbude aus Beton an der Sheik Omar Straße in Bagdad arbeitet er an selbst gebauten Maschinen.

Areil gehört der hochqualifizierten Akademikerschicht Iraks an, die im Laufe des ein Jahrzehnt dauernden Embargos zu einer Generation von Handwerkern degradiert wurde.Facharbeiter, Manager, Ingenieure und Lehrer haben entlang der Sheik Omar Straße, Bagdads Markt für gebrauchte Ersatzteile, Geschäfte eröffnet - und das mit beispiellosem Einfallsreichtum.Wie die meisten Iraker über 50 sah sich Areil gezwungen, seinen Arbeitsplatz aufzugeben, als die Inflation die Gehälter aushöhlte.Er hat ganz von vorne angefangen.

Menschen wie Areil improvisieren und recyceln Maschinen und Bestandteile, die wegen der Sanktionen nicht verfügbar sind und nicht in den Irak geschmuggelt werden können.Hinter der Sperrholzplatte, die Areils bescheidenes Büro von seiner Werkstatt trennt, steht eine Pressmaschine, die er aus einem alten Generator, einem Eisenrahmen und einer hydraulischen Pumpe zusammengeschweißt hat.Am Ende eines Gummischlauches ist ein Metallapparat festgeklemmt, den er und zwei seiner Mitarbeiter aus einer alten rumänischen Drehbank konstruiert haben."Das Embargo hat uns kreativ gemacht", sagt Areil, der ein matrosenblaues Jacket über einem gleichfarbigen Gewand und einen roten Karoschal trägt."Wir greifen auf unser Know-how zurück und passen es den Umständen an."

Viele der angebotenen Ersatzteile an der Sheik Omar Straße stammen von Maschinen, die noch aus Zeiten vor den Sanktionen stammen.Damals verkaufte Ali Hassan importierte Reifen in einem glänzenden Ausstellungsraum.Jetzt repariert er sie auf einer selbstkonstruierten Maschine, die aus einer Preßmaschine, einem Schwungrad und einem Bügeleisen besteht.Hassan schmilzt mit dem Bügeleisen die Gummiflicken und klebt sie auf die Löcher im Reifenmantel, anschließend vernäht er die Gummiflicken mit Nylonfaden.Dann befestigt er Metallschrauben in der Reifenoberfläche, um das Gummiprofil der abgefahrenen Reifen wiederherzustellen.Unter einem Foto des irakischen Präsidenten Saddam Hussein repariert Hassan etwa 20 Reifen am Tag.

Auf der anderen Straßenseite stellt Abdullah Jamu auf einer alten Drehbank Kurbelwellen aus zylindrischen Metallstücken her; Kurbelwellen sind im Iran knapp.Der Ingenieur leistet auch Körperarbeit bei eingebeulten Kraftfahrzeugen: Er macht das eingedellte Metall mit einem Gasschweißgerät weich und klopft das Karosserieteil wieder in die richtige Form.Dabei verwendet er einen 1,3 kg schweren Hammer aus China, der ursprünglich einen Holzschaft hatte.Der Schaft brach schon vor langer Zeit, Jama sorgte für Ersatz, indem er eine Stahlplatte zu einem Schaft walzte und anschweißte.

Keine Arbeit ist zu erniedrigend.Am anderen Ende der Straße durchsucht Mohammad Abbas eine Müllkippe nach Futter für seine 20 Hühner, die genug Eier legen, damit er täglich etwa 1200 Dinar am nahegelegenen Markt verdient.Er durchwühlt den Müll auch nach Kupferdraht oder ausrangierten Röntgennegativen, die er an einen Goldschmied wegen der Metallkomponenten verkauft.Nicht zuletzt recycelt Abbas kaputte Gummibänder, indem er die Enden mehrerer Stücke verknotet.Abbas, der älter als 45 Jahre aussieht, war früher Mathematiklehrer.

In seinem bescheidenen Laden blättert Areil durch einen alten Katalog mit Geräten vom britischen Unternehmen Gates Hydraulics.Er nickt anerkennend bei einem der Modelle."Das ist etwas, das wir nicht selbst machen können", sagt er."Wenn es die Sanktionen nicht gäbe, würde ich es importieren." Bevor er an die Arbeit zurückkehrt, bittet Areil seinen ausländischen Besucher, ihm aus den USA eine Zeitschrift für Maschinenbau zu schicken."Irgendeine", sagt er."Wir müssen soviel aufholen."



Übersetzt von Karen Wientgen

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